Er rang nach Atem, als er aus dem Wasser war. Aber schon flutete die nächste Woge heran, umspülte seine Knie und wollte ihn mit ihrem Sog erfassen. Aber sie wich schnell zurück. Er war schon auf den Beinen und ging den Weg hinunter. Ein flüchtiger Blick sagte ihm, dass dieser Tunnel mindestens zweimal so hoch war wie die Gänge in der P4.
Als Conrad sich nun durch das Labyrinth bewegte, das kreuz und quer unter der Stadt verlief, erfasste ihn Ehrfurcht, aber auch Hilflosigkeit angesichts des Ausmaßes der unterirdischen Infrastruktur des Bauwerks. Er könnte wohl eine Ewigkeit damit verbringen, diese Stadt zu erforschen, und wenn er nicht bald einen Ausgang fand, würde er das wohl oder übel sogar müssen.
Außerdem war er wütend auf Serena, auch jemand, der für ihn ein Geheimnis des Lebens darstellte, das er nie würde ganz ergründen können. Offensichtlich vertraute sie ihm nicht. Warum sonst hätte sie ihn in der P4 zurückgelassen und sich allein vorwärts gewagt? Sie hatte ihren eigenen Überlebenskampf gewählt und – soweit er das beurteilen konnte – ihn als Feind betrachtet. Und doch machte er sich, nachdem er Zeuge ihrer Gefangennahme gewesen war, um ihre Sicherheit Sorgen.
Nach ein paar Minuten gelangte er an eine Gabelung im Tunnel und blieb dort stehen. Zwei kleinere Kanäle tauchten auf, jeder ungefähr zwölf Meter hoch und sechs Meter breit. Er hörte ein schwaches Grollen, das aus dem rechten Kanal kam. Er starrte in die Dunkelheit und sah einen Lichtschimmer. In dem Maße, wie das Grollen lauter wurde, vergrößerte sich auch der Lichtschimmer. Ein Wasserschwall schoss heran, und in wenigen Sekunden würde ihn seine Wucht an die Tunnelwand schleudern und dabei womöglich umbringen.
Es gab nur einen Ausweg, nämlich in den linken Kanal zu laufen. Er tauchte ein, bevor eine Wasserwand, die aus der rechten Öffnung herausbrach, den breiteren Tunnel durchflutete. Er stand im linken Kanal bis zu den Knien im Wasser und sah zu, wie die Flut ganze drei Minuten lang dahindonnerte, bis sie nachließ.
Als alles vorbei war, merkte er, wie er zitterte. Das war knapp, dachte er, als er aufstand. Kaum hatte er einen Schritt in den Kanal gemacht, da hörte er ein entferntes Platschen. Er rechnete mit einer weiteren Sturzflut, die ihm schließlich den Garaus machen würde. Aber sie blieb aus. Er spitzte die Ohren. Das Platschen hatte einen gleichmäßigen Rhythmus.
Er stierte in die Dunkelheit. In der Entfernung hörte er Schritte, die auf ihn zukamen. Es mussten mehrere Personen sein, denn jetzt hörte er auch das raue, immer lauter werdende Gemurmel. Sie sprachen arabisch.
Conrad wich zurück. Das Geräusch seiner Stiefel im Wasser war lauter als beabsichtigt. Er erstarrte. Einen Moment lang hörte er nichts. Dann nahmen die Schritte wieder ihr platschendes Geräusch auf.
»Stehen bleiben!«, rief jemand auf Englisch.
Conrad blickte über die Schulter und sah zwei leuchtend grüne Augen aus der Finsternis auftauchen. Er rannte zum großen Tunnel zurück. Ein Schuss fiel, er duckte sich, und die Kugel prallte an der Wand ab. An der Gabelung vor den beiden Kanälen blieb er wie erstarrt stehen. Er drehte sich langsam um und sah einen roten Punkt auf seiner Brust. Nein, zwei Punkte.
Conrad stand bewegungslos da, als die beiden mit ihren Nachtsichtbrillen aus dem Tunnel auftauchten. Sie trugen UNACOM-Uniformen. Ihre Kalaschnikows waren auf seine Brust gerichtet. Sie sahen wirklich nicht wie UN-Waffeninspekteure aus.
»Abdul, funke Zawas an«, sagte der Mann zur Rechten.
Abdul versuchte die Verbindung herzustellen, aber es kamen nur Störgeräusche. »Wir müssen an die Oberfläche«, sagte er frustriert. »Die Wände hier lassen das Signal nicht durch.«
Abduls Partner ging auf Conrad zu, als es in der Ferne wieder zu grollen anfing. Conrad bewegte sich auf den rechten Kanal zu.
»Stehen bleiben!«, befahl Abdul. »Wo wollen Sie hin?«
»Nach oben, genau wie Sie gesagt haben«, antwortete Conrad, ohne sich umzudrehen.
Als er sich der Öffnung des rechten Kanals näherte, konnte er eine kühle Brise im Gesicht spüren. Das entfernte Tosen wurde lauter. Dann pfiff eine Kugel an seinem Ohr vorbei. Er blieb stehen und drehte sich um.
