»Woher weiß sie das alles, Sir?«, fragte O'Dell, der neben ihm stand.
»Das ist die Frage«, sagte Yeats. »Ich glaub nicht, dass der Vatikan will, dass sie was rauslässt. Aber soviel ich weiß, stimmt alles, was sie sagt. Vielleicht haben wir bei unserem Vorhaben ja sogar Verwendung für sie.«
»Und Ihr Sohn, Sir?«
Yeats sah O'Dell an. »Was soll mit ihm sein?«
»Ich habe den Bericht des Verteidigungsministeriums gelesen.« O'Dell sah besorgt aus. »Ihr Sohn ist seit dem Kindergarten in Therapie. Verheerende Albträume und Visionen vom Ende der Welt. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Sir, aber er scheint geisteskrank zu sein.«
»Er hatte eine traumatische Kindheit«, sagte Yeats. Er hoffte, dass O'Dell damit dieses Kapitel abschloss. »Und haben wir das nicht alle gehabt? Außerdem hat das Verteidigungsministerium nicht seine komplette Akte. Glauben Sie mir. Ich hab sie nämlich selbst geschrieben.«
Yeats wollte sich gerade wieder dem Monitor zuwenden, als Lieutenant Lopez, eine der Nachrichtenoffiziere, an ihn herantrat. Außer Schwester Serghetti war die junge Lopez die einzige Frau auf der Eisstation Orion.
»General Yeats, schauen Sie sich das mal an«, sagte sie.
Yeats folgte ihr zu dem großen Bildschirm, wo er die U.S.S. Constellation sah. Und zwar in einem TV-Bericht, unten rechts war das CNN-Logo zu sehen.
»Warren«, fluchte Yeats leise. Er starrte auf das waghalsige Greenpeace-Schiff, das neben der riesigen Constellation auf dem Bildschirm zu sehen war. Verflucht sei dieses Würstchen von Seemann!
»Wie haben die das bloß rausgekriegt, Sir?«, wollte O'Dell wissen.
»Na raten Sie mal, Colonel.« Yeats deutete auf den kleinen Monitor, auf dem Schwester Serghetti in ihrer Zelle zu sehen war. »Sie spielt auf Zeit und wartet, bis die Kavallerie eintrifft. Es wird nicht mehr lang dauern, dann klopfen die Waffeninspekteure der UN an die Tür.«
Das bedeutete, das Einsatzteam müsste bis dahin wieder aus der P4 draußen sein, schloss Yeats, und fing im Geiste an zu rechnen. In der P4 müssten alle Spuren verwischt und die wichtigsten technischen Daten entfernt sein, bevor die internationalen Einheiten das Gelände erreichten.
»Es kommt noch schlimmer«, sagte Lopez. »McMurdo meldet, dass die Station Wostok unseren Funkverkehr mit Flug 696 abgefangen hat. Es ist bereits ein UNACOM-Team losgeschickt worden.«
Yeats stöhnte. »Ich hab es gewusst. Wer leitet das Team?«
»Ein ägyptischer Luftwaffenoffizier«, sagte sie und gab ihm die Meldung. »Oberst Ali Zawas.«
»Zawas?« Yeats blickte auf das Foto. Es zeigte einen gut aussehenden Mann in Uniform mit dunklen, nachdenklich dreinblickenden Augen und gewelltem schwarzem Haar. »Verfluchter Mist.«
»Er ist doch nicht etwa verwandt mit …«, sagte O'Dell.
»Er ist der Neffe vom Generalsekretär«, sagte Yeats. »Er war auf der United States Air Force Academy. Im ersten Golfkrieg flog er auf der Seite der Alliierten und hat zwei irakische Flugzeuge für uns runtergeholt. Verdammt guter Offizier und ein echter Gentleman.« Yeats gab Lopez die Meldung zurück. »Von wem kriegt er Unterstützung, Lieutenant?«
»Also, in Wostok sind das die Russen unter dem Kommando von Iwan Kowitsch. Und die Australier haben ihre Hilfe von der Station Mawson aus angeboten.« Sie hielt inne. »Wie unsere amerikanischen Wissenschaftler von Amundsen-Scott im Übrigen auch. Die hatten wir bisher raushalten können.«
»Mist!«, knurrte Yeats. »In ein paar Stunden wird die ganze Welt hier versammelt sein.«
»Nicht bei dem Sturm, der bald wieder loslegt, Sir«, sagte O'Dell. »Was voraussichtlich in sechs Stunden der Fall sein wird. Laut Wettervorhersage wird er uns ziemlich übel treffen. Könnte uns alle vielleicht drei Wochen lang festnageln.«
Yeats sah aus dem Fenster. Der Himmel war schwarz. Der Schneesturm prasselte wie Gewehrkugeln an das Glas. »Der Sturm könnte die Australier aufhalten, aber Zawas und das UNACOM-Team werden einfach nur etwas länger brauchen.« Yeats wandte sich an O'Dell. »Sie sorgen dafür, dass diese Barbaren hier oben bleiben, während ich den Einsatz in die P4 runter leite.«
»Und wie soll ich erklären, dass wir Mutter Erde gegen ihren Willen festhalten?«
»Brauchen Sie nicht«, sagte Yeats. »Ich nehme sie mit. Wir haben keine Sekunde zu verlieren.«
Teil Zwei.
