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Wie kann ich gewinnen? fragte er sich; allein, voller Zweifel und von Skrupeln gehemmt, wie kann ich da - wie könnte da irgend jemand von uns - gegen diese gnadenlosen Exekutionskomman­dos gewinnen?

Die bevorstehende Landung des Flugzeugs und die Aussicht auf neuerliche Jagd belebten ihn wieder. Es gibt zwei Karlas, über­legte er in Erinnerung an das unbewegte Gesicht, an die geduldi­gen braunen Augen, den drahtigen Körper des Mannes, der sto­isch auf seine eigene Zerstörung hinarbeitete. Da ist Karla, der Profi, der so kaltblütig war, daß er, wenn nötig, zehn Jahre war­ten konnte, bis sich ein Einsatz auszahlte: in Bill Haydons Fall, zwanzig; Karla, der alte Spion, der Pragmatiker, der ein Dut­zend Fehlschläge für einen großen Erfolg in Kauf nahm.

Und da ist der andere Karla, der Mann, der letzten Endes doch ein Herz besitzt, einer großen Liebe fähig ist, Karla, dem der Makel der Menschlichkeit anhaftet. Ich sollte mich nicht kopf­scheu machen lassen, wenn er, um seine Schwäche zu verteidi­gen, auf die einschlägigen Methoden seines Metiers zurückgreift. Als er in seinem Abteil nach dem Strohhut über sich griff und be­reits im Geist die nächsten Schachzüge plante, erinnerte Smiley sich an ein leichtsinniges Versprechen, das er einst gegeben hatte: Auch Karla könne man zu Fall bringen. »Nein«, war damals seine Antwort auf eine Frage gewesen, die fast aufs Haar derjeni­gen glich, die er sich soeben selber gestellt hatte. »Nein, Karla ist nicht kugelfest. Weil er ein Fanatiker ist. Und wenn ich dann noch ein Wort mitzureden habe, wird ihn eines Tages eben dieser Mangel an Mäßigung zu Fall bringen.«

Als er zum Taxistand hastete, fiel ihm ein, daß er diese Bemer­kung damals einem gewissen Peter Guillam gegenüber getan hat­te, Peter Guillam, an den er zufälligerweise gerade sehr viel den­ken mußte.

18

Maria Ostrakowa lag auf dem Sofa, blickte hinaus ins Zwielicht und fragte sich ernsthaft, ob es wohl den Weltuntergang ankün­dige.

Den ganzen Tag hatte dasselbe trübe Grau über dem Hof gelegen und ihr winziges Universum einem immerwährenden Abend ausgeliefert. In der bräunlichen Morgendämmerung war das Grau noch dichter geworden. Um Mittag, kurz nach dem Auf­tauchen der Männer, erfolgte eine himmlische Stromsperre, Grabesfinsternis sank herab, wie ein Vorgriff auf Maria Ostra­kowas eigenes Ende. Und jetzt, am Abend, schickte sich ein kriechender Nebel an, die vor der Dunkelheit zurückweichen­den Kräfte des Lichts endgültig zu besiegen. Und genauso wird es mit der Ostrakowa enden, dachte sie ohne Bitterkeit: mit mei­nem zerschlagenen, schwarz und blau gefleckten Körper und mit meiner belagerten Festung und mit meinen Hoffnungen auf die Wiederkunft des Erlösers; genauso wird es enden, mein Lebens­licht wird dahinschwinden.

Als sie an diesem Morgen erwacht war, hatte sie sich an Händen und Füßen gefesselt geglaubt. Sie hatte versucht, ein Bein zu be­wegen, und schon schnitten glühende Ketten ihr in Schenkel, Brust und Bauch. Sie hatte einen Arm angehoben, doch eiserne Bande rissen ihn wieder zurück. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis sie ins Badezimmer gekrochen, und eine zweite, bis sie aus­gezogen war und im warmen Wasser lag. Beim Hineinsteigen fürchtete sie, vor Schmerzen ohnmächtig zu werden, ihre vom Straßenpflaster aufgeschundene Haut brannte wie Feuer. Sie hörte ein Hämmern und glaubte, es sei in ihrem Kopf, bis sie be­griff, daß es von einem aufgebrachten Nachbarn stammte. Als sie die Schläge der Kirchenuhr zählte, kam sie nur auf vier; kein Wunder also, wenn der Nachbar gegen das donnernde Rauschen in den alten Leitungen protestierte. Die Anstrengung des Kaf­feekochens hatte sie erschöpft, aber sie konnte sich plötzlich nicht mehr setzen, es war genauso unerträglich, wie das Liegen. Blieb als Ruhestellung nur noch, daß sie sich über den Ausguß beugte und die Ellbogen auf das Ablaufbrett stützte. Von hier aus konnte sie den Hof überblicken, zum Zeitvertreib und zur Sicherheit, und von hier aus hatte sie die Männer erspäht, die beiden Geschöpfe der Finsternis - wie sie jetzt befand -, und ge­hört, daß sie der Concierge etwas zuriefen und die dumme alte Ziege zurückblökte und dabei ihren blöden Kopf schüttelte -»Nein, Madame Ostrakowa ist nicht da, nicht da« -, nicht da, in zehn verschiedenen Variationen, daß es gleich einer Arie durch den Hof schallte - ist nicht da -, alles übertönte, das Teppich­klopfen und den Kinderlärm und das Geschnatter der beiden al­ten Weiber vom dritten Stock, die ihre mit Schals umwickelten Köpfe aus zwei Meter voneinander entfernten Fenstern streck­ten - ist nicht da! -, bis nicht einmal ein Kind es mehr geglaubt hätte.