Abdul und sein Begleiter waren fast zwanzig Meter hinter ihm im großen Tunnel und blickten mit wachsendem Interesse in seine Richtung. Sie sagten etwas, aber Conrad konnte es nicht hören, weil das Grollen hinter ihm zu laut war. Mit einem Mal – Conrad konnte schon die ersten Wasserspritzer am Nacken fühlen – ließen sie ihre Waffen fallen und rannten davon.
Conrad hechtete gerade rechtzeitig in den linken Tunnel, bevor die Wasserwand aus dem Kanal hinter ihm herausschoss und die Soldaten wegspülte. Urplötzlich verwandelte sich der gewaltige Wasserschwall wieder in ein dünnes Rinnsal, so als ob eine automatische Zeituhr den Hahn abgedreht hätte. Die beiden UNACOM-Soldaten waren verschwunden.
Conrad stand bewegungslos da und hörte nur das Tröpfeln des Wassers und seinen schweren Atem. Hinter ihm platschte es plötzlich. Er wirbelte herum und sah eine Gestalt, groß wie ein Kleiderschrank, im Dunklen auf sich zukommen. Sie wurde immer bedrohlicher, bis sie ganz aus der Dunkelheit trat und die Nachtsichtbrille herunterriss.
»Ich habe dich gesucht«, sagte Yeats.
»Dad!« Conrad wollte seinem Vater in die Arme fallen.
Aber Yeats beugte sich nach unten und hob einen leuchtenden Gegenstand auf, der im Wasser trieb. Conrad erkannte, dass es sich um einen ägyptischen ›Ankh‹ handelte, den einer der Soldaten um den Hals getragen hatte. Der Kettenanhänger in Form eines Henkelkreuzes war ein Symbol des Lebens, was dem toten Soldaten jetzt natürlich nichts mehr half. Yeats hielt das Ankh-Zeichen ins Licht seiner Stirnlampe.
»Zumindest fängst du jetzt an, jemandem einen dicken Strich durch die Rechnung zu machen, Conrad«, sagte er.
Tagesanbruch 26 minus 12 Stunden
Serena fühlte sich unwohl, und ihr war heiß in dem Helikopter, der ruckartig ohne ersichtliches Ziel über die Ebene flog. Der ägyptische Pilot hatte Schwierigkeiten, den überladenen Hubschrauber ruhig zu halten. Jedes Mal, wenn er absank, fluchten hinten die UNACOM-Soldaten. In dem voll gestopften Raum war Jamils Körpergeruch mittlerweile unerträglich geworden. Sie merkte, wie seine grausamen Augen bei jedem Absinken auf ihren Busen starrten.
»Ihnen macht der Flug anscheinend Spaß«, sagte er auf Arabisch.
»Nicht so wie Ihnen«, erwiderte sie. »Vielleicht sollte Ihr Pilot lieber mich ans Steuer lassen.«
Jamil sah sie wutentbrannt an. »Werden Sie nicht unverschämt.«
Serena biss sich auf die Zunge. Sie widmete sich nun ganz der spektakulären Stadt und dem Kanalsystem unter ihr und fragte sich, was wohl mit Conrad geschehen war, wer diese UNACOM-Soldaten wirklich waren und welche Absicht sie verfolgten.
Sie wusste, dass Oberst Ali Zawas sich im Auftrag der Vereinten Nationen in der Antarktis aufhielt und dass diese Männer eindeutig unter seinem Befehl standen. Zweifelsohne brachte man sie jetzt zu ihm. Möglicherweise war der UNACOM-Auftrag jedoch lediglich ein Deckmantel, um eigenmächtige Ziele zu verfolgen. Möglicherweise hatten die Soldaten die ganze Zeit schon darauf gelauert, den Amerikanern ihren Fund im Eis abzuluchsen. Jamil schien über das Zepter des Osiris im Bilde zu sein. Aber woher wusste er davon?
Was ihr dazu einfiel, war alles andere als erfreulich: Die Amerikaner in der Eisstation Orion waren alle vernichtet worden, die russischen Waffeninspekteure ebenso, und jetzt kontrollierten Zawas und seine bewaffnete Truppe die Stadt, bis amerikanische Unterstützung anrückte. Dann war es aber zu spät, um Zawas daran zu hindern, seine fragwürdige Mission auszuführen. Ganz zu schweigen von der weltweiten Naturkatastrophe, die bevorstand.
Der Hubschrauber legte sich nach rechts, sodass Serena die große Wasserstraße unten sehen konnte und dahinter, am Ende einer erhöhten Tempelanlage, eine riesige Stufenpyramide, die wie eine dunkle Festung aufragte. Jamil nannte sie in einem Gespräch mit dem Piloten ›Tempel des Wassermanns‹, und sie erwies ihrem Namen alle Ehre. An den Seiten stürzten zwei Wasserfälle herab, die so groß wie die Niagarafälle waren. Auf einem Vorsprung dazwischen war eine Art Lager errichtet.