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»Pin«, rief er, »bist du drin?« Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

»Ich glaube, ich muss niesen«, raunte Juno. »Es ist so staubig.«

Pin wühlte in seiner Tasche und suchte sein Taschentuch.

»Halt dir das vor die Nase«, sagte er und drückte es ihr in der Dunkelheit in die Hand.

»Können wir uns nicht noch schnell davonmachen?« Junos Stimme klang tief und gedämpft.

»Ich weiß nicht, ob wir Zeit dazu haben.«

Pin hatte recht, denn genau in diesem Moment erschien Mr Gaufridus mit einem Gegenstand in der Hand – unverkennbar der Funkenstock. Pin spürte, wie sich Junos Hand fest um seine schloss, und ahnte, dass sie ihn ebenfalls gesehen hatte. Direkt vor ihrem Sarg blieb Mr Gaufridus stehen, und obwohl sein Gesichtsausdruck nichts preisgab, vermutete Pin, dass er sich wahrscheinlich fragte, warum der Deckel geschlossen sei. Juno kniff die Augen zusammen und rechnete damit, dass jede Sekunde der Deckel entfernt würde. Doch Mr Gaufridus schüttelte nur den Kopf und ging zur Werkbank, wo er den Stock gründlich in Augenschein nahm. Dann hielt er ihn hoch und drehte routiniert den Griff. Entsetzt sahen Pin und Juno, wie nach einer Weile Funken durch den Raum flogen. Im Nu war jeder womöglich noch vorhandene Zweifel verschwunden. Beide waren nun endgültig überzeugt, dass sie sich im selben Zimmer mit dem Silberapfel-Mörder befänden.

Und da geschah das Undenkbare. Pin musste husten. Ein schwaches Husten nur, im Grunde genommen kaum wahrnehmbar. Mr Gaufridus hatte es nicht gehört. Auch das zweite hörte er nicht. Erst das dritte, das lauteste Husten, wurde zum Problem.

Wie hypnotisiert starrte Mr Gaufridus den Sarg an. Langsam ging er darauf zu, wobei er den Funkenstock schwang. Juno und Pin waren in ihrem makabren Versteck vollkommen wehrlos. Mr Gaufridus kam näher und näher. Pin wartete, bis nur noch ein Schritt fehlte, dann versetzte er dem Sargdeckel einen derben Tritt. Mr Gaufridus stürzte rückwärts gegen die Werkbank, und zum ersten Mal, seit Pin ihn kannte, wirkte sein Gesichtsausdruck leicht erstaunt.

»Lauf!«, schrie Pin und zerrte Juno an ihrem Umhang aus dem Sarg. »Lauf um dein Leben!«

Ein paar Straßen weiter hatte es Aluph Buncombe mindestens genauso eilig. Dabei sprach er ärgerlich mit sich selbst und fuchtelte bekräftigend mit dem Finger. »Nie wieder!«, rief er ein ums andere Mal. »Nie wieder!«

Als er in die Squid’s Gate Alley einbog und mehr oder weniger auf die Pension zurannte, hatte er sein Vorhaben, Coggley zu besuchen, längst vergessen. Er schloss auf und fand, dass er noch nie mit solcher Erleichterung durch diese Tür gegangen sei wie heute Abend. Mit vier langen Schritten war er die Treppe zur Küche hinunter. Beag, Benedict und Mrs Hoadswood hoben gleichzeitig die Köpfe.

»Donnerwetter!«, stöhnte Aluph wie befreit. »Was bin ich froh, euch zu sehen!«

»Mr Buncombe«, rief Mrs Hoadswood, »ist alles in Ordnung mit Euch?«

»Vielleicht hat er ja einer seiner schönen Damen mal ausnahmsweise die Wahrheit gesagt«, begann Beag zu sticheln, während er sich von den Resten einer Schweinebratenplatte nahm. Doch als er die aufgelöste Verfassung seines Freundes und dessen Gesichtsausdruck sah, verstummte er.

