»Es putscht wirklich auf. Wie diese Pillen, die manche Leute nehmen, wenn sie für eine wichtige Prüfung pauken. Aber für den Körper ist es beruhigend. Ich fühle mich wie eine Neonreklame auf einem leeren Gebäude. Hell erleuchtet, aber im Grunde hohl. Hey, die Eier sind sehr gut. Danke.« Er stellte den Teller beiseite. Er hatte gerade mal einen Löffel davon gegessen.
Ich saß an seinem Schreibtisch und betrachtete erneut die Skizze an der Wand, die karge Darstellung der Geschichte unseres Sonnensystems. Er hatte sie mit Filzstift auf gewöhnliches braunes Packpapier gezeichnet.
Jason folgte meinem Blick. »Offensichtlich«, sagte er, »erwarten sie, dass wir irgendetwas tun.«
»Wer?«
»Die Hypothetischen. Wenn wir sie denn so nennen müssen. Und das müssen wir wohl — alle tun es. Sie erwarten etwas von uns. Ich weiß nicht, was. Ein Geschenk, ein Zeichen, ein annehmbares Opfer.«
»Woher weißt du das?«
»Nun, es ist keine besonders originelle Vermutung. Warum ist die Spin-Barriere durchlässig für menschliche Artefakte wie Satelliten, nicht aber für Meteore oder gar Brownlee-Partikel? Offensichtlich handelt es sich gar nicht um eine Barriere, das war von Anfang an nicht der richtige Ausdruck.« Unter dem Einfluss des Stimulans schien Jason eine besondere Neigung für das Wort offensichtlich gefasst zu haben. »Offensichtlich«, sagte er, »ist es ein selektiver Filter. Wir wissen, dass er die zur Erde gelangende Energie filtert. Die Hypothetischen wollen also uns — oder jedenfalls die terrestrische Ökosphäre — erhalten, am Leben lassen. Aber warum gewähren sie uns Zugang zum Weltraum? Sogar nachdem wir versucht haben, die einzigen zwei spinbezogenen Artefakte zu bombardieren, die je gesichtet wurden? Worauf warten sie, Tyler? Was ist der Preis?«
»Vielleicht ist es kein Preis. Vielleicht ist es ein Lösegeld. Zahlt und wir lassen euch in Ruhe.«
Er schüttelte den Kopf. »Dafür, uns in Ruhe zu lassen, ist es zu spät. Jetzt brauchen wir sie. Und wir können die Möglichkeit noch immer nicht ausschließen, dass sie uns wohlgesonnen sind, oder zumindest gutartig. Ich meine, mal angenommen, sie wären nicht zu diesem Zeitpunkt aufgekreuzt. Was hätte uns erwartet? Es gibt viele Leute, die glauben, wir hätten vor unserem letzten Jahrhundert als lebensfähige Zivilisation gestanden, vielleicht sogar als Gattung. Globale Erwärmung, Überbevölkerung, das Sterben der Meere, der Verlust von Ackerland, die starke Zunahme von Krankheiten, die Drohung atomarer oder biologischer Kriegsführung…«
»Wir hätten uns vielleicht selbst zerstört, aber es wäre wenigstens unsere eigene Schuld gewesen.«
»Stimmt das wirklich? Wessen Schuld denn genau? Deine? Meine? Nein, es wäre das Ergebnis relativ harmloser Entscheidungen von mehreren Milliarden Menschen gewesen: Kinder zu haben, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, den Job zu behalten, die kurzfristigen Probleme zuerst zu lösen. Wenn du an den Punkt gelangst, wo selbst deine trivialsten Handlungen womöglich mit dem Tod der Gattung bestraft werden, dann stehst du offensichtlich, ganz offensichtlich, an einem Scheideweg. Eine andere Art von kein Zurück mehr.«
»Ist es denn besser, von der Sonne vernichtet zu werden?«
»Das ist ja noch nicht geschehen. Und wir wären nicht der erste Stern, der ausbrennt. Die Galaxis ist übersät von weißen Zwergen, die womöglich aus einmal bewohnbaren Planeten entstanden sind. Hast du dich je gefragt, was mit denen passiert ist?«
»Sehr selten.« Ich stand auf und ging zum Bücherregal, zu den Familienfotos. Da war E. D., in die Kamera lächelnd — ein Mann, dessen Lächeln nie so ganz überzeugend war. Seine physische Ähnlichkeit mit Jason war markant (war offensichtlich, hätte Jason vielleicht gesagt). Die gleiche Maschine, anderer Geist.
