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»Wir sind da«, sagte Conrad.

Yeats zog seine Taschenlampe heraus. Der Lichtstrahl enthüllte eine Tür. Sobald sie unter dem blauen Licht durchgegangen waren, schob sich die Tür auf, und sie konnten in eine dunkle Höhle treten. Dieser Raum war der größte, der ihnen bislang untergekommen war.

»Ich zünde eine Leuchtbombe«, sagte Yeats. »Sie explodiert in dreißig Sekunden.«

Conrad bedeckte seine Augen, als Yeats die kleine Leuchtbombe in die Kammer warf. Er zählte bis auf zwei Sekunden runter, da wurde auch schon alles in ein grelles Licht getaucht. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah er das Unglaubliche: einen in die Höhe ragenden Obelisken. Er sah ähnlich aus wie der in der P4, nur dass er von einem unglaublich großen Zylinder umgeben war und bestimmt 170 Meter in die Höhe ragte. Der Sockel bestand aus einem riesigen Rundbau, in dem der Eingang sein musste.

Die abgestuften Schrägen des Zylinders ragten nach oben, bis sie in eine gewölbeartige Decke übergingen. Bevor das Licht erlosch, konnte Conrad noch feststellen, dass sie sich auf halber Höhe befanden.

»Unglaublich!« Das laute Echo seiner Stimme hallte zurück.

Sie gingen die Stufen hinab, die entlang dem Zylinder spiralenförmig nach unten führten. Sie standen jetzt am unteren Ende des riesigen Obelisken und schauten hoch. Er konnte nur etwa zehn Meter weit sehen. Allerdings blinkten um den Zylinder herum rote Leuchtpunkte – die Fernauslöser für die Sprengstoffplatten, die Yeats unterwegs angebracht hatte.

»Was machst du da?«

»Ich stelle Zawas eine Falle.«

»Vergiss nicht, dass er Serena in seiner Gewalt hat.«

»Keine Angst, da sind keine Zeitzünder dran. Ich zünde alles auf Knopfdruck.«

Das Ganze beruhigte Conrad nicht im Mindesten. Er war jedoch so im Bann seiner Entdeckung, dass er es nicht auf einen Streit ankommen lassen wollte, bei dem er ohnehin den Kürzeren ziehen würde. Er folgte Yeats also wortlos durch den Rundbau zu einem Durchgang am unteren Ende des Obelisken.

Conrad fragte sich, ob das wohl der tatsächliche Eingang war. Dann bemerkte er neben der Tür ein quadratisches Feld, das ungefähr so groß wie der Sockel des Osiris-Zepters war.

»Zum Öffnen brauchen wir wahrscheinlich das Zepter.«

»Hier, mein Sohn.« Yeats reichte ihm den kleinen Obelisken.

Conrad steckte das Zepter in das Quadrat und spürte gleich darauf ein leichtes Vibrieren. Die Tür ging auf, und sie traten in den riesigen Obelisken hinein.

***

Zawas knirschte mit den Zähnen, als er die Trümmerhaufen draußen in Augenschein nahm. Er verfluchte Conrad Yeats. Er hatte noch nie das Gesicht dieses Mannes gesehen, aber dennoch war es ihm offensichtlich gelungen, das Zepter des Osiris direkt vor seiner Nase zu stehlen.

Zawas schüttelte den Kopf und sah den Wasserfall hinunter auf das ausgebrannte Wrack des Hubschraubers. Er lag zertrümmert unten im Becken, wurde vom Wasser weitergetrieben und zerfiel dabei langsam in seine Bestandteile. Jetzt, da ihm dieser Hubschrauber nicht mehr zur Verfügung stand, blieb ihm nur noch einer übrig.

Mit den Augen folgte er einem Teil der Windschutzscheibe, der den Kanal hinunter zum Horizont floss, wo die ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages hervorkamen. Die Sterne erloschen allmählich. Etwas an der Anordnung der Sterne erregte seine Aufmerksamkeit. Er machte einen Satz rückwärts und starrte geradewegs auf das Sternbild des Wassermanns. Plötzlich erklärte sich die Skizze wie von selbst.

Er lief in das Quartier zurück und sah sich die Sonchis-Karte noch einmal an. Er betrachtete den Tempel des Wassermanns, also das Gebäude, auf dem er sich gerade befand. Dann blickte er auf die Schlüsselsymbole am Rand – die Sternbilder Wassermann, Steinbock und Schütze. Ihm brach der Schweiß aus. Mit zittrigen Händen nahm er die Sonchis-Karte und betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

Dann eilte er in den Raum, wo sich Serena befand, und band sie los.