Abstieg
Abstieg, 1. Stunde 11 Der Abgrund
Über dem Abgrund war der Himmel bedrohlich schwarz geworden, und Serena spürte, wie der Wind plötzlich eisig wurde. Wenn das die Stille vor dem Sturm war, wollte sie den eigentlichen Ausbruch nicht erleben. Nebelschwaden stiegen aus der Tiefe. Den nächsten Schutz bot der P4-Fundort, eine Meile unter ihnen.
»Wollen Sie sich dem Ganzen wirklich aussetzen, Schwester?«
Über ihr glitt Yeats in seinem weißen Polaranzug die Eiswand herab. Unter dem blendenden Licht der Stirnlampe zeigte Yeats ein teuflisches Grinsen. Oben auf festem Boden hatte er ihr ausführlich die Risiken erklärt, die sie eingehe, wenn sie mit dem Einsatzteam herabkomme. Aber was blieb ihr denn anderes übrig? Mit dem Rest der Welt in der Basis abzuwarten, bis das Team wieder auftauchte, hätte bedeutet, weiterhin im Dunkeln zu tappen.
»Genau genommen bin ich Doktor Serghetti, General«, sagte sie und bohrte das Steigeisen an ihrem Plastikstiefel ins Eis. »Außerdem habe ich mit der Mutter Oberin den Everest bezwungen.«
»Hat sie Ihnen das Strumpfband verpasst?«
Yeats deutete auf Serenas Gurte. Sie sahen tatsächlich aus wie ein Hüftgürtel mit zwei roten Schlingen an den Oberschenkeln. Falls sie fiel, würde sich der Druck gleichmäßig auf den Unterkörper verteilen.
»Nein, nur das hier.« Serena brachte einen Eispickel zum Vorschein, hämmerte einen Haken in die Eiswand und befestigte daran mit einem Karabiner ein neues Seil. Sie wollte Yeats demonstrieren, dass sie für diese Herausforderung bestens gerüstet war. In Wirklichkeit fühlte sie sich allerdings nicht so sicher, wie sie tat. Ihr Herz schlug wie wild, und sie atmete schnell.
Sie hatte den berüchtigten Yeats erst auf der Eisstation Orion persönlich kennen gelernt. Davor kannte sie ihn nur aus Conrads Erzählungen. Sie traute ihm nicht. Wie es so schön bei Emerson heißt: »Du sprichst so laut, dass ich nicht verstehe, was du sagst.« Yeats war im Grunde seines Herzens ein Schuft, und seine Expedition war eine einzige Schandtat. Er konnte sich nur besser verstellen als Conrad, der erfrischend ehrlich und bisweilen sogar recht charmant mit seinen Schwächen umging. Ihr war jedenfalls klar, dass er nicht aus Herzensgüte ihrer Teilnahme zugestimmt hatte und schon gar nicht wegen ihrer Fähigkeiten als Sprachwissenschaftlerin.
»Was war es noch gleich, warum Sie Ihre Meinung geändert haben und mich mitzockeln lassen?«
»In erster Linie, weil ich bei der NASA die Erfahrung gemacht habe, dass Frauen immer eine angenehme Bereicherung in einer Astronautenmannschaft sind.«
Genauso eine sexistische Bemerkung hatte sie erwartet. »Na so was. Und ich hätte gedacht, es liegt daran, dass Frauen präziser und akribischer arbeiten und überhaupt eher zum Multitasking befähigt sind als Männer.«
»Wenn sie nicht gerade zu emotional reagieren oder zu aufgeregt sind«, antwortete Yeats und verschwand aus dem Sichtfeld, gerade als Conrad sich neben sie abgeseilt hatte.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
Serena seufzte und schüttelte den Kopf. »Dein Vater kann's einfach nicht lassen.«
»So ist er nun einmal«, sagte Conrad tonlos. »Wenn er erst mal auf was programmiert ist, macht er immer weiter, bis zum bitteren Ende.«
»Und lässt eine Blutspur hinter sich.«
»Wir sollten ihn also lieber nicht so weit vorlassen«, sagte Conrad und seilte sich weiter ab.