Es gelang Barlennan, seine grenzenlose Erleichterung über diese Angaben zu verbergen; nun faßte er sich kurz. „Danke. Man kann nicht alles haben. Bitte informiere mich, wenn euer Astronom zu einem Ergebnis gekommen ist, gleichwohl zu welchem. Du verstehst, daß ich über das Schicksal meiner Mitarbeiter beunruhigt bin.“
Barlennan, der mehr Umgang mit Menschen gepflegt hatte, war in der Lage gewesen, aus Benjs Äußerungen mehr über die Empfindungen des Jungen zu schließen als Dondragmer; er betrachtete Benjs Teilnahme an mesklinitischen Angelegenheiten unter Nützlichkeitserwägungen und hatte sich lediglich deshalb gehalten gesehen, diese Einstellung des jungen Hoffman durch seinen letzten Satz zu fördern. Vorerst jedoch, als er sich vom Kommunikator abwandte, vergaß er diesen Aspekt.
„Es könnte besser sein, aber auch übler“, bemerkte er zu den beiden Wissenschaftlern.
„Jedenfalls taten wir gut daran, das Blinksystem nicht aufzubauen. Selbstverständlich hätten sie es gesehen.“
„Nicht zwangsläufig“, entgegnete Deeslenver.
„Der Mensch sagte, sie können Lichter sehen, aber daraus schließe ich keineswegs, daß es ihre Gewohnheit ist, danach Ausschau zu halten. Sie werden ihre Instrumente für wichtigere Zwecke einsetzen.“
„Das Risiko ist trotzdem zu groß“, sagte Barlennan. „Gegenwärtig nutzte es uns ohnehin nichts, weil sie gerade ihre besten Instrumente auf uns richten.“
„Aber sie wollen doch die Nachbarschaft der Kwembly absuchen, die mehrere Millionen Kabel von uns entfernt liegt.“
„Stell dir vor, du müßtest einen bestimmten Teil des Planeten mit einem Teleskop untersuchen. Was für eine Mühe würde es dich schon kosten, es auf einen anderen Teil einzuschwenken?“
Deeslenver pflichtete dem Argument mit einer Geste bei. „Also warten wir entweder bis Sonnenaufgang oder veranlassen einen Sonderflug, falls du nach wie vor die Esket zu verwenden beabsichtigst. Ich gestehe, daß mir noch nichts anderes eingefallen ist. Ich weiß noch nicht einmal, wie ein brauchbarer Test beschaffen sein sollte.“
„Das ist weniger wichtig. Wir wollen hauptsächlich herausfinden, wie schnell und wie korrekt die Menschen Nachrichten an uns weiterleiten und ob vollständig. Ich werde mir innerhalb der nächsten zwei Stunden etwas ausdenken. War in Kürze nicht ohnehin ein Forschungsflug eingeplant?“
„So bald nicht“, sagte Bendivence. „Außerdem stimme ich mit der Meinung, daß Einzelheiten bedeutungslos seien, nicht überein. Sicher willst du sie nicht darauf stoßen, daß wir etwas mit dem Ausfall der Esket zu tun haben. Selbstverständlich sind die Menschen nicht blöde.“
„Das habe ich keineswegs angenommen. Der Test muß den Charakter irgendeines ganz natürlichen Vorfalls haben. Wir werden der Tatsache Rechnung tragen, daß die Menschen über die natürlichen Vorgänge auf dieser Welt viel weniger wissen als wir. Ihr kehrt nun zurück in die Forschungssektion; sagt allen Beteiligten, daß der Start vorverlegt wird. In zwei Stunden habe ich für Destigmet eine Anweisung geschrieben.“
„In Ordnung.“ Die beiden Wissenschaftler verschwanden durch die Tür; Barlennan folgte ihnen langsam. Ihm kam zu Bewußtsein, wie wichtig der Hinweis von Bendivence war. Was ließ sich im Bereich der Kameras der Esket tun, ohne daß den Menschen der Verdacht kam, daß Meskliniten es taten? Oder ohne daß sie einen berechtigten Grund zur Verzögerung der Meldung erhielten? Es bestand immerhin die Möglichkeit, daß die Verzögerung, die im Falle der Kwembly aufgetreten war, lediglich aus Mißverständnissen resultierte; jeder der Menschen konnte geglaubt haben, ein anderer kümmere sich um die Weitergabe. Von Barlennans Standpunkt aus hätte so etwas ungeheuerliche Unfähigkeit und völlige Desorganisation, ein geradezu unentschuldbares Durcheinander bedeutet; aber es war nicht das erste Mal, daß er den Menschen so etwas zutraute, jedenfalls einigen. Der Test mußte selbstverständlich durchgeführt werden, und die Kommunikatoren der Esket erboten sich als geeignete Werkzeuge; die Sender funktionierten noch, aber natürlich mußte die Besatzung es sorgfältig vermeiden, vor die Kameras zu geraten.