Aluph ließ sich mit einer theatralischen Geste halb über die Tischplatte fallen. »Wenn es doch eine schöne Dame gewesen wäre, Beag!«, sagte er. »Wenn nur! Ihr werdet nicht glauben, was ich durchgemacht habe.«

»Erzählt«, sagte Benedict, der neben dem Feuer saß, und beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Eine gute Geschichte hört man in diesem Haus immer gern.«

Aluph schüttelte seinen langen Mantel von den Schultern und breitete ihn sorgfältig über eine Stuhllehne. (Wie immer die Umstände auch sein mochten, er ließ ihn nie einfach fallen, sondern legte ihn stets ordentlich gefaltet hin.) »Also«, begann er, »ich hatte einen Auftrag, und zwar ausgerechnet von Deodonatus Snoad. Ich sollte seinen Schädel abtasten und ihm die Zukunft vorhersagen. Natürlich habe ich angenommen. Ich stellte es mir interessant vor. Doch inzwischen denke ich, ich kann von Glück sagen, dass ich lebendig wieder aus seiner Wohnung gekommen bin. Dieser Mann ist ein Wahnsinniger!«

»Hmm«, meinte Beag nachdenklich. »Irgendwie überspannt habe ich ihn schon immer gefunden, aber wahnsinnig? Vielleicht verbirgt er ja sein wahres Ich hinter dem geschriebenen Wort.«

»Man muss nur dankbar sein, dass er sich selbst verbirgt«, sagte Aluph aus tiefster Seele und dabei sichtlich schaudernd.

»Was meint Ihr denn damit?«, fragte Mrs Hoadswood und hörte auf zu rühren.

Aluph zupfte sein Halstuch zurecht. »Nun, einen seltsameren Kerl habe ich noch nie gesehen. Er sorgt dafür, dass sein Zimmer stets dunkel ist, und auch von sich selbst lässt er so gut wie nichts sehen. Aber ich bin ziemlich schnell dahintergekommen, warum. Der Mann ist ein Monster. Der gehört in denselben Käfig wie das Gefräßige Biest.« Mit einer dramatischen Geste fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und hinterließ dabei einen glänzenden Schmierer.

»Was habt Ihr da am Kopf?«, fragte Benedict.

Mrs Hoadswood kam näher, um besser sehen zu können. »Es ist dasselbe Zeug wie an Eurem Hosenbein!«

»Tinte wahrscheinlich«, winkte Aluph ab, der viel mehr darauf brannte, seine Leidensgeschichte weiterzuerzählen. »Nein, so ein unangenehmer Mensch!«

Doch bevor er den Faden wieder aufnehmen konnte, krachte und polterte es auf der Treppe und einen Augenblick später kam Juno in die Küche gestürmt.

»Hilfe! Ich brauche Hilfe! Pin wird gerade vom Silberapfel-Mörder überfallen!«

Im Nu leerte sich die Küche. Alles rannte hinaus auf die Straße, wo tatsächlich Pin am Boden lag und mit Mr Gaufridus rang. Beag stürzte sich ins Getümmel und packte den Mann bei den Armen, während Aluph ein Bein zu fassen bekam. Pin sprang auf die Füße und stand nun über seinem Arbeitgeber, der ein wenig verblüfft (oder wütend?) aussah. Pin hielt ihm den Funkenstock unter die Nase.

»Schaut her!«, verkündete Pin mit einer jener schwungvollen Gesten, die Aluph gern auf der anderen Flussseite einsetzte. »Der Silberapfel-Mörder!«

Mr Gaufridus rappelte sich mühsam auf.

»Wenn ich nur einen Moment reden dürfte«, sprudelte er hervor. »Vielleicht kann ich alles erklären.«

Beag sah ihn mit einer seiner gefährlichen Kartoffeln in der Hand scharf an. »Redet also!«

»Ich bin nicht der Mörder«, behauptete Mr Gaufridus. »Ich stelle diese Funkenstöcke nur her.«

Kapitel 35

Enthüllung

Kurz darauf saß Mr Gaufridus an Mrs Hoadswoods Tisch und durfte ihre großzügige Gastfreundschaft genießen. Er keuchte noch immer vor Anstrengung, denn er war bis zur Squid’s Gate Alley hinter Pin und Juno hergerannt, ganz zu schweigen von dem anschließenden Ringkampf im Schnee. Pin, Beag, Juno und Aluph hatten sich entschuldigt, was Mr Gaufridus sehr wohlwollend, wenn auch todernst, angenommen hatte. Benedict, der an dem Gerangel nicht beteiligt gewesen war und es nur aus der Entfernung beobachtet hatte, betrachtete nun neugierig den Funkenstock.

»Das hier ist ein alter«, erklärte Mr Gaufridus und stellte seinen Bierkrug ab. »Ich habe ihn als Hilfsmittel für meine Arbeit entwickelt. Aber dann ist mir eingefallen, dass es womöglich auch andere Verwendungsmöglichkeiten dafür geben könnte, und so habe ich beschlossen, die Stöcke über den Chronicle zu verkaufen. Erst heute Abend habe ich schlagartig begriffen, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen dem Funkenstock und dem Silberapfel-Mörder gibt. Deshalb bin ich noch einmal in meinen Laden gegangen.«