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17

Die Straßen waren so leer wie die Landschaft. Durch Risse im Nebel erhaschte sein Blick hier einen Flecken Getreidefeld, dort ein rotes Bauernhaus, das sich tief zusammengeduckt gegen den Wind stemmte. Auf einem blauen Schild stand »Kai«. Er schwenkte scharf in eine Laderampe ein, fuhr steil hinunter und sah vor sich die Pier, eine Ansammlung grauer Baracken, die vor den Decks der Frachtschiffe zwergisch wirkten. Ein weiß-roter Schlagbaum versperrte den Weg, und an einer Tafel waren Zoll­vorschriften in mehreren Sprachen angeschlagen. Keine Men­schenseele weit und breit. Smiley stoppte, stieg aus und ging leichtfüßig zur Schranke. Der rote Druckknopf war so groß wie eine Untertasse. Er drückte darauf, und das Kreischen der Klin­gel scheuchte ein Fischreiherpaar auf, das in den weißen Nebel flatterte. Zu seiner Linken stand ein Wachturm auf Röhrenbei­nen. Er hörte eine Tür knallen und ein Metallgeräusch und sah eine bärtige Gestalt in blauer Uniform die Eisenstiege herunter­stapfen. Von der untersten Treppe aus rief der Mann ihm zu: »Was wollen Sie denn?« Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er den Schlagbaum hochgehen und winkte Smiley weiter. Die von Kranen gesäumte und vom nebelweißen Himmel plattge­drückte Schotterdecke wirkte wie zerbombt und mit Beton aus­geflickt.

Die flache See dahinter schien zu zerbrechlich für die Last so vie­ler Schiffe. Er schaute in den Rückspiegel und sah die Turmspit­zen einer Hafenstadt wie auf einem alten Stich halb ins Bild hin­einragen. Er schaute aufs Meer hinaus und sah durch den Nebel eine Linie aus Bojen und Baken, die die Wassergrenze zu Ost­deutschland markierte und den Beginn von siebeneinhalbtau­send Meilen Sowjetimperium. Dahin sind die Reiher geflogen, dachte er. Er fuhr im Kriechtempo zwischen weiß-roten Rich­tungskegeln auf einen Container-Parkplatz zu, auf dem Wagen­reifen und Holzbalken gestapelt waren. >Links vom Container-Parkplatz<, hatte Herr Kretzschmar gesagt. Gehorsam bog Smi­ley nach links ab und hielt nach einem alten Haus Ausschau, ob­gleich ein altes Haus auf diesem hanseatischen Schuttabladeplatz ein Ding der Unmöglichkeit schien. Aber Herr Kretzschmar hatte gesagt: >Halten Sie Ausschau nach einem alten Haus, auf dem >Büro< steht<, und Herr Kretzschmar irrte sich nie.

Er rumpelte über ein Bahngleis und hielt auf die Frachter zu. Die Morgensonne war durch den Nebel gebrochen und ließ den weißen Anstrich der Schiffe aufblitzen. Er fuhr in eine Al­lee aus Kransteuerwarten ein, die alle wie moderne Stellwerke aussahen, mit grünen Hebeln und großen Fenstern. Und da, am Ende der Allee, stand, genau wie Herr Kretzschmar ver­sprochen hatte, das alte Wellblechhaus mit einem hohen Blechgiebel, der einer Laubsägearbeit glich und von einem ab­blätternden Flaggstock gekrönt war. Die elektrischen Versor­gungsleitungen schienen das Haus aufrecht zu halten. Neben der Kate stand ein alter, tröpfelnder Brunnen mit einem ange­ketteten Blechkrug. Auf der Holztür stand in verblaßten go­tischen Lettern das Wort >Bureau<, in französischer Schreib­weise, nicht in deutscher, und darüber eine Inschrift neueren Datums >P. K. Bergen, Import-Export<. Er arbeitet dort nachts, hatte Herr Kretzschmar gesagt. Was er tagsüber treibt, das wissen nur Gott und der Teufel.

Er drückte auf die Klingel und trat dann gebührend zurück, so daß er gut sichtbar war. Er steckte die Hände nicht in die Ta­schen und sorgte dafür, daß sie außerdem noch gut sichtbar wa­ren. Er hatte seinen Mantel bis oben zugeknöpft. Er trug keinen Hut. Den Wagen hatte er seitlich vom Haus geparkt, so daß man von drinnen sehen konnte, daß er leer war. Ich bin allein und un­bewaffnet, versuchte er zu sagen. Ich stehe nicht auf Seiten der anderen, sondern auf Ihrer. Er läutete nochmals und rief »Herr Leipzig!« Oben ging ein Fenster auf, und eine hübsche Frau sah heraus. Sie hatte schwarze Ringe unter den Augen und eine Decke um die Schultern geschlungen.

