»Er wollte Ihren Nachtklub für seine Zwecke benutzen«, sprang Smiley hilfreich ein.
»>Claus<, sagte er. >Tu, was ich verlange, und du hast deine Schuld mir gegenüber abgetragen.< Er nannte es eine Sex-Falle. Er wollte einen Mann in den Klub mitbringen, einen Iwan, den er gut kannte, den er sich seit Jahren warm hielt, ein ganz besonderes Schwein. Dieser Mann war das Ziel. Er nannte ihn: >Das Ziel<. Er sagte, es sei die Chance seines Lebens, alles, worauf er seit jeher gewartet habe. Die besten Mädchen, der beste Champagner, die beste Show. Für eine Nacht, gratis und franko von Kretzschmar. Die Krönung seiner Bemühungen, sagte er. Die Gelegenheit, alte Schulden abzutragen und ein bißchen Geld zu machen. Er habe gesät, sagte er. Jetzt würde er ernten. Er versprach, daß keinerlei Folgen zu befürchten seien. Ich sagte >kein Problem<. >Also, Claus, ich möchte, daß du uns fotografierst<, sagt er zu mir. Ich sage wieder >kein Problem<. Dann ist er gekommen und hat sein >Ziel< mitgebracht.«
Herrn Kretzschmars Erzählweise war plötzlich ungewöhnlich schmucklos geworden. Abgehackt. In eine der Pausen ließ Smiley eine Frage gleiten, die weit über den Gegenstand hinauspeilte, den sie betraf.
»In welcher Sprache unterhielten sie sich denn?«
Herr Kretzschmar zögerte, zog die Stirn kraus und antwortete schließlich:
»Zuerst gab sein Ziel vor, Franzose zu sein, aber die Mädchen konnten nur ein paar Brocken französisch, also sprach er deutsch mit ihnen. Aber mit Otto sprach er russisch. Er war unangenehm, dieses Ziel. Er stank furchtbar, er schwitzte furchtbar und war auch in gewissen anderen Beziehungen kein Gentleman. Die Mädchen wollten nicht bei ihm bleiben. Sie sind zu mir gekommen und haben sich beklagt. Ich hab' sie zurückgeschickt, aber sie murrten.«
Es schien ihm peinlich zu sein.
»Noch eine kleine Frage«, sagte Smiley, als wieder ein Augenblick der Verlegenheit eintrat.
»Bitte.«
»Wie konnte Otto Leipzig versprechen, daß keine Folgen zu befürchten seien, wo doch das Ganze vermutlich auf eine Erpressung hinauslief.«
»Das Ziel war nicht derZweck«, sagte Herr Kretzschmar, wobei er die Lippen schürzte, um diesem Punkt Nachdruck zu verleihen. »Er war das Mittel.«
»Das Mittel, zu jemand anderem zu gelangen?«
»Otto drückte sich nicht klar aus. >Eine Sprosse auf der Leiter des Generals< war seine Rede. >Für mich, Claus, genügt das Ziel. Das Ziel und später das Geld. Aber für den General ist er nur eine Sprosse auf der Leiter. Für Max auch.< Aus Gründen, die ich nicht verstand, hing die Bezahlung des Geldes auch davon ab, ob der General zufrieden sein würde. Oder vielleicht auch Sie.« Er machte eine Pause, als hoffe er, Smiley würde ihn aufklären. Was Smiley nicht tat. »Ich wollte weder Fragen noch Bedingungen stellen«, fuhr Herr Kretzschmar fort und wählte seine Worte mit noch strengerer Sorgfalt. »Otto und sein Ziel wurden durch den Hintereingang eingelassen und direkt in ein Separee geführt. Wir haben dafür gesorgt, daß nirgends der Name des Etablissements erschien. Kürzlich ist ein Nachtklub am anderen Ende der Straße bankrott gegangen«, sagte Herr Kretzschmar in einem Ton, der anzudeuten schien, daß ihm dieses Ereignis nicht völlig das Herz gebrochen hatte. »Ein Lokal namens >Freudenjacht<. Ich hatte bei der Versteigerung ein paar Dinge gekauft. Zündhölzer. Teller. Wir haben sie über die Separees verteilt.«
Smiley erinnerte sich an die Buchstaben ACHT auf dem Aschenbecher des Fotos.