Es war lange her, daß die Menschen das letzte Mal von dem gescheitertem Fahrzeug gesprochen hatten. Auf den Gedanken, daß Kameras sich verdecken ließen, war man erst geko mmen, nachdem Destigmet mit der Errichtung der zweiten, den Menschen unbekannten Basis begonnen hatte, und Barlennan war bisher, trotz wiederholter Anfragen Destigmets und seines Ersten Offiziers Kabremm, dagegen gewesen, diese Maßnahme an dem Fahrzeug nachzuholen, weil er die Esket bei den Me nschen nicht wieder ins Gespräch bringen wollte. Naturgemäß war die Situation unbefriedigend, da die Besatzung sehr viel Umstände und Unbequemlichkeiten hatte; und nun, so überlegte Barlennan, vermochte man vielleicht zwei Fische in einem Netz zu fangen; die plötzliche Verdunklung eines oder gar aller Bildschirme im Satelliten würde zweifellos die Aufmerksamkeit der Menschen erregen. Ob sie einen Grund sahen, den Vorfall zu verschweigen, ließ sich nicht voraussagen; aber man mußte es versuchen.
Der Plan gefiel Barlennan immer besser, und er genoß das Gefühl, ein großes Problem allein gelöst zu haben, bis einer von Guzmeens Boten erschien.
„Commander! Guzmeen sagt, du möchtest sofort zurück in den Kommunikationsraum kommen.
Einer der Menschen, der namens Mersereau, hat sich gemeldet. Er behauptete, in der Esket sei etwas im Gange — etwas habe sich im Laboratorium bewegt!“
10
An Barlennans Seite zu bleiben, als der Commander urplötzlich die Richtung änderte, kostete den Kurier einige Mühe, jedoch gelang es ihm. Der Comma nder setzte es als selbstverständlich voraus, daß der andere ihm folgte.
„Sind weitere Einzelheiten bekannt? Wann hat sich etwas gerührt und was?“
„Keine Einzelheiten. Der Mensch erschien ohne Ankündigung auf dem Bildschirm und sagte wörtlich: In der Esket geht etwas vor. Sagt es dem Comma nder. Mehr habe ich nicht gehört, weil Guzmeen mich sofort hierher beorderte.“
„War das exakt die Formulierung? Benutzte er unsere Sprache?“
„Nein, die menschliche. Genau sagte er folgendes…“ Der Kurier wiederholte die Durchsage im Originalwortlaut. Barlennan konnte dem Text nicht mehr entnehmen als der Übersetzung.
„Also wissen wir nicht, ob sich jemand hat sehen lassen, etwas vor die Linse geriet oder…“
„Ersteres bezweifle ich, Commander. Der Mensch hätte einen von uns sicherlich erkannt.“
„Mag sein. Nun, womöglich sind inzwischen Details durchgegeben worden.“
Diese Annahme traf allerdings nicht zu. Boyd Mersereau war nicht einmal auf dem Bildschirm zu sehen, als Barlennan den Kommunikationsraum betrat. Zu seiner Überraschung war überhaupt niemand zu sehen. Der Commander warf Guzmeen einen finsteren Blick zu, aber der Kommunikationsoffizier widmete ihm nur das Äquivalent eines Achselzuckens. „Nach der Durchsage ist er sofort verschwunden.“
Barlennan betätigte die Rufschaltung, aber Boyd Mersereau hatte momentan andere Sorgen. Die meisten, obgleich nicht alle, betrafen Vorgänge auf Dhrawn, aber nicht im Zusammenhang mi t der Esket. Sein Hauptinteresse galt der Beruhigung von Aucoin, der verärgert war, weil man ihn von den Gesprächen zwischen Dondragmer und Katini sowie zwischen dem Captain und Tebbetts nicht in Kenntnis gesetzt hatte. Er neigte dazu, den jungen Hoffman unverantwortlichen Treibens — obendrein ohne offizielle Billigung veranstaltet — zu bezichtigen. Allerdings erlaubte er sich seinerseits keine Äußerungen, die Easy hätten in Rage bringen können. Er betrachtete sie — begründeterweise — als wichtigstes Mitglied der Kommunikationsgruppe.
Folglich ertrugen Mersereau und andere geduldig das Geschimpfe des Planers. Boyd pflegte dergleichen nicht sonderlich ernst zu nehmen; schon vor Jahren hatte er gelernt, Vorgesetzte zu beschwichtigen, ohne dafür viel Mühe aufzuwenden, indem er sich einfach mit Geduld wappnete. Vorwiegend erforderte der Stand der Dinge bei der Kwembly, die sogar die Neuigkeiten über die Esket in den Hintergrund drängten, nun volle Aufmerksamkeit. Boyd war etwas besorgt, mehr aber nicht. Die vermi ßten Meskliniten waren keine persönlichen Freunde von ihm. Er war zivilisiert genug, sich über ihr Verschwinden in gleichem Maße zu beunruhigen, als seien es Menschen, aber natürlich standen sie ihm nicht so nahe wie etwa die Besatzung des Satelliten.