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Aber zufällig hatte er den Turnschuh mitgenommen.

Ein in Ölhaut gewickeltes Päckchen war in die Schuhspitze ge­heftet. Er zog es heraus. Es war ein Tabaksbeutel, der oben zu­genäht und mehrmals gefaltet war. Moskauer Regeln, dachte er hölzern. Moskauer Regeln von A bis Z. Wieviele Hinterlassen­schaften toter Männer muß ich noch erben? fragte er sich. Wenn wir auch nur den waagrechten schätzen. Er zupfte die Naht auf. Im Beutel war eine weitere Schutzhülle, ein Latexgummifutteral, das oben zugeschnürt war. Und darinnen verborgen ein hartes Stück Pappe, kleiner als ein Zündholzbriefchen. Smiley faltete es auseinander. Es war die Hälfte einer Ansichtskarte. Schwarz­weiß, nicht einmal farbig. Die Hälfte einer öden Schleswig-Hol­steinischen Landschaft, mit der Hälfte einer Herde von friesi­schen Rindviechern, die im grauen Sonnenlicht grasten. Mit ab­sichtlicher Brutalität durchgerissen. Auf der Rückseite kein Text, keine Adresse, kein Stempel. Nur die Hälfte einer langwei­ligen, nicht aufgegebenen Postkarte: Aber sie hatten ihn ihret­wegen gefoltert und umgebracht und die Karte trotzdem nicht gefunden, und auch keinen der Schätze, zu denen sie den Schlüs­sel lieferte. Smiley steckte sie mit ihren Hüllen in die Brusttasche seiner Jacke und ging wieder auf Deck zurück. Der Alte in sei­nem Dingi hatte längsseits angelegt. Wortlos kletterte Smiley die Leiter hinunter. Die Menge am Strand war inzwischen noch größer geworden.

»Besoffen?« fragte der Alte. »Schläft seinen Rausch aus?«

Smiley stieg in das Dingi, und während der Alte wegruderte, schaute er nochmals auf die Isadora zurück. Er sah das zerbro­chene Bullauge, er dachte an die Verwüstung in der Kabine, die papierdünnen Seitenwände, durch die er sogar das Schlurfen der Schritte am Strand hatte hören können. Er stellte sich den Kampf vor und Otto Leipzigs Schreie, die das ganze Lager mit ihrem Lärm erfüllt hatten. Er stellte sich die schweigende Gruppe vor, wie sie auf dem Fleck gestanden hatte, wo sie jetzt auch stand, ohne daß sich eine Stimme, eine helfende Hand erhoben hätte.

»Es war eine Party«, sagte der Alte gleichgültig, während er das Dingi am Steg festmachte. »Jede Menge Musik, Gesang. Haben uns vorher gewarnt, daß es laut werden würde.« Er zerrte an ei­nem Knoten. »Vielleicht haben sie miteinander gestritten. Na und? 'n Haufen Leute streiten sich. Sie haben Krach gemacht, Jazz gespielt. Na und? Wir sind Musikliebhaber hier.«

»Sie waren von der Polizei«, gellte eine Frau aus der Gruppe am Strand. »Wenn die Polizei ihre Pflicht tut, dann hat der Bürger die Klappe zu halten.«

»Zeigen Sie mir seinen Wagen«, sagte Smiley.

Sie gingen in einem ungeordneten Haufen dahin, den niemand anführte. Der Alte marschierte an Smileys Seite, halb Wärter, halb Leibwächter, und machte ihm mit possenhafter Würde den Weg frei. Die Kinder rannten überall herum, hielten sich aber in sicherer Entfernung vom Alten. Der Volkswagen stand in einem Dickicht und war ebenso verwüstet wie die Kabine derIsadora. Die Dachpolsterung hing in Fetzen herunter, die Sitze hatte man herausgenommen und aufgeschlitzt. Die Räder fehlten, doch Smiley vermutete, daß sie nachträglich abhandengekommen wa­ren. Die Lagerbewohner standen ehrfürchtig um das Auto ge­schart, als handle es sich um »ihr« Ausstellungsstück. Jemand hatte versucht, es anzuzünden, doch das Feuer war nicht ange­gangen.

»Er war nichts wert«, erklärte der Alte. »Wie die alle hier. Sehen Sie sich die Brüder doch an. Polacken, Verbrecher, Untermen­schen.«

Smileys Wagen war noch immer da, wo er ihn geparkt hatte, am Rand des Pfades, dicht neben den Abfallbehältern, und die bei­den blonden, gleich gekleideten Halbwüchsigen standen am Kofferraum und droschen mit Hämmern auf den Deckel ein. Er konnte sehen, wie ihre Stirnlocken bei jedem Schlag auf- und niederhüpften. Sie trugen Jeans und schwarze Stiefeletten, die mit Nieten in Form von Gänseblümchen geschmückt waren.

»Sagen Sie ihnen, sie sollen aufhören, auf meinen Wagen einzu­schlagen«, sagte Smiley zum Alten.