»Ist irgendetwas schief gelaufen, Oberst Zawas?«

»Ganz im Gegenteil, Schwester Serghetti«, sagte er und schob sie auf den Vorsprung hinaus.

Anscheinend glaubte sie einen Augenblick lang, er würde sie hinunterstoßen, weil sie sich mit aller Kraft sperrte, als er sie auf den Abgrund zuschob. Schließlich forderte er sie aber lediglich auf, mit dem Blick dem Kanal bis zum Horizont zu folgen, wo der neue Morgen schon schimmerte. Sie entspannte sich. Beide standen sie staunend vor dem Sternbild des Wassermanns.

»Ich habe das Heiligtum der Ursonne gefunden«, teilte er ihr mit. »Und damit auch Conrad Yeats.«

Teil Vier

Der Jüngste Tag

Tagesanbruch 31 minus 45 Minuten

Im dunklen Inneren des Obelisken standen Yeats und Conrad auf einer runden Plattform, die einen Durchmesser von ungefähr anderthalb Metern hatte. Conrad hörte ein leises Summen und spürte einen feuchten, öligen Luftzug auf seinen Wangen. Er knipste seine Halogentaschenlampe an. Der Lichtstrahl schoss etwa 15 Meter weit, bis er auf eine emporragende Säule traf und in Sekundenschnelle an drei anderen glänzenden Säulen, die die große umgaben, abprallte. Das grelle Licht blendete immer stärker. Conrad schloss die Augen.

»Mach das Licht aus!«, rief Yeats. Seine Stimme hallte in der Dunkelheit wider.

Conrad knipste mit zugekniffenen Augen die Halogenlampe aus. Kurz darauf blinzelte er, sah aber immer noch das blendende Nachleuchten.

»Diese Lichtsäulen«, sagte Yeats und rieb sich die Augen, »was ist das?«

»Sie haben selbst keine Lichtquelle. Sie reflektieren und vervielfältigen nur das auftreffende Licht. Pass mal auf.« Conrad holte das Zippo-Feuerzeug aus seiner Hosentasche. »Es hat eine ganz niedrige Wattleistung. Bist du bereit?«

»Um geblendet zu werden?«

»So schlimm wird's diesmal nicht. Immer mit der Ruhe. Schütz deine Augen«, sagte Conrad.

Er setzte selbst seine Sonnenbrille auf und wartete, bis Yeats es ihm gleichgetan hatte. Dann zündete er das Feuerzeug. Die Wirkung ließ sich mit einer einzigen Kerze in einer hohen gotischen Kathedrale vergleichen. Im Dämmerlicht waren sie von vier leuchtenden, durchsichtigen Säulen umgeben, jede etwa sieben Meter im Durchmesser, die siebzig Meter in die Dunkelheit ragten und genauso weit in den Abgrund führten.

»Das ist also dein so genanntes Heiligtum der Ursonne«, sagte Yeats und starrte nach oben.

Conrad sah sich um und kam sich sehr klein vor. Ein Nebelschleier haftete an den leuchtenden Säulen, die oben an der höchsten Stelle zu einem Schornstein zusammenzulaufen schienen. Es roch eindeutig nach Öl. Conrad blickte nach unten und fragte sich, wie tief das Heiligtum der Ursonne wohl in die Erde hinunterging und wie weit sie noch gehen mussten, um das Geheimnis der Urzeit zu erkunden. Ehrfurchtsvoll nahm er das alles in sich auf, war sich aber gleichzeitig bewusst, dass die Zeit ziemlich knapp wurde.

»Schau dir das mal an.« Yeats hielt sein Ersatzfeuerzeug ganz dicht an die glatte, glänzende Säule. Die spiegelnde Oberfläche schien die Helligkeit nicht nur um ein Hundertfaches zu vervielfältigen, sondern sie schien auch zu beben. »Ich wette, diese Oberfläche hat mehr als hundert Prozent Spiegelungskraft.«

»Und das heißt?«

»Mit Aluminium kann man es auf maximal achtundachtzig Prozent bringen.«

»Die Säulen sind aber nicht aus Aluminium.«

»Stimmt.« Yeats streifte mit der Hand über die Oberfläche. »Die sind aus etwas noch Leichterem.«

»Noch leichter?« Conrad berührte die Säule. Sie war mit etwas Glitschigem, fast Flüssigem überzogen. Und doch merkte er, dass sie eine wenn auch undefinierbare Struktur hatte. »Sie fühlt sich so weich wie eine Spinnwebe an und gleichzeitig so hart wie Stahl. Wie federleichte Seide.«