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»Sie stehen zum Obelisken genau so wie der Himmel über der Antarktis zum gegenwärtigen Zeitpunkt«, sagte er so überzeugt, als ob keinerlei Zweifel darüber bestünde.

»Das ist vermutlich der bedeutendste Moment in der Menschheitsgeschichte: der große Entdecker Conrad Yeats.«

Conrad lächelte. »Endlich sind wir uns mal einig.«

Serena blickte ihn verächtlich an. »Ist dir noch nicht der Gedanke gekommen, dass du vielleicht der größte Dummkopf aller Zeiten bist und dass wir uns im unwürdigsten Augenblick seit Menschheitsgedenken befinden, wenn du den Obelisken jetzt entfernst?«

Natürlich hatte er selbst auch schon darüber nachgedacht. Serena ging ihm allmählich auf die Nerven.

»Denk doch mal nach, Serena«, sagte er. »Wenn das, was du sagst, stimmt, dann waren sich die Erbauer der P4 darüber im Klaren, dass nur eine fortgeschrittene Kultur mit technischem Wissen die Pyramide überhaupt finden könnte, ganz zu schweigen vom Eindringen. Unser Fortschritt macht uns dessen würdig. Deshalb muss der jetzige Augenblick einfach der bedeutendste Zeitpunkt sein. Und dieser Obelisk ist der Schlüssel zu den Ursprüngen der menschlichen Zivilisation.«

»Vielleicht ist er auch nur ein Trojanisches Pferd. Vielleicht ist der Obelisk wie der große Zeiger einer Uhr, der Sicherungsstift in einer Handgranate. Entfernt man das eine oder das andere, so sind die Tage gezählt, Conrad.«

»Du hast ja nur Angst, dass die Kirche ihren Platz als Gebieterin über die Schöpfung verliert«, sagte er. Es reichte ihm jetzt mit ihrer Hysterie. »Aber vielleicht sollten wir die Unwissenheit und die Angst jetzt aufgeben, um den Weg für ein neues Zeitalter der Erleuchtung zu ebnen.«

Conrad sah Yeats an, der auf den Obelisken deutete.

»Nimm das verfluchte Zepter, mein Sohn. Wenn nicht, tun es die bewaffneten Russen, die vor der Tür stehen. Und Gott allein weiß, wer von der UNACOM noch alles oben auf dem Eis ist.«

Conrad blickte Serena an und ging dann auf das Zepter des Osiris zu. Er konnte Serenas Angst geradezu spüren, als er die Hand auf den Obelisken legte. Er fühlte sich glatt an, so als ob die Inschriften unter der Oberfläche versiegelt wären.

»Du träumst, wenn du dir einbildest, dass dein Vater dich mit dem Zepter einfach so aus der P4 marschieren lässt«, sagte Serena.

Conrad zögerte. Er spürte etwas Unheimliches in sich hochsteigen, etwas, für das er keine Erklärung hatte. Er griff nach dem Obelisken und fühlte, wie feine Schwingungen von diesem ausgingen. Er zog die Hand wieder zurück.

»In Gottes Namen, worauf wartest du noch?«, sagte Yeats.

Conrad war verunsichert. Es war die Gelegenheit, eine, die es nur einmal in einem Jahrtausend gab. Mit dieser aufsehenerregenden Entdeckung würde er seine Spuren in den Sand der Zeit schreiben und die Geschichtsschreibung auf den Kopf stellen. Er hatte die einzigartige Möglichkeit, unsterblich zu werden.

»Hör auf mich, Conrad. Übereile nichts«, drängte ihn Serena. »Du löst damit womöglich etwas aus, das du nicht mehr rückgängig machen kannst.«

»Sie wissen ja nicht, wovon Sie reden, Schwester«, mischte sich Yeats ein. »Irgendjemand wird den Obelisken auf jeden Fall entfernen, und da ist es besser, wenn Conrad derjenige ist. Er ist der Einzige, der das kann. Wenn jemand dessen würdig ist, so ist es Conrad.«

»Da liegen Sie meiner Meinung nach völlig falsch«, sagte Serena. »Nur weil er Ihr Sohn ist, heißt das noch lange nicht …«

»Conrad ist nicht mein Sohn.«

Conrad zuckte zusammen. Serena auch. Selbst der Russe hielt die Luft an. Ein drückendes Schweigen breitete sich im Raum aus.

»Mag sein, aber Sie sind sein Ziehvater«, sagte Serena ruhig. Ihr war bewusst, dass Conrad sehr empfindlich auf dieses Thema reagierte.

»Nicht mal das.« Yeats nahm seinen Rucksack ab und kramte darin herum.