Die Lagerbewohner folgten ihnen in einiger Entfernung. Er konnte wieder das Schlurfen ihrer Schritte hören, wie eine Ar­mee von Flüchtlingen. Als er mit den Schlüsseln in der Hand sei­nen Wagen erreichte, waren die beiden Jungen immer noch über den rückwärtigen Teil gebeugt und schlugen aus Leibeskräften Darauf ein. Er ging um das Auto herum, um nachzusehen. Sie hatten den Kofferraumdeckel aus den Scharnieren geschlagen, ihn gebogen und wieder flach gedengelt, und jetzt lag er wie ein unförmiges Paket auf dem Boden. Er schaute auf die Räder, doch es schien nichts zu fehlen. Es fiel ihm nichts mehr ein, wo er noch nachsehen könnte. Da bemerkte er, daß sie einen Abfalleimer an die hintere Stoßstange gebunden hatten. Er zerrte an der Schnur, um sie abzureißen, doch sie gab nicht nach. Er versuchte es mit den Zähnen, ohne Erfolg. Der Alte lieh ihm ein Taschenmesser, und Smiley schnitt die Schnur durch, wobei er sich immer in ge­ziemender Entfernung von den beiden Jungen mit ihren Häm­mern hielt. Die Lagerbewohner hatten einen Halbkreis gebildet und hielten ihre Kinder zum Abschiedwinken hoch. Smiley stieg in das Auto, und der Alte knallte mit einem gewaltigen Schwung die Tür hinter ihm zu. Smiley steckte den Schlüssel in die Zün­dung, doch während er ihn drehte, hatte einer der Jungen sich lässig quer über die Kühlerhaube gelegt wie ein Modell bei einem Auto-Korso, und der andere klopfte höflich an die Scheibe.

Smiley kurbelte das Fenster herunter.

»Was wollen Sie?« fragte Smiley.

Der Junge hielt die Hand hin. »Reparatur«, erklärte er. »Ihr Kofferraum hat nicht ordentlich geschlossen. Arbeitszeit und Material. Unkosten. Parkgebühren.« Er deutete auf seinen Daumennagel. »Mein Kollege hat sich die Hand verletzt. Hätte schlimm ausgehen können.«

Smiley schaute in das Gesicht des Jungen und sah darin keine menschliche Regung, die er verstand.

»Sie haben gar nichts repariert. Nur Schaden angerichtet. Sagen Sie Ihrem Freund, er soll von meinem Wagen heruntergehen.«

Die beiden Jungen berieten sich, schienen uneins. Sie taten dies al­les unter den aufmerksamen Blicken der Menge, in äußerst gesetz­ter Form, stießen sich gegenseitig langsam mit den Schultern an und machten Rednergesten, die nicht mit ihren Worten überein­stimmten. Sie sprachen über Natur und Politik, und ihr platoni­scher Dialog hätte endlos weitergehen können, wenn der Junge auf dem Wagen sich nicht aufgerichtet hätte, um einem Argument besonderen Nachdruck zu verleihen. Dabei brach er einen Schei­benwischer ab und reichte ihn dem Alten wie eine Blume. Beim Wegfahren schaute Smiley in den Rückspiegel und sah einen Kreis von Gesichtern, die ihm nachstarrten, mit dem Alten in der Mitte. Niemand winkte. -

Er fuhr ohne Hast, wog seine Chancen ab, während das Auto schepperte wie ein alter Feuerwehrwagen. Er vermutete, daß sie mit dem Wagen noch irgendetwas angestellt hatten, was ihm entgangen war. Er hatte Deutschland schon öfter verlassen. Er war heimlich aus- und eingereist. Er hatte gejagt, während er selbst gejagt wurde, und obgleich er jetzt alt und in einem ande­ren Deutschland war, hatte er den Eindruck, wieder auf freier Wildbahn zu sein. Er wußte nicht, ob irgend jemand vom Cam­pingplatz an die Polizei telefoniert hatte, doch er nahm es als ge­geben an. Das Boot war offen, und sein Geheimnis lag klar zuta­ge. Alle, die weggeschaut hatten, würden sich nun als erste auf ihre Bürgerpflicht besinnen. Er hatte das alles schon erlebt.

Er fuhr in eine Küstenstadt, der Kofferraum - wenn es wirklich der Kofferraum war - schepperte immer noch hinter ihm. Viel­leicht ist es auch der Auspuff, dachte er: das Schlagloch, über das ich auf dem Weg zum Lager gefahren bin. Eine für die Jahreszeit ungewöhnlich heiße Sonne hatte die Morgennebel verdrängt. Nirgends waren Bäume, nur blendende Helle um ihn. Es war noch früh am Tag, und leere Pferdedroschken warteten auf die ersten Touristen. Der Sand wies ein Muster aus Kratern auf, die Sonnenanbeter im Sommer zum Schutz gegen den Wind gegra­ben hatten. Er konnte das blecherne Echo hören, das bei seiner Durchfahrt von den buntbemalten Ladenfassaden widerhallte und von der Sonne noch verstärkt zu werden schien. Wenn er an Leuten vorbeifuhr, sah er, wie ihre Köpfe sich hoben und ihm, wegen des Krachs, den er machte, nachstarrten.