»Hier ist die Familie Kretzschmar, die ihren Freizeitvergnügungen nachgeht«, sagte sie ein wenig zurückhaltender, als Smiley sich immer noch nicht vorgestellt hatte. »Was können wir für Sie tun? Womit können wir dienen?«
»Ich muß Ihren Mann sprechen«, sagte Smiley. Es waren seine ersten Worte seit dem Fahrscheinkauf und seine Stimme war belegt und unnatürlich.
»Aber Cläuschen arbeitet tagsüber nicht«, sagte sie fest, wenn auch immer noch lächelnd. »Tagsüber hat das Profitdenken laut Familienerlaß Ruhe. Soll ich ihm Handschellen anlegen, um Ihnen zu beweisen, daß er hier bis Sonnenuntergang unser Gefangener ist?«
Ihr Badeanzug war zweiteilig und ihr glatter, praller Bauch mit Sonnenöl eingerieben. Sie trug ein goldenes Kettchen um das Fußgelenk, wahrscheinlich als zusätzliches Zeichen ihrer Natürlichkeit. Und Goldsandaletten mit sehr hohen Absätzen. »Bitte sagen Sie Ihrem Mann, daß es sich um nichts Geschäftliches handelt«, sagte Smiley. »Es ist ein Freundschaftsbesuch.« Frau Kretzschmar nippte an ihrem Sekt, dann nahm sie die dunklen Gläser mit dem Plastikschnabel ab, wie bei einem Maskenball um Mitternacht. Sie hatte eine Stupsnase. Ihr freundliches Gesicht war ein gut Teil älter als ihr Körper.
»Wie kann es sich um einen Freundschaftsbesuch handeln, wo ich nicht einmal Ihren Namen kenne?« fragte sie, unschlüssig darüber, ob sie weiterhin zuvorkommend oder abweisend sein sollte.
Inzwischen war Herr Kretzschmar ihr nachgegangen und ließ seinen Blick von Smiley zu seiner Frau, dann wieder zurück zu Smiley schweifen. Die gesetzte Haltung und der starre Gesichtsausdruck des Besuchers ließen Herrn Kretzschmar vielleicht den Grund von Smileys Kommen ahnen.
»Schau nach dem Grill«, sagte er in knappem Ton.
Herr Kretzschmar nahm Smiley am Arm und führte ihn in ein Wohnzimmer mit Messingleuchtern und einem Panoramafenster voller Dschungelkakteen.
»Otto Leipzig ist tot«, sagte Smiley unvermittelt, sobald die Tür hinten ihnen zu war. »Zwei Männer haben ihn umgebracht.«
Herrn Kretzschmars Augen öffneten sich sehr weit, dann drehte er sich um und legte die Hände vors Gesicht.
»Sie haben eine Bandaufnahme gemacht«, sagte Smiley, ohne im mindesten auf diese Gefühlsentfaltung zu achten. »Es gibt das Foto, das ich Ihnen gezeigt habe, und irgendwo gibt es auch eine Bandaufnahme, die Sie für ihn verwahren.« Der Rücken vor Smiley ließ nicht erkennen, ob Herr Kretzschmar zugehört hatte. »Sie haben selbst gestern Nacht davon gesprochen«, fuhr Smiley im gleichen ungerührten Ton fort. »Sie sagten, sie hätten über Gott und die Welt geredet. Sie sagten, Otto hätte gelacht, wie ein Henker, drei Sprachen gleichzeitig gesprochen, gesungen, Witze gerissen. Sie haben nicht nur die Fotos für Otto aufgenommen, sondern auch das Gespräch. Ich vermute, daß Sie auch den Brief haben, der ihm über Sie aus London geschickt wurde.«
Herr Kretzschmar hatte sich umgedreht und starrte in heller Empörung auf Smiley.
»Wer hat ihn umgebracht?« fragte er. »Herr Max, ich frage Sie als Soldat!«
Smiley hatte das abgerissene Stück Postkarte aus der Tasche gezogen.
»Wer hat ihn umgebracht?« wiederholte Herr Kretzschmar.
»Ich will es wissen!«
»Das sollte ich Ihnen doch vergangene Nacht bringen?« sagte Smiley, ohne auf seine Frage einzugehen. »Wer immer Ihnen das da bringt, bekommt dafür die Bänder und was Sie sonst noch für ihn verwahrt haben. So lautete die Abmachung zwischen Ihnen beiden.«
Kretzschmar nahm die Karte.
»Er nannte es seine Moskauer Regeln«, sagte Herr Kretzschmar.
»Otto und der General bestanden darauf, obgleich es mir persönlich lächerlich vorkam.«
»Haben Sie die andere Hälfte der Karte?« fragte Smiley.
»Ja«, sagte Herr Kretzschmar.
