Der Herausgeber
PS: Soweit wir das griechische Zitat verstehen konnten, bedeutet es:
»Ein Esel hält einen Esel für einen hübschen Zeitgenossen.«
Damit fange jeder an, was er will.
Kapitel 41
Pins Tagebuch
Nun, verehrter Leser (wie Deodonatus so gern schrieb, wenn ich auch nicht annehme, dass dieses Tagebuch von so vielen gelesen wird wie der »Chronicle«), ich kann nicht sagen, wann ich wieder zum Schreiben kommen werde. Wir haben gepackt und sind aufbruchbereit, Juno und ich, und verabschiedet haben wir uns auch schon. Urbs Umida werde ich nicht vermissen, aber die Squid’s Gate Alley, in der wir gute Freunde zurücklassen, wird mir fehlen: Benedict und Aluph – dem ich die Gebeine meiner Mutter anvertraut habe –, Beag und natürlich Mrs Hoadswood, die uns an diesem unseligen Ort mit ihrem Essen verwöhnt hat. Etwas davon nehmen wir dankbar als Proviant in unseren Beuteln mit.
Wir alle haben den »Chronicle« gelesen. Aluph ist sicher, dass uns Deodonatus zwischen den Zeilen seiner Artikel schon früher sagen wollte, dass er der Silberapfel-Mörder ist. Aber er irrt sich, wenn er von Schuld spricht. Kein Mensch in dieser Stadt würde einräumen, dass er möglicherweise an irgendetwas schuld sei. So sind diese Leute nicht! Aluph war in großer Sorge wegen Mr Snoads Funkenstock, aber man hat keine Spur davon gefunden, weder in seiner Pension noch im »Flinken Finger«. Irgendwann wird er bestimmt wieder auftauchen.
Der einzige Gegenstand von Interesse, den man in Deodonatus’ Unterkunft gefunden hat, war eine Ausgabe von »Houndseckers Märchen von Feen und Frohnaturen«. Das Märchen von der Prinzessin und der Kröte schien Deodonatus gut zu kennen. Das erklärt einiges.
Kapitel 42
Aufbruch
Es war später Nachmittag, als Juno und Pin zügig über die Brücke in Richtung der Stadttore auf der anderen Seite des Flusses gingen. Unter ihnen kam der Foedus langsam wieder in Bewegung, ächzend und knarrend unter der Last gebrochener Eisschollen und bunter Trümmer von den Verkaufsbuden, die auf seinem gefrorenen Rücken aufgebaut worden waren. In der Nacht hatte Tauwetter eingesetzt, die Straßen waren wieder zu morastigen Rinnsalen geworden und der Gestank des Flusses hing schwer in der Luft. Pin atmete tief ein und Juno lachte.
»Ich dachte, du wärst froh, diesen Geruch loszuwerden.«
Pin lächelte. »Es ist ein Geruch, den ich nie vergessen werde«, sagte er. »Und er wird mich immer an das erinnern, was in dieser Stadt passiert ist.« Er fuhr mit der Hand an seinen Kragen und tastete nach dem winzigen Knochen – dem obersten Kleinfingerglied seiner Mutter –, der an einem Faden um seinen Hals hing.
»Ich glaube, da sind mir meine Düfte lieber«, sagte Juno lachend.
»Jedenfalls lassen wir das jetzt alles hinter uns«, sagte Pin. »Und wer weiß, was vor uns liegt?«
»Die Wahrheit vielleicht«, sagte Juno nachdenklich. »Die Wahrheit über deinen Vater.«
»Vielleicht«, sagte Pin. »Nur, manchmal gefällt einem die Wahrheit überhaupt nicht. Und wie ist es mit dir? Dieser Mann, nach dem du suchst, was wirst du tun, wenn du ihn gefunden hast?«
»Er hat etwas, das meinem Vater gehört hat«, sagte Juno. »Das will ich zurückhaben.«
»Und was ist das?«
»Ein Holzbein.«
»Weißt du, wie der Mann heißt?«
»Ja«, sagte Juno. »Sein Name ist Joe Zabbidou.«
Anmerkung von F. E. Higgins
Es scheint also, dass wir das Ende der Geschichte erreicht haben – doch für Pin und Juno ist es erst der Anfang. So viele Fragen bleiben unbeantwortet! Hat Pins Vater Fabian umgebracht? Und wer ist eigentlich dieser Joe Zabbidou?
