»Letzte Woche der unerwartete Besuch aus dem Osten«, sagte sie, »und heute das Geld. Otto ist ausnahmsweise ein Sonntagskind. Mehr wollte ich nicht sagen.«
Dann sah sie Smileys Gesicht und das Lachen wich jäh aus ihrer Stimme.
»Besuch?« wiederholte Smiley. »Was für ein Besuch?«
»Aus dem Osten«, sagte sie.
Smiley, der ihre Bestürzung sah und befürchtete, sie könnte auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ließ mühsam wieder den Anschein von guter Laune erstehen.
»Doch nicht sein Bruder, oder doch?« fragte er, ganz Begeisterung. Er streckte eine Hand aus und legte sie auf den Kopf des mythischen Bruders. »Kleiner Bursche? Brille wie meine?«
»Nein, nein! Ein großer Bursche. Mit Chauffeur. Reich.«
Smiley schüttelte den Kopf und mimte sorglose Enttäuschung.
»Dann kenn ich ihn nicht«, sagte er. »Ottos Bruder ist ganz sicher nie reich gewesen.« Er brachte ein unbekümmertes Lachen zustande.»Es sei denn, er war der Chauffeur«, fügte er hinzu.
Er folgte genau ihren Anweisungen, mit der tiefen Ruhe, die aus der Not geboren wird. Gelenkt werden. Keinen eigenen Willen haben. Gelenkt werden, beten, dem Schöpfer einen Händel vorschlagen. Oh Gott, laß es nicht zu, nicht noch einen Wladimir, und ich werde jeden Sonntag in die Kirche gehen, bis ans Ende meiner Tage. Die braunen Felder hatten sich in der Sonne golden gefärbt, doch auf Smileys Rücken war der Schweiß wie eine kalte Hand, die über die Haut strich. Er sah alles, als wäre es sein letzter Tag, wußte, daß der große Bursche mit seinem Chauffeur denselben Weg vor ihm gefahren war. Er sah das Bauernhaus mit dem alten Pferdepflug in der Scheune, das flackernde Neonschild einer Bierreklame, die Blumenkästen voll blutroter Geranien. Er sah die Windmühle, die wie eine riesige Pfeffermühle aussah, und die Wiese mit den weißen Gänsen, die im böigen Wind dahinliefen. Er sah die Reiher wie Segel über die Marschen schweben. Er fuhr zu schnell. Ich müßte öfter fahren, dachte er; ich bin außer Übung, hab' den Wagen nicht unter Kontrolle. Die Straße wechselte von Schotter zu Splitt und von Splitt zu Staub, und der Staub trieb um das Auto wie ein Sandsturm. Er fuhr durch ein Kiefernwäldchen und sah, als er wieder herauskam, ein Schild mit der Aufschrift >Ferienwohnungen zu vermieten< und eine Reihe unbewohnter Bungalows, die auf den Sommeranstrich warteten. Er fuhr zügig dahin und sah in der Ferne ein Dickicht von Masten und braunes, niedriges Wasser in einem Bassin. Er hielt auf die Mäste zu, rumpelte über ein Schlagloch und hörte ein fürchterliches Krachen unter dem Wagen. Er vermutete, daß es der Auspuff war, denn das Motorgeräusch war plötzlich sehr viel lauter geworden und hatte die Hälfte aller Wasservögel von Schleswig-Holstein aufgescheucht. Er fuhr an einem Gehöft vorbei, durchquerte die schützende Dunkelheit einer Baumgruppe und tauchte dann in ein Bild von blendender Weiße mit einem schadhaften Landungssteg und ein paar schwanken, olivfarbenen Schilfrohren als niedrigem Vordergrund, über den sich ein riesiger Himmel wölbte. Die Boote lagen zu seiner Rechten, neben einer Fahrrinne. Schäbige Wohnwagen waren an der Zufahrt entlang geparkt, schmuddelige Wäsche hing zwischen den Fernsehantennen. Er fuhr an einem Zelt vorbei, das inmitten eines eigenen Gemüsegartens stand, und an einigen baufälligen Schuppen, die einst militärischen Zwecken gedient hatten. Auf einen war ein psychedelischer Sonnenaufgang gemalt, der am Abblättern war. Drei alte Wagen, daneben ein Abfallhaufen. Er parkte und folgte einem Trampelpfad durch das Schilf zum Strand. Im Naturhafen ankerte ein Schwarm improvisierter Hausboote, einige davon umgebaute Landungsfahrzeuge aus dem Krieg. Es war kälter hier und aus irgendeinem Grund auch dunkler. Die Boote, die er zuerst gesehen hatte, waren Segelboote und lagen, eng zusammengedrängt, meist unter einer Persenning, ein wenig abseits vertäut. Ein paar Radios spielten, doch er konnte zunächst niemand sehen. Dann bemerkte er ein Haffwasser und darin festgemacht einen blauen Dingi. Und in dem Dingi einen knorrigen alten Mann, in Segeltuchjacke und schwarzer Zipfelmütze, der sich das Genick massierte, als sei er gerade aufgewacht. »Sind Sie Walter?« fragte Smiley.
