Kurz darauf schlurfte das Gefräßige Biest unauffällig durch das Wirtshaus. Es beachtete die Menschen in der Schankstube nicht, und sie beachteten es auch nicht. Draußen auf dem Gehweg blieb es stehen und schnupperte. Wie belebend! All dieses Gerede von dem stinkenden Fluss, es war ja kaum etwas zu riechen! Das Biest bog in die Seitengasse neben dem Flinken Finger ein und sprang – recht anmutig, wie sich nicht anders sagen lässt – in Richtung Fluss davon. Dann setzte es, erstaunlich gewandt für ein Geschöpf seiner Größe und seines Körperumfangs, über die Ufermauer, stützte sich dabei auf einer Hand ab und ließ sich auf die Eisfläche fallen. Ohne einen Blick zurück glitt es auf seinen flachen ledrigen Fußsohlen in Richtung Küste davon und benutzte dabei Deodonatus’ Stock als eine Art Skistock.
Kapitel 37
Pins Tagebuch
Etwas ganz Unglaubliches ist geschehen, ein Verrat der schlimmsten Sorte. Ich kann es noch kaum glauben. Juno hat sich aus dem Staub gemacht und im Augenblick bin ich so voller Hass gegen sie, dass ich nicht weiß, was ich tun würde, wenn sie zurückkäme. Aber auch wenn sie die Stadt schon verlassen hat, ich werde sie finden, das schwöre ich! Ich muss einfach wissen, ob sie es wirklich getan hat.
Zum letzten Mal gesehen habe ich sie in der Küche, als sie mir mein Taschentuch zurückgegeben hat.
»Und das hier gehört dir auch«, sagte sie und gab mir eine kleine weiße Blume. »Sie steckte in deinem Taschentuch.«
Ich war ein bisschen verlegen. »Es ist eine von den Blumen, die ich auf dem Grab meiner Mutter gefunden habe«, erklärte ich. »Ich habe sie eingesteckt und dann vergessen.«
Ich weiß noch, mir fiel in diesem Moment auf, dass sie mich irgendwie merkwürdig ansah. Ich dachte, sie wolle noch etwas sagen, aber dann fing Aluph an, von Deodonatus zu erzählen, und ich hörte ihm zu. Als er seinen wunderlichen Bericht beendet hatte, war Juno verschwunden.
Ich ging in ihr Zimmer, sah aber keine Spur von ihr. Ich schaute unter ihr Bett und stellte erschrocken fest, dass auch ihr Koffer weg war. Meiner Meinung nach konnte es nur einen Grund dafür geben, dass sie ihn mitgenommen hatte: Sie würde nicht zurückkommen. Wie vor den Kopf geschlagen setzte ich mich hin. Erst vor ein, zwei Stunden, bei Mr Gaufridus, hatte sie doch scheinbar angedeutet, dass wir zu zweit losziehen könnten. Und nun das. Vielleicht war sie ja dahintergekommen, dass ich in ihren Koffer geschaut hatte, aber dann hätte sie doch bestimmt erst mit mir gesprochen und wäre nicht einfach so weggegangen.
Während ich so dasaß, sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung in der oberen Zimmerecke. Es war die braune Spinne und sie schüttelte ihr Netz genauso wild hin und her, wie ich es schon einmal gesehen hatte. Damals hatte ich die Spinne nur für einen Teil des Traumes gehalten, den das Gemisch aus dem Fläschchen bei mir verursacht hatte. Vielleicht liegt ihr seltsames Verhalten an Junos Kräutern, überlegte ich. Vielleicht hat der Wirkstoff den Verstand der Spinne verwirrt.
Und das war der Moment, in dem plötzlich alles einen Sinn ergab.
»Das Mittel!«, rief ich und sprang auf die Beine. »Das Mittel in dem schmalen tropfenförmigen Fläschchen! Es führt dazu, dass man Dinge sieht, die gar nicht wirklich existieren!«
Das erklärte alles. Das Mittel hatte bewirkt, dass ich meinen Vater und meine Mutter sah, obwohl ich wusste, dass so etwas nicht sein konnte. Sybil und Madame de Bona waren lebendig geworden, weil Juno das Fläschchen mit dem Mittel umhergeschwenkt hatte. Aber der alte Mann am anderen Flussufer? Warum hatte ich ihn nicht lebendig werden sehen? Weil ich in der Leinentruhe versteckt war. Weil ich mir ein Tuch um Mund und Nase gebunden hatte und deshalb das Mittel nicht einatmen konnte!
