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»Und wie viele habt Ihr verkauft?«, fragte Aluph.

»Ach, nicht viele«, sagte Mr Gaufridus. »Vielleicht drei oder vier, aber ich kann nicht sagen, an wen.«

»Warum denn nicht?«, fragte Pin enttäuscht. »Einer von Euren Kunden muss der Silberapfel-Mörder sein!«

»Ich kann mir schon denken, warum«, sagte Aluph langsam. »Die Stöcke werden über den Chronicle vertrieben. Als ich meinen kaufte, habe ich bar bezahlt und eine Abholkarte bekommen. Ich musste nur die Karte einreichen, um den Stock zu erhalten. Meinen Namen habe ich nicht angegeben.«

»Und falls einer mit dem Stock Leute umbringen will, gibt er seinen richtigen Namen sowieso nicht an«, sagte Benedict. »Wie ärgerlich das alles!«

Mr Gaufridus erhob sich und wischte über seine Kleidung. »Tut mir leid, dass ich nicht weiterhelfen kann.«

»Ihr seht schrecklich aus«, sagte Pin, der jetzt erst merkte, wie zerzaust sein Meister war. Und apropos Aussehen, was hatte Aluph da eigentlich für einen glänzenden Schmierer an der Stirn?

»Na, das ist vielleicht ein Abend gewesen! Und die halbe Nacht dazu!«, sagte Mrs Hoadswood. »Der arme Mr Buncombe hat ja auch Schlimmes erlebt.«

»O ja!«, bestätigte Aluph, gern bereit, von dem Punkt an weiterzuerzählen, wo er zuvor stehen geblieben war. »Ich habe nämlich deinen Freund Deodonatus Snoad besucht.«

»Der ist gewiss nicht mein Freund!«, schnaubte Pin, der noch immer Aluphs Stirn betrachtete.

»Ich sollte seinen Schädel abtasten«, fuhr Aluph fort. »Aber was für eine unangenehme Erfahrung das war! Er hatte seitlich am Kopf eine ganz und gar ungewöhnliche Erhöhung, enorm groß – in diesem Fall tatsächlich eher ›Beule‹ zu nennen!«

Beag sah Pin an, dann Aluph, dann wieder Pin. Es sah aus, als wäre ihm gerade ein Licht aufgegangen. »Bei allen Heiligen im Himmel!«, rief er.

»Teufel auch!«, rief gleichzeitig Pin.

»Wo genau war diese Beule, Aluph?«, wollte Beag wissen.

»Seitlich am Kopf, das habe ich doch gesagt.« Aluph ärgerte sich ein wenig über all diese Unterbrechungen.

»Rechts oder links?«, drängte Pin.

Mrs Hoadswood sah von ihrem Topf auf und Benedict legte den Funkenstock nieder.

Einen Augenblick musste Aluph überlegen. »Rechts.«

»An deiner oder an seiner Rechten?«

»Sowohl als auch«, sagte Aluph. »Ich stand ja hinter ihm. Warum?«

»Meine Kartoffel«, sagte Beag triumphierend.

Pin streckte die Hand aus und fuhr mit dem Finger über Aluphs Stirn. »Und seht mal …«

»Beim Jupiter«, flüsterte Aluph, und die Farbe wich aus seinem Gesicht. »Und beim Zeus!«

Pins Finger schimmerte silbrig.

Kapitel 36

Die Natur bringt nichts ohne Absicht hervor

Aristoteles

Deodonatus Snoad zog seinen Umhang dicht um den Hals und wickelte sich den Schal ums Gesicht. Seinen Hut stülpte er bis über die Ohren herunter. Der Wind hatte eine fast bösartige Kälte angenommen, die durch die bloße Haut schnitt und durch die Knochen bis ins Mark drang. Der Schnee auf den Gehwegen bildete eine feste Eisschicht, und die morastige Brühe, die sich normalerweise träge durch die Straßenmitte wälzte, war wie der Foedus starr geworden.

»Oh Gott«, murmelte Deodonatus, wobei augenblicklich sein Atem im Schal gefror. Trotz eines derartigen Ausrufs wäre es aber ein Irrtum anzunehmen, dass Deodonatus an ein höheres Wesen glaubte. Er war schon lange zu dem Schluss gekommen, dass das Leben, so wie er es kennengelernt hatte, zweifelsfrei bewies, dass Gott nicht existierte. Das menschliche Leben war nichts weiter als ein Topf voller Zufälle, aus dem mit absoluter Gleichgültigkeit ausgeteilt wurde; mal ein Löffel Glück, mal ein Löffel Pech und mal von beidem ein bisschen.

Es war Aluph Buncombe, der ihm schließlich zu einem Entschluss verholfen hatte. Er wusste nicht recht, was in ihn gefahren war, dass er sich einem Dummkopf wie Buncombe offenbart hatte. Dass er sich jemandem so deutlich gezeigt hatte, war lange nicht vorgekommen. Wahrscheinlich wollte ich es einfach wissen, dachte er unglücklich, wahrscheinlich wollte ich nur sehen, ob sich etwas geändert hat.

