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»Beim Jupiter und den Göttern des Olymp!«, rief er. »Ihr seht ja noch abstoßender aus als das Gefräßige Biest!«

»Aaarrhhh!«, brüllte Deodonatus, und Aluph spürte die Spucke an seinen Wangen. »Verschwinde, du … du hirnloser Scharlatan! Ich bin vielleicht hässlich, aber ein Dummkopf bin ich nicht. Du kannst die Zukunft nicht vorhersagen, nicht mal, wenn sie dich beißen würde!«

Aluph brauchte keine weitere Aufforderung. Er lief durchs Zimmer, riss die Tür auf und stürmte auf den Gang hinaus. Während er die Treppe hinunterjagte und dabei drei Stufen auf einmal nahm, konnte er immer noch hören, wie Deodonatus in seinem Zimmer tobte, schrie und mit den Füßen aufstampfte.

Vom Fenster aus beobachtete Deodonatus, wie Aluph die Straße hinunterrannte. Dann nahm er den Spiegel aus der Tischschublade und wickelte ihn aus. Langsam hielt er ihn vor sein Gesicht und sah hinein, aber schon nach wenigen Sekunden warf er ihn auf den Boden, wo er in hundert Stücke zersplitterte.

»Was bin ich für ein Narr!«, tadelte er sich.

In seinen Augen blitzte es auf, als sein Blick auf die zwei Blätter Papier auf dem Schreibtisch fiel. Er warf sie ins Feuer. Dann setzte er sich, nahm einen neuen Bogen aus der Schublade und fing an zu schreiben. Er brummte und murmelte ständig vor sich hin, während seine Feder über die Seite kratzte und dabei Risse im Papier hinterließ. Schließlich rollte und band er das Papier zusammen und läutete nach dem Jungen. Kaum war dieser verschwunden, ging Deodonatus, in Mantel, Schal und Mütze gehüllt, in die Nacht hinaus.

Kapitel 34

In Deckung

Pin und Juno liefen über die vereisten Gehwege zu Mr Gaufridus’ Laden, und während Pin ausführlich berichtete, was er in Aluphs Zimmer gesehen und gehört hatte, wurden Junos Augen immer größer.

»Und das alles will Aluph heute Abend Coggley erzählen«, schloss er mit einer ausladenden Handbewegung.

»Coggley würde ein kleiner Schubs mit so einem Funkenstock ganz guttun«, sagte Juno lachend. »Aber wie soll das alles helfen, den Silberapfel-Mörder zu finden?«

»Also, ich hab nachgedacht«, sagte Pin. »Wenn wir herausfinden, wer solche Stöcke gekauft hat, könnten wir dem Mörder doch auf die Spur kommen.«

Juno zog die Augenbrauen hoch. »Wie sollen wir denn das anfangen?«

»Wir könnten zum Chronicle gehen«, schlug Pin vor, »und fragen, wer die Anzeige aufgegeben hat.«

Juno wirkte nicht so überzeugt. »Aber der Mörder hat ihn ja vielleicht gar nicht von der Zeitung gekauft, sondern von irgendjemandem, der schon einen hatte. Oder …«, sie zögerte einen Augenblick, »vielleicht ist ja Aluph selbst der Mörder.«

Pin lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, der ist eindeutig zu groß.«

Als sie in die Melancholy Lane einbogen, wurde Juno immer langsamer und zupfte Pin schließlich am Ärmel.

»Bist du sicher, dass Mr Gaufridus nicht da ist?«

»Ganz sicher«, sagte Pin. »Der einzige Mensch, der sich heute Nacht hier aufhält, ist ein Toter!« Trotzdem spähte er zur Sicherheit durchs Fenster des Bestattungsunternehmers, bevor er mit seinem Schlüssel die Tür aufsperrte. Dann huschten sie beide hinein, vorbei an glänzend polierten Särgen und marmornen Grabsteinen, und stiegen schließlich die Treppe zum Kellerraum hinunter, wo Pin eine Lampe anzündete. Juno sah sich in der Werkstatt um, betrachtete die Geräte auf der Werkzeugbank und die halb fertigen, aufeinandergestapelten oder an die Wand gelehnten Särge. Sie ging auf die schwarze Tür der Cella Moribundi zu, öffnete sie aber nicht.

»Wer ist da drin?«

»Albert«, sagte Pin schlicht. »Ein ziemlich großer Kerl. Sieh mal, dort ist sein Sarg. Ich musste ihn extra passend für ihn machen.« Er zeigte auf einen Sarg, der auffallend tiefer und länger war als die übrigen und fast aufrecht an der Wand stand.