Die Brüder hatten es aber inhaliert und ihre Mutter auch. Und sie hatten sich eingebildet, ihr Vater und Ehemann wäre wieder lebendig geworden. Sie hatten ihn nach dem Geld gefragt, aber es war Junos Stimme gewesen, die geantwortet hatte. Es war immer sie, die anstelle der Toten sprach. Nur wo das Geld versteckt war, konnte sie natürlich nicht wissen.
Jetzt stürmten die Antworten nur so auf mich ein. Was war mit der Salbe? Was spielte sie für eine Rolle? Mir fiel ein, wie plötzlich Junos Kopf klar geworden war, bevor sie mich abends zu Mr Gaufridus begleitet hatte. »Natürlich!«, sagte ich laut. »Die Salbe wenden sie an, um sich selbst vor der Wirkung des Mittels zu schützen!«
Ich lachte. Es war alles so einfach. Juno hatte recht: Die Antwort hatte tatsächlich die ganze Zeit vor meiner Nase gelegen.
Jetzt, wo ich das Rätsel gelöst hatte, drängte es mich erst recht, mit ihr zu reden. Trotz ihrer Abwesenheit konnte ich ihren Duft riechen, der Wacholdergeruch hing deutlich im Zimmer, verdächtig deutlich, dachte ich. Genau genommen mindestens so deutlich, als würde sie hier neben mir sitzen. Ich schnupperte noch einmal und folgte wie ein Hund meiner Nase, die meine Aufmerksamkeit auf den Boden lenkte. Der Geruch war eindeutig am stärksten unter dem Bett, und als ich die Schnur sah, wusste ich auch, warum. Ich zog daran, hielt sie hoch und betrachtete das glanzlos gewordene Medaillon, das vor mir hin und her schwang. Mit dem Fingernagel öffnete ich es und fand darin die gelbliche Wacholdersalbe. Ich roch vorsichtig daran und im Nu wurde mein Kopf klar und alles um mich herum scharf wie ein frisch zugespitzter Federkiel.
»Wo bist du bloß hin?«, flüsterte ich und drehte dabei das Medaillon in der Hand. Auf der Rückseite waren zwei Buchstaben eingraviert.
Und in diesem Augenblick hätte ich Juno umbringen können.
Kapitel 38
Eine schwierige Aufgabe
Der Himmel war grau und schwer, doch geschneit hatte es eine ganze Weile nicht, und so waren vor der Pension noch die Spuren der Rauferei zu sehen, die vor Kurzem stattgefunden hatte. Wie auch die sich vom Haus entfernenden Schuhabdrücke. Pin wusste unwillkürlich, dass es Junos Spuren waren.
Mit finsterem Blick folgte er ihnen in Richtung Brücke. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie aus der Stadt hinausgeführt hätten, doch kurz vorher bog die Spur in eine andere Richtung ab. Es begann leicht zu schneien und Pin fluchte leise vor sich hin. Er musste sich beeilen. Nicht lange, und er würde die Fußspuren nicht mehr sehen können. Er folgte ihnen bis zur Hollow Lane, von wo aus sie ihn geradewegs zum Friedhofstor führten.
Pin beobachtete, wie Juno vergeblich auf der gefrorenen Erde am Grab seiner Mutter herumkratzte. Neben ihr auf dem Boden lagen ihr Koffer und ein brauner Sack. Sein Herz fühlte sich an wie ein Stein und er presste seine Zähne fest aufeinander. Jeder Muskel war gespannt.
»Juno!«
Sie fuhr zusammen, ließ den Spaten fallen und drehte sich hastig um. Panik lag in ihrem Blick, als sie ihn erkannte. Sie rappelte sich auf.
»Was machst du hier?«, rief sie erschrocken.
»Das Gleiche könnte ich dich fragen«, sagte Pin. »Ich jedenfalls bin hier, um dir zu sagen, dass ich euer Geheimnis herausgefunden habe. Es ist das Mittel in dem Fläschchen, oder? Es bewirkt, dass man sieht, was man sehen will. Und die Wacholdersalbe in dem Medaillon macht, dass ihr dabei einen klaren Kopf behaltet, Benedict und du. Deshalb schmiert ihr euch vorher die Salbe unter die Nase, stimmt’s?«