Er huschte weiter, rattenhaft fast, hielt sich dabei immer dicht an der Mauer und überquerte schließlich die Brücke bis zum Flinken Finger. Rasch ging er in den hinteren Teil des Wirtshauses, wo er kurz stehen blieb, um seinen Schal zu lockern, dann wandte er sich an Rudy Idolice, der wie immer auf seinem Stuhl neben dem Vorhang saß.

»Ich komme, weil ich das Gefräßige Biest sehen will.«

Rudy, noch im Halbschlaf, sah gar nicht auf. »Macht sechs Pence.«

»Ich muss nicht bezahlen«, sagte Deodonatus ruhig.

»Waas?« Nun war Rudy hellwach. Er richtete sich in seinem Stuhl auf. »Ach, Ihr seid’s! Kostet trotzdem dasselbe. Jeder muss zahlen, egal, wie oft er schon hier war.«

»Aber ich bin dein bester Kunde«, sagte Deodonatus heiser. »Du hast mächtig von mir profitiert – jetzt bin ich dran, findest du nicht, alter Freund?« Damit zog er seinen Schal vollends beiseite, packte Rudy an der Kehle und riss ihn hoch, bis er dicht vor seinem Gesicht stand. Rudy verschlug es für einen Moment die Sprache, dann weiteten sich seine Augen und sein benebeltes Hirn wurde klar.

»Verdammt!«, rief er. »Mr Scheusal!«

Deodonatus grinste säuerlich, griff mit der freien Hand in Rudys Westentasche und zog einen langen Schlüssel heraus. Dann warf er Rudy unsanft zu Boden und stieg die Kellertreppe hinunter. Rudy Idolice blieb reglos liegen.

Deodonatus überkam eine Art Zufriedenheit, als hätte er das Ende einer langen Reise erreicht. Er wusste, was er im Keller sehen würde, war weit abstoßender, als er selbst je sein konnte (zumindest stellte er sich das gern vor und deshalb hatte Aluphs unbeabsichtigter Vergleich ihn tief erschüttert). Im Dunkeln konnte er das Schnüffeln des Tieres hören. Er ging zum Käfig und blickte hinein. Die Bestie hielt sich an der Käfigrückseite auf. Deodonatus begann mit sanfter Stimme zu sprechen und die Kreatur schob sich langsam näher. Sie hielt einen Knochen in der einen Hand, ein Stück Fleisch in der anderen, und im Maul hatte sie auch noch etwas. Sie kam heran, blieb ungefähr einen halben Meter vor den Stäben stehen und blickte Deodonatus geradewegs ins Gesicht, schnüffelnd wie ein Hund.

»Hallo, alter Freund«, sagte Deodonatus leise. »Ich bringe gute Nachrichten. Nach all den Wochen, die ich hier runtergekommen bin, um dich zu besuchen und zu trösten, weiß ich endlich, was ich zu tun habe. Es tut mir nur leid, dass es so lange gedauert hat. Ich kann mir nämlich genau vorstellen, wie dir zumute ist. Schließlich habe ich selbst auch mal in einem Käfig gesessen! Schuldlos hinter Gittern. Ich wollte dir helfen, auf meine Art wollte ich helfen, aber ich habe mich geirrt. Ich hätte ewig so weitermachen können und die Leute hätten trotzdem nie begriffen. Auch wenn sie allesamt in den Foedus fallen, werden sie nicht verstehen, warum. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Heute Nacht ist deine Qual zu Ende. Ich werde dich befreien. Dann kannst du dich an deinen Peinigern rächen.«

Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Bei dem Geräusch spitzte das Biest die Ohren, sein Herz klopfte schneller. Es schob sich bis ganz an die Gitterstäbe heran, um den Mann, der es mit seinem lästigen Geflüster so lange gepiesackt hatte, genauer in Augenschein zu nehmen. Und dann nutzte es die Gelegenheit. Blitzschnell fuhr es mit dem Arm durch die Stäbe, packte Deodonatus’ gedrungenen Hals und drückte, als wollte es Fleisch von einem Knochen pressen. Als es endlich losließ, rutschte Deodonatus Snoad an der Käfigaußenseite zu Boden und blieb tot liegen.

Das Gefräßige Biest verlor keine Zeit. Wie oft hatte es von diesem Moment geträumt! Mit gekrümmter Hand drehte es den Schlüssel herum und öffnete die Käfigtür. Es kniete sich neben den reglosen Quälgeist auf den Boden, nahm ihm den Schal ab und wickelte ihn um den eigenen Hals. Als Nächstes zerrte es ihm den Hut vom Kopf und stülpte ihn sich selbst auf, zog ihn weit herunter, bis er fest saß, und steckte seine Ohren unter die Krempe. Unter etwas größeren Schwierigkeiten befreite es Deodonatus von dessen Umhang und fummelte ihn ungeschickt über die eigenen unförmigen Schultern. Es blickte auf Deodonatus hinab, streckte den Arm aus und berührte dessen silbrig schimmerndes Haar. Dann schaute es die Treppe hinauf und verzog die Lippen zu einer Grimasse, die sich nur als schlaues Grinsen bezeichnen ließ.