Was auf diesen Zusammenprall folgte, wird von Guillam ein wenig nebulos geschildert; er hatte natürlich keine Ahnung von Smileys Kommen gehabt, und solange sie in der Wohnung waren, sagte Smiley - vielleicht aus Furcht vor Mikrophonen — wenig Erhellendes. Marie-Ciaire war im Schlafzimmer, aber weder gefesselt noch geknebelt, und auf dem Bett lag, von Marie-Ciaire dorthin beordert, die Ostrakowa, noch immer in ihrem alten schwarzen Kleid, und Marie-Ciaire verwöhnte sie mit allem, was das Haus zu bieten hatte - Hühnerbrüstchen in Aspik, Pfefferminztee, sämtlichen Schongerichten, die sie emsig für den wundervollen, doch leider nicht absehbaren Tag gehortet hatte, an dem Guillam krankheitshalber ihrer Betreuung bedürfte. Wie Guillam feststellte, mußte die Ostrakowa (deren Namen er allerdings noch nicht kannte) gewaltige Prügel bezogen haben.
Graue Druckstellen breiteten sich um Augen und Mund aus, und ihre Finger waren schwer lädiert, offenbar hatte sie versucht, sich zu wehren. Nachdem Smiley den Hausherrn einen kurzen Blick auf die Szene hatte werfen lassen - die Dame in der Obhut der besorgten Kind-Frau -, führte er Guillam in dessen eigenen Salon und erteilte ihm mit der Autorität des ehemaligen Chefs, der er ja war, in aller Eile seine Anweisungen. Erst jetzt erhielt Guillams hastige Heimfahrt doch noch ihre nachträgliche Rechtfertigung. Die Ostrakowa - Smiley sagte nur »unser Gast« -müsse noch heute Abend Paris verlassen, sagte er. Das sichere Haus der Residentur in der Nähe von Orleans - er sagte »unser Landsitz« - sei nicht sicher genug, sie müsse an einen Ort gebracht werden, wo sie Pflege und Schutz fände. Guillam entsann sich eines französischen Ehepaars in Arras. Eines pensionierten Agenten und dessen Frau, die schon früher den einen oder anderen Zugvogel des Circus beherbergt hatten. Man kam überein, daß er in Arras anrufe, aber nicht von der Wohnung aus: Smiley schickte ihn zu einer öffentlichen Telefonzelle. Als er die notwendigen Verabredungen getroffen hatte und wieder heimkam, hatte Smiley bereits ein kurzes Fernschreiben auf einem Bogen von Marie-Claires abscheulichem Briefpapier mit den grasenden Häschen entworfen, das Guillam unverzüglich an den Circus absenden sollte. »Persönlich an Saul Enderby, nur vom Empfänger zu entschlüsseln.« Der Text, den Guillam auf Smileys Geheiß lesen mußte (aber nicht laut), bat Enderby »betreffs eines zweiten, Ihnen inzwischen sicherlich zur Kenntnis gelangten Todesfalls« höflich um eine Zusammenkunft bei Ben in achtundvierzig Stunden. Guillam hatte keine Ahnung, wer Ben war.
»Und, Peter.«
»Ja, George«, sagte Guillam, noch immer ganz benommen.
»Ich nehme an, es gibt eine offiziellle Telefonliste der in Paris akkreditierten Diplomaten. Haben Sie zufällig so ein Ding in der Wohnung?«
Guillam hatte eines. Marie-Ciaire konnte ohne dieses Verzeichnis nicht leben. Sie hatte überhaupt kein Namensgedächtnis, daher das Heft neben dem Telefon im Schlafzimmer, damit sie es konsultieren konnte, sooft sie von einem Mitglied ausländischer Botschaften telefonisch zu einem Drink, einem Dinner oder im schlimmsten Fall anläßlich der zahlreichen Nationalfeiertage eingeladen wurden. Guillam holte es und lugte Smiley über die Schulter. »Kirow« las er - aber auch diesmal nicht laut -, als er Smileys Daumennagel folgte »Kirow, Oleg, Zweiter Sekretär (Handel), unverheiratet.« Danach eine Adresse im 7. Arrondissement, dem Getto der Sowjetbotschaft.
»Schon mal getroffen?« fragte Smiley.
Guillam schüttelte den Kopf. »Vor ein paar Jahren haben wir ihn uns angesehen. Er ist tabu«, antwortete er.
»Wann wurde diese Liste zusammengestellt?« fragte Smiley. Die Antwort stand auf dem Deckel. Dezember des vergangenen Jahres.
Smiley sagte: »Also, wenn Sie in Ihr Büro kommen - «
»Schaue ich in der Kartei nach«, versprach Guillam.
»Und dann noch das hier«, sagte Smiley scharf und reichte Guillam eine einfache Kuriertasche, in der sich, wie Guillam später feststellte, mehrere Mikrokassetten sowie ein dicker brauner Briefumschlag befanden.
»Mit der ersten Kurierpost morgen früh, bitte«, sagte Smiley. »Gleiche Einstufung und Adresse wie das Fernschreiben.«
Guillam ließ Smiley beim weiteren Studium der Telefonliste und die beiden Frauen in der Abgeschiedenheit des Schlafzimmers zurück und raste wieder zur Botschaft, wo er den verwirrten Anstruther von seiner Telefonwache erlöste und ihm die Kuriertasche zusammen mit Smileys Instruktionen ans Herz legte. Die Spannung in Smiley hatte Guillam beträchtlich zugesetzt, er schwitzte. In all den Jahren, seit er George kannte, habe er ihn, so sagte er später, nie so verschlossen, so erregt, so elliptisch, so verzweifelt gesehen. Guillam schloß den Tresorraum wieder auf, codierte das Fernschreiben, schickte es ab und wartete nur, bis die Empfangsbestätigung aus London eingegangen war; dann holte er sich die Akte über Personalveränderungen in der Sowjetbotschaft und blätterte die letzten Ausgaben der Beobachtungslisten durch. Er mußte nicht lange suchen. Bereits die dritte Drucksache, Kopie nach London, gab die gewünschte Auskunft. Kirow, Oleg, Zweiter Sekretär, Handel, hier bezeichnet als »verheiratet, aber Ehefrau nicht en poste«, war vor zwei Wochen nach Moskau zurückgekehrt. In der Spalte für verschiedene Anmerkungen hatte die französische Verbindungs-Dienststelle eingetragen, laut informierter sowjetischer Quellen sei Kirow »kurzfristig an das sowjetische Außenministerium berufen worden, um dort einen überraschend freigewordenen höheren Posten anzutreten«. Die üblichen Abschiedspartys hatten daher nicht stattfinden können.
In Neuilly wurden Guillams Eröffnungen von Smiley mit tiefem Schweigen quittiert. Er wirkte nicht überrascht, aber er wirkte wie von einem Schauder erfaßt, und als er schließlich sprach -was er erst tat, nachdem sie alle drei im Auto saßen und in Richtung Arras brausten -, hatte seine Stimme einen fast hoffnungslosen Klang. »Ja«, sagte er - als seien Guillam die Zusammenhänge längst bekannt. »Ja, genau das würde er natürlich tun, nicht wahr? Er würde Kirow unter dem Vorwand einer Beförderung zurückrufen, damit er auch ganz gewiß käme.«