Der Alte schien zu nicken, während er sich weiterhin das Genick rieb.
»Ich suche Otto Leipzig. Am Kai hat man mir gesagt, daß er hier zu finden sei.«
Walters Augen waren mandelförmig in eine verschrumpelte, braune Pergamenthaut geschnitten.
»Isadora«, sagte er.
Er deutete auf einen wackeligen Landungssteg weiter unten am Strand. Und tatsächlich, an seinem äußeren Ende lag dielsadora, eine zwölf Meter lange, völlig abgetakelte Motorbarkasse, ein Grandhotel, das auf seinen Abbruch wartete. Die Bullaugen trugen Vorhänge, eines war eingeschlagen, ein anderes mit Tesafilm repariert. Die Planken des Stegs gaben besorgniserregend unter Smileys Tritt nach. Einmal wäre er beinahe gestürzt, und zweimal mußte er zur Überwindung von Lücken seine kurzen Beine gefährlich weit spreizen. Als er am Ende des Stegs angekommen war, stellte er fest, daß dielsadora abgelegt hatte. Sie war aus ihren Haltetauen am Heck geschlüpft und drei Meter weit in See gestochen, eine Fahrt, die wohl die größte ihrer alten Tage bleiben würde. Die Kabinentüren waren geschlossen, die Fenster mit Vorhängen versehen. Keinerlei Beiboot.
Der Alte saß fünfzig Meter entfernt auf seine Ruder gestützt. Er kam nun aus dem Haffwasser heraus, um besser beobachten zu können. Smiley legte die Hände um den Mund und gellte: »Wie komm ich zu ihm hin?«
»Rufen Sie ihn doch, wenn Sie ihn brauchen«, antwortete der Alte, ohne dabei die Stimme merklich zu heben.
Smiley drehte sich wieder zur alten Barkasse um und rief >Otto<. Zuerst leise, dann lauter, aber im Innern der Isadora regte sich nichts. Er beobachtete die Vorhänge. Er beobachtete das ölige Wasser, das an den rostenden Rumpf klatschte.
Er lauschte und glaubte, Musik zu hören, die so klang, wie die in Herrn Kretzschmars Klub, aber sie konnte auch von einem anderen Schiff kommen. Vom Dingi her beobachtete ihn immer noch Walters braunes Gesicht.
»Nochmals rufen«, grollte er. »Rufen Sie doch weiter, wenn Sie wollen, daß er kommt.«
Doch Smiley wollte sich von dem Alten nicht herumkommandieren lassen. Er spürte seine Autorität und seine Verachtung und verübelte ihm beides.
»Ist er drinnen oder nicht?« rief Smiley. »Ich habe gesagt, ist er drinnen?«
Der Alte reagierte nicht.
»Haben Sie ihn an Bord gehen sehen?« bohrte Smiley weiter. Er sah, wie der braune Kopf sich abwandte und wußte, daß der Alte ins Wasser spuckte.
»Die Wildsau kommt und geht«, hörte er ihn sagen. »Was zum Teufel schert das mich?«
»Wann ist er denn das letzte Mal gekommen?«
Beim Klang ihrer Stimmen waren ein paar Köpfe aus den anderen Booten aufgetaucht. Sie starrten Smiley ausdruckslos an: den kleinen, dicken Fremden, der am Ende des zerbrochenen Stegs stand. Am Strand hatte sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe gebildet: ein Mädchen in Shorts, eine alte Frau, zwei gleich angezogene Halbwüchsige. Sie hatten etwas an sich, das sie trotz ihrer Verschiedenartigkeit verband: eine Sträflingsmiene, Gehorsam gegenüber denselben üblen Gesetzen.
»Ich suche Otto Leipzig«, rief Smiley ihnen allen zu. »Kann jemand mir bitte sagen, ob er in der Gegend ist?« Auf einem nicht allzuweit entfernten Hausboot ließ ein bärtiger Mann einen Eimer ins Wasser. Smileys Auge fiel auf ihn. »Ist jemand an Bord derIsadora ?« fragte er.
Der Eimer gurgelte und lief voll. Der Bärtige zog ihn heraus, sagte aber nichts.
»Sie sollten seinen Wagen sehen«, schrie eine Frau schrill vom Strand herüber, oder vielleicht war es auch ein Kind gewesen. »Sie haben ihn in den Wald gefahren.«
Der Wald lag hundert Meter vom Wasser entfernt und bestand hauptsächlich aus Jungholz und Birken.