Wer Das Schwarze Buch der Geheimnisse gelesen hat, wird sich vielleicht an Joe Zabbidous Namen und an sein Holzbein erinnern. Silbertod ist aber weder eine Folgegeschichte noch eine Vorgeschichte zu dem Roman über Joe Zabbidou, ich nenne es gern eine »Parallelgeschichte«. Pins und Junos Abenteuer in Urbs Umida finden zur gleichen Zeit statt wie die Ereignisse um Joe Zabbidou in dem Dorf Pagus Parvus in Das Schwarze Buch der Geheimnisse. Man muss nicht unbedingt das eine Buch gelesen haben, um das andere zu verstehen, doch durch die unverkennbaren Verknüpfungen zwischen beiden lässt sich ein noch besserer Einblick in die fremde Welt gewinnen, in der die handelnden Personen leben. Ich besitze Joe Zabbidous Holzbein – schön gewachst und poliert – sowie Pins Kästchen aus Buchenholz. Und ich weiß, dass diese beiden Gegenstände irgendetwas miteinander zu tun haben.
Es ist aber nicht meine Sache, euch zu belehren, sondern wie immer einfach nur aufzudecken, was ich herausgefunden habe. In diesem Sinne und mit den Worten von Deodonatus Snoad, bis zum nächsten Mal …
F. E. Higgins
Urbs Umida
Anhang I
Die Prinzessin und die Kröte
aus Houndseckers Märchen von Feen und Frohnaturen
Dieses Märchen könnte meiner Meinung nach ein wenig Licht auf Deodonatus Snoads komplizierte Denkweise und die Bedeutung des silbernen Apfels werfen.
Die Autorin
Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin, die alles besaß, was eine Prinzessin sich nur wünschen konnte. Schönheit, Reichtum, einen liebevollen Vater und eine fürsorgliche Mutter. Sie wohnte in einem prächtigen Schloss und spielte jeden Tag in den Gärten, die es umgaben. Sie war eine nette, freundliche Prinzessin, nur einen einzigen Fehler hatte sie: Sie war ein wenig zu stolz. Ihr Vater warnte sie oft, dass ihr Stolz ihr eines Tages eine Lehre erteilen werde.
»Du hast wahrscheinlich recht«, sagte sie fröhlich, doch beherzigte sie seine Warnung kaum und lief hinaus.
Eines Tages trug es sich zu, dass sie im Rosengarten auf der Südseite des Schlosses spielte. Dort spielte sie besonders gern, weil der moosige Boden unter ihren Füßen federte und weil in der Mitte der Rasenfläche ein alter Brunnen war. Immer wenn ihr heiß wurde, ließ sie den Eimer hinab und zog von tief unten das kühle, klare Wasser herauf, um damit ihr Gesicht zu benetzen.
An jenem Tag sah sie etwas im Gras funkeln. Sie bückte sich danach und hob einen kleinen silbernen Apfel auf, gerade so groß, dass er in ihre Hand passte. Er glänzte wunderschön in der Sonne. Da warf sie ihn in die Luft und fing ihn zu ihrem Vergnügen wieder auf. Einmal jedoch warf sie ihn so hoch, dass sie ihn im blendenden Sonnenschein aus den Augen verlor, und kurz darauf hörte sie ein lautes Klatschen aus dem Brunnen.
Sie rannte hin und starrte hinunter in die dunkle Tiefe, doch von dem Apfel war keine Spur zu sehen. Aber sie gehörte nicht zu den Menschen, die schnell aufgeben.
Vorsichtig senkte sie den Eimer ins Wasser hinunter und zog ihn, bis an den Rand gefüllt, wieder herauf. Hoffnungsvoll spähte sie hinein und jubelte vor Freude, als sie auf dem Boden des Eimers etwas glänzen sah. Rasch leerte sie ihn aus. Es war jedoch kein silberner Apfel, der da vor ihr lag, sondern eine schillernde Kröte. Ihre grünen Beine waren breit ins Gras gestreckt und ihre Zehen klammerten sich an den moosigen Boden. Die Prinzessin fühlte sich tief abgestoßen von der warzigen Haut und dem breit grinsenden Krötenmaul.