»Können Sie mir sagen, worüber sich die beiden Männer unterhielten?«
»Nein.« Er korrigierte seine Antwort. »Ich kann nicht russisch«, sagte er. Wieder machte er mit der Hand diese wegwischende Bewegung. »Auf deutsch sprachen sie über Gott und die Welt. Alles und jedes.«
»Verstehe.«
»Das ist alles, was ich weiß.«
»Wie hat Otto sich verhalten? War er immer noch so aufgeregt?«
»Ich hatte Otto vorher nie im Leben so gesehen. Er lachte wie ein Henker, sprach drei Sprachen auf einmal, war nicht betrunken, aber ziemlich angeheitert, sang, riß Witze, was weiß ich. Das ist alles, was ich weiß«, wiederholte Herr Kretzschmar verlegen. Smiley warf diskret einen Blick auf das Beobachtungsfenster und auf die grauen Gehäuse der Apparaturen. Er sah wieder auf Herrn Kretzschmars kleinem Bildschirm, wie die weißen Körper jenseits der Wand sich lautlos umschlangen und trennten. Er sah seine letzte Frage, erkannte ihre Logik, erahnte den Schatz der Erkenntnisse, die sie versprach. Doch derselbe lebenslange Instinkt, der ihn bis hierher gebracht hatte, hielt ihn nun zurück. Nichts, keine kurzfristige Dividende war im Augenblick das Risiko wert, Herrn Kretzschmar zu vergrämen und den Weg zu Otto Leipzig zu versperren.
»Und Otto hat Ihnen sonst weiter nichts über dieses Ziel gesagt?« fragte Smiley, nur um irgendwas zu fragen; um das Gespräch zum Abschluß zu bringen.
»Im Verlauf des Abends kam er einmal zu mir herauf. Hierher. Er entschuldigte sich bei den anderen und kam hierher, um sich zu vergewissern, daß alles plangemäß verlief. Er schaute auf den Bildschirm da und lachte. >Jetzt hab' ich ihn in der Zange, und er kann nicht mehr raus<, sagte er. Ich habe nicht weiter gefragt. Das war alles.«
Herr Kretzschmar schrieb seine Instruktionen für Smiley auf einer Schreibunterlage aus Leder mit Goldecken.
»Otto lebt in schlimmen Verhältnissen«, sagte er. »Daran kann man nichts ändern. Sein sozialer Status läßt sich durch Geldzuwendungen nicht verbessern. Er bleibt-« Herr Kretzschmar zögerte, »- er bleibt im Herzen, Herr Max, ein Zigeuner. Mißverstehen Sie mich nicht.«
»Werden Sie ihm melden, daß ich komme?«
»Wir haben abgemacht, auf telefonische Verständigung zu verzichten. Es besteht keinerlei offizielle Verbindung mehr zwischen uns.« Er reichte ihm das Blatt Papier. »Ich rate Ihnen dringend, sich vorzusehen«, sagte Herr Kretzschmar. »Otto wird sehr zornig sein, wenn er erfährt, daß der alte General erschossen worden ist.« Er begleitete Smiley zur Tür. »Wieviel haben sie Ihnen drunten berechnet?«
»Wie, bitte?«
»Im Lokal unten. Wieviel haben Sie bezahlt?«
»Einhundertfünfundsiebzig Mark Mitgliedsbeitrag.«
»Mit den Getränken mindestens zweihundert. Ich werde Anweisung geben, daß man Ihnen den Betrag am Eingang zurückerstattet. Ihr Engländer seid recht arm geworden. Zuviele Gewerkschaften. Wie hat Ihnen die Show gefallen?«
»Sehr künstlerisch«, sagte Smiley.
Herrn Kretzschmar schien diese Antwort zu gefallen. Er klopfte Smiley auf die Schulter.
»Vielleicht sollten Sie sich ein bißchen mehr amüsieren in Ihrem Leben.«
»Hätte ich vielleicht tun sollen«, pflichtete Smiley bei.
»Grüßen Sie Otto von mir«, sagte Herr Kretzschmar.
»Werde ich nicht verfehlen«, versprach Smiley.
Herr Kretzschmar zögerte, und wieder flog über sein Gesicht ein Schatten von Ratlosigkeit.
»Und Sie haben nichts für mich?« wiederholte er. »Keine Papiere, zum Beispiel?«
»Nein.«
»Schade.«
Als Smiley ging, war Herr Kretzschmar bereits wieder am Telefon und nahm weitere spezielle Anliegen entgegen.
Er kehrte in sein Hotel zurück. Er wurde eingelassen von einem betrunkenen Nachtportier, der Smiley Wundersames zu berichten wußte über die herrlichen Mädchen, die er ihm aufs Zimmer schicken könnte. Der Klang von Kirchenglocken und das Tuten der Schiffe, das der Wind vom Hafen herüberwehte, weckte ihn auf, wenn er überhaupt geschlafen haben sollte. Doch es gibt Alpträume, die nicht dem Tageslicht weichen, und als er in seinem gemieteten Opel durch die Marschen nach Norden fuhr, lauerten in den Nebelschwaden die gleichen Schreckensbilder, die ihn die ganze Nacht hindurch gepeinigt hatten.