»Verzeihen Sie bitte«, rief Smiley höflich zu ihr hinauf. »Ich su­che Herrn Leipzig. Es ist sehr wichtig.«

»Nicht hier«, antwortete sie und lächelte.

Ein Mann trat an ihre Seite. Er war jung und unrasiert und trug Tätowierungen auf den Armen und der Brust. Sie sprachen einen Augenblick miteinander in einer Sprache, die Smiley für pol­nisch hielt.

»Nix hier«, bestätigte der Mann vorsichtig. »Otto nix hier.«

»Wir sind nur Gelegenheitsmieter«, rief das Mädchen hinunter.

»Wenn Otto pleite ist, zieht er in seine Stadtvilla und überläßt uns die Wohnung.«

Sie wiederholte das Ganze für ihren Freund, der diesmal lachte. »Nix hier«, wiederholte er. »Kein Geld. Niemand hat Geld.«

Sie genossen die Morgenfrische und die Gesellschaft.

»Wann haben sie ihn das letzte Mal gesehen?« fragte Smiley. Neuerliche Beratung. War es an diesem Tag oder an jenem? Smi­ley hatte den Eindruck, daß sie außerhalb der Zeit lebten.

»Donnerstag«, verkündete das Mädchen und lächelte wieder.

»Donnerstag«, wiederholte der Mann.

»Ich habe gute Nachrichten für ihn«, erklärte Smiley fröhlich, ganz auf ihren Ton eingestimmt. Er klopfte auf seine Brieftasche. »Geld, Pinkepinke. Alles für Otto. Ist seine Provision für ein Geschäft. Ich hatte es ihm für gestern versprochen.«

Das Mädchen verdolmetschte das alles, die beiden redeten hin und her, und das Mädchen lachte wieder.

»Mein Freund sagt, Sie sollen es Otto nicht geben, sonst kommt er zurück und wirft uns raus, und wir haben wieder nichts, wo wir miteinander schlafen können.«

Versuchen Sie es mal mit dem Campingplatz am See, schlug sie vor und streckte den nackten Arm aus. Zwei Kilometer die Hauptstraße entlang, über die Eisenbahnlinie und an der Wind­mühle vorbei, dann rechts - sie schaute auf ihre Hände, bog dann eine anmutig zu ihrem Liebhaber hin -, ja, rechts; rechts, auf den See zu, aber den sehen Sie erst, wenn Sie direkt davor stehen. »Wie heißt der Ort?«

»Hat keinen Namen«, sagte sie, »es ist einfach nur ein Ort. Fra­gen Sie nach >Ferienhäuser zu vermieten<, und fahren Sie dann auf die Boote zu. Fragen Sie nach Walter. Wenn Otto in der Ge­gend ist, dann weiß Walter, wo man ihn finden kann.«

»Walter weiß alles«, rief sie. »Er ist der reinste Professor.«

Sie übersetzte wieder, aber diesmal schaute der Mann ärgerlich drein.

»Schlechter Professor!« rief er herunter. »Walter schlechter Mensch!«

»Sind Sie auch ein Professor?« fragte das Mädchen Smiley.

»Nein. Nein, leider nicht.« Er lachte und dankte ihnen, und sie beobachteten ihn auf seinem Weg zum Wagen wie Kinder bei ei­ner Feier. Der Tag, die strahlende Sonne, sein Besuch - alles war Spaß für sie. Er kurbelte das Fenster herunter, um sich zu verab­schieden, als er sie etwas rufen hörte, was er nicht verstand.

»Wie war das?« rief er zu ihr hinauf, immer noch lächelnd.

»Ich habe gesagt, dann hat Otto zur Abwechslung doppelt Glück gehabt!« wiederholte das Mädchen.

»Wieso?« fragte Smiley und stellte den Motor ab. »Wieso hat er doppelt Glück gehabt?«

Das Mädchen hob die Schultern. Die Decke glitt ab, und die Decke war das einzige, was sie trug. Ihr Freund legte einen Arm um sie und zog die Decke züchtig wieder hoch.