»Dann bitte prüfen Sie, ob sie zusammenpassen und geben Sie mir das Material. Ich werde es genau so verwenden, wie Otto dies gewünscht hätte.«
Er mußte es zweimal in jeweils anderer Formulierung sagen, bevor Herr Kretzschmar antwortete.
»Versprechen Sie das?«
»Ja.«
»Und die Mörder? Was passiert mit denen?«
»Wahrscheinlich sind sie bereits auf der anderen Seite des Wassers in Sicherheit«, sagte Smiley. »Es sind ja nur ein paar Kilometer.«
»Wozu soll das Material dann gut sein?«
»Das Material bringt den Mann in Schwierigkeiten, der die Mörder ausgeschickt hat«, sagte Smiley, und vielleicht ließ die eiserne Beherrschung seines Besuchers Herrn Kretzschmar ahnen, daß Smiley ebenso schmerzlich, vielleicht sogar, auf seine spezielle Art, noch schmerzlicher betroffen war als er selbst.
»Es bedeutet also seinen Tod?« fragte Herr Kretzschmar.
Smiley ließ sich zur Beantwortung dieser Frage viel Zeit.
»Es bedeutet schlimmeres für ihn als den Tod«, sagte er.
Einen Augenblick schien es, als ob Herr Kretzschmar fragen wollte, was denn schlimmer sei als der Tod; doch er unterließ es.
Er hielt die halbe Postkarte apathisch in der Hand und verließ das Zimmer. Smiley wartete geduldig. Eine Messinguhr mit automatischem Aufzug werkte rastlos vor sich hin, Goldfische glotzten ihn aus einem Aquarium an. Herr Kretzschmar kam wieder zurück, mit einer weißen Pappschachtel in der Hand. Darinnen lagen, in einem Polster aus Klosettpapier, ein Stoß zusammengefalteter, fotokopierter Blätter, die mit einer ihm bereits vertrauten Handschrift bedeckt waren, sowie sechs Miniaturkassetten aus blauem Plastik, die Art, wie sie Menschen von heute bevorzugen.
»Er hat sie mir anvertraut«, sagte Herr Kreztschmar.
»Das war klug von ihm«, sagte Smiley.
Herr Kretzschmar legte eine Hand auf Smileys Schulter: »Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie's mich wissen«, sagte er. »Ich habe meine Leute. Wir leben in einer gewalttätigen Zeit.«
Von einer Telefonzelle aus rief Smiley nochmals den Flughafen Hamburg an, um Mister Standfasts Flug nach London Heathrow zu bestätigen. Danach kaufte er Briefmarken und einen kräftigen Umschlag, auf den er eine fiktive Adresse in Adelaide, Australien, schrieb. Er steckte Mister Standfasts Paß hinein und warf das Kuvert in einen Briefkasten. Dann ging er als ganz einfacher Mister George Smiley, Beruf Angestellter, zum Bahnhof zurück und fuhr ohne Zwischenfall über die Grenze nach Dänemark. Während der Fahrt ging er auf die Toilette und las dort Maria Ostrakowas Brief, alle sieben Seiten, die der General selbst auf Mikhels antiquiertem Naßkopierer in der kleinen Bibliothek am Britischen Museum abgelichtet hatte. Was er las, paßte zu dem, was er an diesem Tag erlebt hatte und erfüllte ihn mit wachsender, schier unbändiger Sorge. Per Bahn, Fährschiff und Taxi eilte er zum Flughafen Castrup in Kopenhagen. Von dort flog er am Nachmittag weiter nach Paris, und obwohl die Flugzeit nur eine Stunde betrug, füllte sie in Smileys Geist die Spanne eines Lebens und führte ihn durch die ganze Skala seiner Erinnerungen, Empfindungen und Erwartungen. Die Wut und Bestürzung über Leipzigs Ermordung, die er bis jetzt unterdrückt hatte, wallten nun in ihm auf, wichen aber sofort seiner Angst um die Ostrakowa: Wenn sie schon bei Leipzig und dem General vor nichts zurückgeschreckt waren, was würden sie dann erst mit der Ostrakowa anstellen? Die Blitzreise durch Schleswig-Holstein hatte ihm die Behändigkeit der Jugend wiedergegeben, doch jetzt, nachdem der Höhepunkt überschritten war, fiel ihn erneut die unheilbare Gleichgültigkeit des Alters an. Wenn der Tod so nahe, so allgegenwärtig ist, dachte er, aus welchem Grund sollte man da weiterkämpfen? Er dachte wieder an Karla und an dessen Absolutheit, die zumindest dem dauernden Chaos, das Leben hieß, eine bestimmte Richtung gab, eine Richtung auf Gewalttätigkeit und Tod; an Karla, für den Mord nie mehr gewesen war als das notwendige Mittel zu einem großen Zweck.