»Das traust du ihr zu?«
»Darum geht's hier gar nicht.« Yeats sah ihm direkt in die Augen. »Unser Auftrag ist es, alles zu tun, um zu verhindern, dass Zawas an hochentwickelte Waffen und Technologien kommt, die das Gleichgewicht der Mächte in der Welt empfindlich stören könnten. Ungleiche Machtverhältnisse. Verstanden? Krieg das mal in deinen Kopf rein.«
»Ach, Dad, und ich dachte schon, wir würden jetzt endlich klären, wer ich bin und wo ich herkomme«, konterte Conrad.
Yeats überlegte. Conrad hörte förmlich, wie es im Kopf seines Vaters auf der Suche nach einer passenden Antwort arbeitete.
»Wir müssen dazu als Erste im Heiligtum der Ursonne sein, um Zawas dort eine Falle zu stellen. Falls Serena ihn überhaupt dorthin führt.« Yeats klopfte auf den Packen Sprengstoff und ging los, als ob nun alles gesagt wäre. »Das Problem dabei ist nur, dass wir das Heiligtum finden müssen, bevor wir entdeckt werden. Bis Zawas merkt, dass ein paar seiner Leute fehlen, haben wir noch Zeit. Da oben alles kontrolliert wird, sollten wir, bis es dunkel wird, lieber im unterirdischen Teil bleiben.«
»Wir müssen uns aber an den Gestirnen orientieren«, sagte Conrad und zog seine Digitalkamera mit den Bildern des Obelisken hervor. »Das Zepter sagt uns nämlich, dass der künftige Sonnenkönig Himmel und Erde zusammenfügen muss. Erst dann werden die ›Leuchtenden‹ den Ort des Heiligtums der Ursonne preisgeben.«
Yeats blickte Conrad in die Augen. »Davon hat Serena nichts gesagt.«
»Ich weiß. Das Zepter selbst hat's mir offenbart.«
»Ich dachte, du kannst derartige Inschriften nicht entziffern.«
»Sagen wir maclass="underline" Einiges davon kam mir sehr bekannt vor.«
»Du glaubst mir inzwischen also? Dass ich dich in jener Kapsel gefunden habe?«
»Dir werde ich niemals etwas glauben«, sagte Conrad. »Ich will mir erst noch mein eigenes Urteil bilden. Die Inschrift unter den vier Konstellationen ist jedenfalls fast identisch mit der Inschrift, die Serena vorgelesen hat.«
»Und worin unterscheiden sie sich?«
»Die Inschrift unter den sechs Ringen – also den Sonnen – warnt davor, das Zepter zu entfernen. Den ›Leuchtenden‹ zufolge darf nur jemand, der sich dessen als würdig erweist, das Zepter nehmen, sonst werden Himmel und Erde auseinander gerissen«, erklärte Conrad.
»Was ja wohl gerade geschieht«, fügte Yeats hinzu.
»Sieht ganz so aus. Aber die Inschrift unter den vier Tierkreiszeichen auf der anderen Seite teilt dem künftigen Sonnenkönig mit, wie er das Heiligtum der Ursonne mithilfe der ›Leuchtenden‹ findet, um Himmel und Erde wieder zusammenfügen zu können.«
»Und was in aller Welt sind die ›Leuchtenden‹?«, fragte Yeats.
»Jedenfalls nichts Irdisches. Wahrscheinlich wird damit irgendein astronomisches Phänomen bezeichnet. Ich werd's wissen, sobald ich es sehe.«
»Wahnsinn! Es sieht tatsächlich so aus, als ob du der Sonnenkönig wärst.«
Zum ersten Mal seit Jahren klopfte Yeats ihm auf die Schulter, und Conrad gestand sich ein, dass es ihm gut tat.