Conrad starrte seinen Vater an und fragte sich, welche Enthüllung dieser jetzt wohl vorbringen würde. Warum ausgerechnet jetzt?, dachte Conrad. Warum um alles in der Welt gerade hier?

»Das ist dein Vater.« Yeats hob die Digitalkamera hoch.

»Du hast ein Bild von ihm?« Conrad sah auf das Display. Es war das Foto des Osiris-Siegels, das er in der geothermischen Kammer aufgenommen hatte.

»Das ist dein Vater«, wiederholte Yeats.

Conrad starrte auf die Gestalt des bärtigen Mannes auf dem Thron. In seinem Innersten spürte er ein Kribbeln, das ihn von einer ihm bislang unbekannten Stelle aus durchströmte.

»Was hast du gesagt?«

»Ich habe dich vor mehr als fünfunddreißig Jahren in einer Kapsel im Eis gefunden«, sagte Yeats in einem bitteren Ton, der Conrad durch Mark und Bein ging. »Damals bist du höchstens vier Jahre alt gewesen.«

Conrad schwieg. Dann hörte er Serena kichern.

»Du meine Güte, General Yeats«, sagte sie. »Für wie blöd halten Sie uns eigentlich?«

Aber Yeats verzog keine Miene. Conrad hatte diesen Blick in den Augen seines Vaters noch nie gesehen.

»Mein Sohn, dir braucht niemand zu erzählen, was die Wahrheit ist. Du weißt es selbst.«

In Conrads Kopf raste alles durcheinander. Yeats musste einfach lügen. Schließlich hatte Conrad einen DNS-Test machen lassen, um die Vaterschaft zu bestimmen. Nichts hatte darauf hingewiesen, dass er kein rotblütiger Amerikaner war. Andererseits – mal abgesehen von der absoluten Unwahrscheinlichkeit dieser Behauptung, – brachte das endlich Klarheit über seine ersten Lebensjahre.

»Wenn das eine Lüge ist, bist du ein widerlicher Scheißkerl«, sagte Conrad zu Yeats. »Aber wenn es wahr ist, war mein ganzes Leben eine Lüge, und ich habe dir nur als Wissenschaftsobjekt was bedeutet. So oder so bin ich verflucht.«

»Dann rette dich jetzt, Conrad«, sagte Yeats. »Als Vater Staat die Mars-Mission strich und mir alle meine Träume nahm, war ich so alt wie du jetzt. Ich hatte damals keine Wahl. Du aber hast sie. Mach es anders als ich, sonst bereust du dein ganzes Leben lang, dass du die Chance nicht ergriffen hast.«

Der üble Trick funktionierte. Als Conrad nun Yeats anstarrte, sah er in diesem seine Zukunft vor sich, eine aufgrund der nicht genutzten Gelegenheit verpatzte Zukunft. Der Anblick ließ ihn schaudern.

Serena spürte, dass sie die Schlacht verloren hatte. »Bitte, Conrad«, sagte sie leise.

»Es tut mir Leid, Serena«, sagte Conrad, während er den Obelisken bewegte. Das Gewölbe der Halle drehte sich, und die Sternbilder änderten sich. Mit einem dumpfen Rumpeln rotierte auch der Boden.

»Wir brauchen mehr Zeit, um alles richtig zu begreifen«, schrie Serena nun und machte einen Satz auf ihn zu. »Du kannst nicht einfach für die ganze Welt entscheiden. Warte doch.«

Yeats hielt ihr abrupt den Lauf seiner Glock ins Gesicht. »So wie Eisenhower 1945 an der Elbe Halt machte, statt die Russen aus Berlin zurückzudrängen?«, fragte er. »Oder wie Nixon, der die Mars-Mission 1969 den Bach runtergehen ließ? Da bin ich anderer Meinung. Damals hätte man Entscheidungskraft gebraucht, genau wie jetzt. Ich bleibe nicht auf halbem Weg stehen.«

Conrad blickte zu Serena, die sich aus Yeats' Griff zu befreien versuchte. »Tu's nicht, Conrad. Ich schwöre …«

»Schwör lieber nicht, Serena«, sagte er. »Sonst brichst du noch dein Gelübde.«

Er griff mit beiden Händen nach dem Obelisken, überzeugt, dass er eine so einmalige Chance einfach wahrnehmen musste. Wenn er diesen Augenblick nicht nutzte, würde sein Leben fortan nichts mehr wert sein.

»Bitte, Conrad.«

Der Obelisk ließ sich ganz einfach aus dem Altar lösen. Conrad hob ihn hoch und lächelte Serena triumphierend zu.

»Siehst du«, sagte er erleichtert. »Das war doch alles gar nicht so …«

Das Ende des Satzes wurde durch einen ohrenbetäubenden Lärm abgeschnitten.