Wenn sie lesen wollte, mußte sie das Buch auf das Ablaufbrett le­gen, und dort deponierte sie nach dem Auftauchen der Männer auch die Waffe, bis sie die Öse am Kolben bemerkte und, als praktische Frau, aus Bindfaden eine Schlaufe anfertigte und sich die Pistole um den Hals hängte. So hatte sie beide Hände frei, um sich bei jeder Fortbewegung abstützen zu können. Aber als die Waffe ihr gegen die Brüste stieß, wurde ihr vor Schmerz übel. Nachdem die Männer wieder gegangen waren, hatte sie bei ihren häuslichen Verrichtungen, die sie während ihrer Gefangenschaft nicht vernachlässigen wollte, laut vor sich hinzureden begonnen. »Ein großer Mann, ein Ledermantel, ein Homburg-Hut«, hatte sie gemurmelt und sich zur Herzstärkung eine tüchtige Dosis Wodka genehmigt. »Ein breiter Mann, schütteres Haar, graue Schuhe mit Lochmuster!« Lieder machen aus meinen Erinne­rungen, hatte sie gedacht; sie dem Magier vorsingen, dem Gene­ral — oh, warum antworten sie nicht auf meinen zweiten Brief?

Sie war wieder ein Kind, stürzte von ihrem Pony, und das Pony machte kehrt und trampelte auf ihr herum. Sie war wieder eine Frau und versuchte, Mutter zu werden. Sie entsann sich der drei Tage währenden unmenschlichen Qualen, als Alexandra sich er­bittert dagegen wehrte, in das graue und gefährliche Licht einer unsauberen Moskauer Gebärklinik zu treten - das gleiche Licht, das jetzt vor dem Fenster herrschte und wie künstlicher Staub auf den gebohnerten Fußböden der Wohnung lag. Sie hörte sich nach Glikman rufen: »Er soll kommen, er soll kommen.« Sie er­innerte sich, daß ihr manchmal war, als trage sie Glikman, ihren Liebsten, und nicht ihr Kind; als versuche sein ganzer kraftvoller haariger Körper sich seinen Weg aus ihr - oder in sie? - zu bah­nen; als liefere sie mit dieser Geburt Glikman der Gefangen­schaft aus, vor der sie ihn so gern bewahrt hätte.

Warum war er nicht da, warum kam er nicht? fragte sie sich und verwechselte Glikman mit dem General und mit dem Magier. Sie wußte sehr wohl, warum Glikman nicht gekommen war, während sie mit Alexandra rang. Sie selbst hatte ihn gebeten, wegzubleiben. »Du hast den Mut zu leiden, und das genügt«, hatte sie zu ihm gesagt. »Aber du hast nicht den Mut, die Leiden anderer mitanzusehen, und auch darum liebe ich dich. Christus hatte es zu leicht«, sagte sie. »Christus konnte die Aussätzigen heilen, Christus konnte die Blinden sehend machen und die To­ten wieder zum Leben erwecken. Aber du bist nicht Christus, du bist Glikman, und du kannst nichts gegen meine Leiden tun als zusehen und mitleiden, und davon hat niemand etwas.«

Aber der General und sein Magier konnten mehr, sagte sie sich ein wenig ungehalten; sie haben sich anheischig gemacht, mich von meinem Übel zu heilen, und ich habe ein Recht auf ihre Hilfe!

Zur verabredeten Zeit war die blöde, blökende Concierge heraufgekommen, komplett mit Ehetrottel und Schraubenzieher. Sie waren voll freudiger Erregung und frohlockten, der Ostrakowa so erquickende Kunde bringen zu können. Die Ostrakowa hatte sich auf ihr Kommen sorgfältig vorbereitet, Musik eingeschaltet und Make-up aufgelegt und Bücher neben dem Sofa ge­stapelt, um eine Atmosphäre entspannter Beschaulichkeit zu schaffen.