»Wie könnte das Leben eine stellare Katastrophe überstehen? Offensichtlich hängt das davon ab, was ›Leben‹ ist. Sprechen wir von organischem Leben oder von einer beliebigen Form von autokatalytischer Feedbackschleife? Sind die Hypothetischen organisch? Was übrigens für sich schon eine interessante Frage ist…«
»Du solltest wirklich versuchen, ein bisschen zu schlafen.« Es war nach Mitternacht. Er verwendete Wörter, die ich nicht verstand. Ich betrachtete das Foto von Carol. Hier war die Ähnlichkeit subtiler. Der Fotograf hatte sie an einem guten Tag erwischt: ihre Augen waren richtig geöffnet, nicht auf Halbmast, und obwohl ihr Lächeln unwillig war — ein kaum wahrnehmbares Heben der dünnen Lippen —, wirkte es nicht völlig unecht.
»Vielleicht nutzen sie die Sonne als Bergwerk. Wir haben aufschlussreiche Daten über Sonnenflackern. Offensichtlich erfordert das, was sie mit der Erde gemacht haben, große Mengen von Energie. Es ist das Gleiche, wie wenn du eine planetengroße Masse auf eine Temperatur nahe dem absoluten Nullpunkt herunterkühlst. Aber wo kommt die Energie her? Höchstwahrscheinlich von der Sonne. Wir haben eine markante Abnahme großen Sonnenflackerns seit dem Spin beobachtet. Irgendetwas, irgendeine Kraft oder Tätigkeit, nimmt womöglich Hochenergiepartikel auf, bevor sie in der Heliosphäre aufwogen. Die Sonne anzapfen, Tyler! Das ist ein Akt technologischer Hybris, der fast so erstaunlich ist wie der Spin selbst.«
Ich nahm Dianes Foto in die Hand. Es war vor ihrer Hochzeit mit Simon Townsend aufgenommen worden. Gut zum Ausdruck kam eine bestimmte charakteristische Unruhe, als habe sie gerade, von einem verwirrenden Gedanken überrascht, die Augen zusammengekniffen. Sie war schön, ohne sich Mühe zu geben, aber auch nicht ganz entspannt, voller Anmut, doch leicht aus dem Gleichgewicht geraten.
Ich hatte so viele Erinnerungen an sie. Nur waren sie inzwischen etliche Jahre alt, verschwanden in der Vergangenheit mit fast spinartiger Beschleunigung. Jason sah, dass ich das Bild in der Hand hielt, und war für einige segensreiche Augenblicke still. Dann sagte er: »Also wirklich, Tyler, diese Fixierung ist deiner nicht würdig.«
»Von einer Fixierung kann man schwerlich sprechen, Jase.«
»Warum? Weil du über sie weg bist oder weil du Angst vor ihr hast? Aber ich könnte ihr die gleiche Frage stellen — falls sie sich mal melden würde. Simon führt sie an der kurzen Leine. Ich vermute, sie vermisst die alten NK-Zeiten, als die Bewegung noch voller nackter Unitarier und evangelikaler Hippies war. Der Preis der Frömmigkeit ist inzwischen ganz schön happig… Aber sie spricht hin und wieder mit Carol.«
»Ist sie wenigstens glücklich?«
»Diane lebt unter Fanatikern. Sie ist vielleicht selber eine. Glück ist bei denen nicht vorgesehen.«
»Glaubst du, dass sie in Gefahr ist?«
Er zuckte mit den Achseln. »Ich glaube, sie führt das Leben, das sie für sich gewählt hat. Sie hätte andere Entscheidungen treffen können. Sie hätte zum Beispiel dich heiraten können, Tyler, wenn sie nicht diese lächerliche Vorstellung im Kopf gehabt hätte.«
»Vorstellung?«
»Dass E. D. dein Vater ist. Und sie deine leibliche Schwester.«
Ich trat allzu hastig vom Bücherregal weg, warf dabei die Bilder zu Boden. »Das ist doch lächerlich.«
»Vollkommen lächerlich. Aber ich glaube, endgültig verabschiedet hat sie sich davon erst, als sie auf dem College war.«
»Aber wie um Himmels willen kam sie denn darauf?«
»Es war ein reines Fantasiegebilde, keine Theorie. Denk mal nach. Es gab nie sehr viel Zuneigung zwischen Diane und E. D. Sie fühlte sich unbeachtet. Und in gewissem Sinne hatte sie Recht. E. D. hat nie eine Tochter haben wollen, er wollte einen Erben, einen männlichen Erben. Er hatte hohe Erwartungen und zufällig habe ich ihnen entsprochen. Diane war für ihn nur eine unnütze Ablenkung. Er erwartete, dass Carol sie aufzieht, und Carol… Carol war dieser Aufgabe nicht gewachsen.«
»Und deshalb hat sie diese… Geschichte erfunden?«
»Sie hat es als eine Schlussfolgerung angesehen. Es lieferte eine Erklärung dafür, dass E. D. deine Mutter und dich auf dem Grundstück hat wohnen lassen. Und es erklärte, warum Carol immerzu unglücklich war. Und vor allem fühlte sie sich selbst besser dabei. Deine Mutter war netter und herzlicher zu ihr, als Carol es je war. Ihr gefiel die Vorstellung, mit der Familie Dupree blutsverwandt zu sein.«