»Aber wo sollen wir die ›Leuchtenden‹ finden?«, sagte Yeats. »Wo unter all den Millionen Sternen?«
»Wir folgen einfach dem Plan auf dem Zepter.«
»Welchem Plan?«
»Den vier Sternenbildern.« Conrad zeigte Yeats seine 360° Digitalaufnahme vom Obelisken. »Es handelt sich um die Tierkreiszeichen Skorpion, Schütze, Steinbock und Wassermann.«
Yeats sah sich die Aufnahme genauer an. »Und weiter?«
»Wenn diese Stadt nach den Sternen konzipiert ist, dann haben diese Himmelskoordinaten vielleicht eine Entsprechung auf der Erde.«
»Was heißt hier vielleicht. Das sollten wir schon noch genauer rauskriegen.«
»Wir wissen ja, dass die P4 auf den mittleren Stern des Orion-Gürtels, den Al Nitak, ausgerichtet ist«, erklärte Conrad, und Yeats nickte. »Genauso gut könnten wir strategisch platzierte Heiligtümer in der Stadt finden, die dem Skorpion, Schützen, Steinbock und Wassermann zugeordnet sind.«
Yeats runzelte die Stirn. »Soll das heißen, wir folgen wie bei einer Schatzsuche den Tempeln, die diesen Zeichen entsprechen?«
»Genau.«
»Wir gehen also einfach den Himmelszeichen zum Wassermann nach. Und stoßen dann automatisch auf den irdischen Gegenpol.«
»Ganz genau«, sagte Conrad. »Draußen wird es jetzt schon dunkel. Bald werden die Sterne zu sehen sein. Sie werden uns wie eine Karte zu einem Bauwerk leiten, das dem Wassermann gewidmet ist. Und dort finden wir dann die ›Leuchtenden‹, die uns zum Heiligtum der Ursonne führen.«
Yeats nickte. »Danach haben wir unser ganzes Leben gesucht.«
Tagesanbruch 28 minus 6 Stunden
Im Tempel des Wassermanns sickerte Sternenlicht in die Kammer, in der sich Serena an einen Pfosten gefesselt befand. Es war die Strafe dafür, dass sie Oberst Zawas nicht geholfen hatte, seine Atlantiskarte zu deuten. Ihm bei der Suche nach dem Heiligtum der Ursonne zu helfen wäre einem Verrat an Conrad gleichgekommen. Sie ging davon aus, dass Conrad trotz seiner Fehler immer noch ihre größte Hoffnung war, um die Katastrophe zu verhindern. Aber selbst wenn Conrad das Heiligtum als Erster fand, hätte Zawas natürlich immer noch das Zepter. Irgendwie musste sie einen Weg finden, es wieder an sich zu bringen.
Draußen hörte sie Stimmen. In der Tür zeichneten sich kurz darauf die dunklen Umrisse dreier Gestalten ab, die den Sternenhimmel verdeckten. Es war Jamil in Begleitung zweier Ägypter. Serena wurde starr vor Schreck, weil er nun ein Tuch mit einem ganzen Sortiment an Messern und Nadeln auf dem Tisch ausrollte.
»Schwester Serghetti, Oberst Zawas bedauert es zutiefst, dass er Sie nicht zum Kooperieren bewegen konnte«, sagte er. »Jetzt werde ich mein Glück versuchen.«
»Was Sie nicht sagen.« Sie starrte auf die grausamen Werkzeuge. »Übertreiben Sie da nicht ein wenig? Ich habe Zawas schon gesagt, dass ich nicht weiß, wo das Heiligtum ist. Ehrlich. Wenn ich es wüsste, hätte ich es längst gesagt.«
»Sie tun ganz schön tapfer, Schwester Serghetti. Ich bin schwer beeindruckt.« Jamil betrachtete seine Utensilien, bei denen es sich in erster Linie um Spritzen, Messer verschiedenster Art und Elektrostäbe handelte. »Ach, ist das schön. Das haben wir alles von eurer Inquisition abgeschaut.«
Er nahm eine ellenlange schwarze Stange. Blitzartig wurde sie lebendig. Es war ein Elektroschockstab.
»Mein Lieblingsstück«, sagte er und wedelte damit vor ihr herum. An der Spitze sprühten blaue Funken. »Jeder Schlag hat etwa 75.000 Volt. Nach ein paar Stößen sind Sie bewusstlos. Ein paar mehr – und Sie sind tot.«
»So weit wollen Sie es kommen lassen, Jamil?«
Jamil fluchte und riss ihr den Mund auf. Sie versuchte, sich ihm zu entwinden, aber der Metallstab steckte schon in ihrem Mund. Sie musste würgen, weil Jamil ihn tief hineinschob.
»Die Chinesen rammen ihn den Gefangenen in den Rachen und laden ihn erst dann auf«, sagte er, während sie würgte. »Der Stromschlag zischt durch den Körper, und man liegt im eigenen Blut und den eigenen Exkrementen da. Äußerst schmerzvoll!«
Sie spürte die heißen Metallspitzen im Hals und stöhnte. Jamil zog den Stab heraus und drückte noch einmal auf den Knopf, sodass sie die blauen Elektroströme aufleuchten sah.
»Ich könnte ihn natürlich auch noch woanders hineinrammen.«
Serena drückte unwillkürlich die Schenkel zusammen.
»Also gut«, sagte Jamil lächelnd und legte den Elektrostab auf den Tisch. »Sie haben offensichtlich verstanden.« Dann nahm er eine Spritze und schlug mit dem Finger kurz an die Nadel. Eine gelbliche Flüssigkeit spritzte heraus. »Dann wollen wir mal.«
***
Nach ein paar Stunden kam Serena wieder zu Bewusstsein. Sie starrte auf eine improvisierte Lampe, die Jamil an der Decke befestigt hatte – der Elektrostab schwang an einem Seil und gab bei jedem Aufblitzen ein makabres Zischen von sich. Sie schloss die Augen. Das Gezische schien immer lauter zu werden. Vielleicht war sie auch nur von den Drogen benommen, die man ihr verabreicht hatte.