»Komm«, sagte Pin, der endlich die Arbeit tun wollte, für die er bezahlt wurde. »Wir gehen rein.«

Juno hielt die Kerze hoch und folgte ihm.

»Oh, wie kalt!«, sagte sie fröstelnd.

»Man gewöhnt sich dran.« Pin entzündete die Kerzen an den Wänden, und durch die zuckenden Schatten wirkte der kleine Raum plötzlich lebendig. Albert, ein großer, kräftiger Mann, lag auf dem Tisch aufgebahrt.

Juno kam heran und betrachtete ihn aus der Nähe. »Wie ist er gestorben?«

»Sein Pferd hat ihn gegen den Kopf getreten«, sagte Pin. »Aber man sieht es ihm nicht an. Mr Gaufridus hat gute Arbeit geleistet.«

Das hatte er allerdings. Wenn man die unerträglichen Schmerzen bedenkt, die Mr Albert H. Hambley unmittelbar vor seinem Tode gequält haben mussten, sah er überraschend friedlich aus. Juno wandte ihre Aufmerksamkeit den Schränken und Schubladen zu, öffnete und schloss sie, nahm Sachen heraus und stellte Pin dabei alle möglichen Fragen. Er antwortete bereitwillig, während er hinter ihr herging und dabei alles wieder an Ort und Stelle legte.

»Wie weit bist du übrigens mit der Lösung des Geheimnisses der Leichenmagie?«, fragte sie unvermittelt und schwang eine Eisenzange durch die Luft.

Pin sah sie von der Seite an, während er die Einstichnadeln in der Schublade wieder nach Länge und Stärke ordnete. »Ich hab noch nicht aufgegeben, weißt du? Glaub mir, ich geh mit dir.«

»Vielleicht liegt die Antwort ja direkt vor deiner Nase«, sagte Juno leichthin und irgendwie rätselhaft.

Pin sah auf. »Wie meinst du das?«

»Wirst schon sehen.«

Sie will, dass ich ihr Geheimnis herausfinde, dachte Pin aufgeregt, doch als er nachhakte, weigerte sie sich, mehr zu verraten. Sie stöberte weiter in den Schränken, und am Ende kamen Pin Bedenken. »Ich finde, du solltest das lassen«, sagte er. »Manche von diesen Schränken sind privat. An die geh nicht mal ich dran.«

»Na schön«, sagte Juno, »aber sieh dir mal das hier an. Es war nicht im Schrank; ich hab’s dahinter gefunden.«

Sie hielt einen aufwendig gearbeiteten Gegenstand hoch, und Pin wurde blass und wich einen Schritt zurück.

»Was ist das?«, fragte Juno. »Was hast du denn?«

Pin spürte, wie sich das Herz in seinem Brustkorb verkrampfte.

»Teufel auch!«, flüsterte er. »Das ist ein Funkenstock!«

Sie verstummten für einen Augenblick, und gleichzeitig begriffen sie auch, was diese unbeabsichtigte Entdeckung womöglich bedeutete.

»Oh Gott«, sagte Juno leise. »Meinst du, dass …«

Doch bevor sie ausreden konnte, ließ sie das Geräusch von Schritten im Raum über ihnen aufblicken.

»Mr Gaufridus«, flüsterte Pin. »Das kann nur Mr Gaufridus sein. Schnell! Wir müssen uns verstecken.«

Hastig steckte Juno den Funkenstock wieder hinter den Schrank. Dann fasste Pin sie am Arm und zog sie in die Werkstatt. Dort drückte er sie in den nächstbesten Sarg – zufälligerweise den von Mr Albert H. Hambley – und konnte gerade noch den Deckel an seinen Platz schieben, bevor die Tür aufging.

Von sämtlichen Särgen im Raum hatte Pin mit Sicherheit den gewählt, der sich am besten als Versteck eignete. Seine Geräumigkeit ließ es zu, dass er und Juno bequem nebeneinander Platz fanden. Der Deckel schloss fest und Pin schickte ein stilles Dankgebet zum Himmel, dass er tagsüber Zeit gefunden hatte, die Löcher für das Namensschild und die Griffe zu bohren. Auf diese Weise konnte nicht nur frische, kalte Luft eindringen, sondern er und Juno konnten auch in die Werkstatt sehen.

Tatsächlich war es Mr Gaufridus, der nun den Raum betrat. Er widmete sich zuerst jener Art von Verrichtungen, die man lieber tut, wenn man sich allein glaubt. Er bohrte in der Nase, kratzte sich unter den Armen und zupfte an seiner Unterwäsche herum, die ihm in letzter Zeit oft verrutschte. Nachdem er sich und seine Kleidung in Ordnung gebracht hatte, ging er jedoch geradewegs zur Cella Moribundi.