»Los, in den Hubschrauber!«, brüllte Zawas. Er winkte seine Leute zu sich, als er in den Eurocopter einstieg und in dem verzweifelten Versuch, sich vor den Lawinen in die Luft zu retten, den Motor anließ. Die Rotoren bewegten sich zunächst gleichmäßig, fingen dann aber zu stottern an.
Er machte noch einen Anlauf, um die Rotoren in Bewegung zu setzen, während sich im Inneren der Maschine ein Dutzend Ägypter türmten. Als der Pilot das Steuer übernahm, versuchte Zawas mit dem Fernglas abzuschätzen, wie viel Zeit ihnen ungefähr noch blieb.
Eine Eiswand rückte in den Brennpunkt. Sie war drauf und dran, den Hubschrauber zu zerschmettern und sie alle zu einem blutigen Brei aus Metall und Fleisch zu zermalmen. Zawas blieb das Herz stehen, als er sah, wie die schäumende Lawine unter den Tempel fegte und zum Vorsprung hochschoss. Dann hob sich der Hubschrauber in den Himmel.
***
Serena war es in der Sternenkammer der P4 heiß. Sie kletterte an dem Seil, mit dem Conrad am Tag zuvor an die Oberfläche gestiegen war, um einen ersten Blick über die Stadt zu werfen, den Südschacht hoch. Sie schaute zurück und sah, dass Conrad immer noch weit unten war und sich mit einer Hand hochzuziehen versuchte. Die andere Hand im blutigen Druckverband war nicht zu gebrauchen. Wasser sprudelte um seine Füße. In Serena stieg Panik auf.
»Conrad!«, rief sie.
Sie stützte sich mit den Beinen an der Schachtwand ab und griff nach seinem rechten Arm. Ächzend zog sie ihn hoch, aber seine Hand rutschte weg, und sie hörte, wie es platschte.
»Nimm das hier«, rief er ihr zu und wedelte mit einer langen roten Bandage. Es war sein Verband, den er abgewickelt hatte.
Sie wand das eine Ende um ihr Handgelenk und streckte dann den Arm aus, sodass Conrad sich das andere Ende um die Hand binden konnte. Ihr schmerzte der Rücken beim Ziehen, und sie schrie vor Anstrengung, aber schließlich hatte sie ihn in den Schacht hochgehievt.
»Danke.« Er atmete schwer. »Los, weiter.«
Am Ende des Schachts war ein Stück blauer Himmel zu sehen. »Ob uns das alles überhaupt etwas bringt?«, sagte sie außer Atem. »Da draußen ist nichts. Kein Funk, nichts, um irgendwie Hilfe zu holen.«
»Es ist unsere einzige Chance. Das geothermische System kommt allmählich zum Stillstand. Die Hitze wird wahrscheinlich alles um uns herum zum Schmelzen bringen und das Wasser durch die hydraulischen Leitungen pumpen. Aber dann wird es gefrieren. Alles wird zu Eis.«
Nun begriff Serena. »Das Mädchen im Eis. So wird es uns auch gehen.«
»Und genau das will ich verhindern. Hier, nimm.« Er gab ihr den blutigen Verband. »Das ist deine Signalflagge. Los jetzt! Ich bin direkt hinter dir.«
Widerstrebend nahm sie den blutigen Fetzen und kletterte dann weiter den Schacht hoch. Conrad fiel weiter zurück. Gelegentlich rief sie nach ihm, und er antwortete, aber das Echo wurde immer schwächer.
Schließlich erreichte sie den Ausstieg. Mit eiskalten Fingern klammerte sie sich an den Rand. Der Wind heulte, und die Temperatur fiel genauso plötzlich, wie sie gestiegen war. Sie zog sich nach oben. Draußen bot sich ihr ein phantastischer, atemberaubender Anblick.
Die gesamte Eisschüssel um die Stadt herum fiel in sich zusammen. Das Eis taute und ergoss sich in einen riesigen See, der die tiefer liegende Stadt überflutete. Noch waren die Spitzen der größeren Tempel und Obelisken zu sehen. Es würde nur noch einige Minuten dauern, bis das Wasser auch sie erreichte.
»Bitte nicht, lieber Gott.« Sie blickte zu Conrad hinunter.
Aber er war nicht mehr da.
»Conrad!«, schrie sie voller Panik.
Keine Antwort.
Sie starrte den dunklen Schacht hinunter und sah etwas flackern: Wasser, das zu ihr hochstieg. Aber keine Spur von Conrad.
***
Conrad, der sich nicht mehr länger halten konnte, rutschte den Schacht zurück in die Sternenkammer der P4, die bis zur Decke mit Wasser gefüllt war. Verzweifelt nach Luft ringend, klammerte er sich im Dunkeln an die Steindecke, bis er wieder eine Schachtöffnung fand. Er spürte, wie das Wasser ihn umschloss.
Ein gewaltiger Sog ergriff seine Beine und zog ihn den großen Gang der Pyramide hinab in eine Art Rohr. Er konnte die Luft nicht mehr länger anhalten, gab nach und spürte sofort, wie ihm das Wasser in die Lunge drang.
Er war drauf und dran, ohnmächtig zu werden, als er gegen ein Steingitter schlug. Das Wasser spülte über ihn und floss in dem Rohr ab.
Völlig durchweicht rang er nach Luft, klammerte sich am Gitter fest und zog sich nach oben. Er raste den Tunnel hinab und versuchte sich zu orientieren, wusste aber, dass es hoffnungslos war. Er war völlig durcheinander und machte sich schreckliche Sorgen um Serena. Ihm tat alles weh. Er schleppte sich durch das Wasser, das ihm bis zu den Knöcheln reichte und immer höher stieg. Dann hörte er, wie hinter ihm etwas rumorte.
Er brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, was da auf ihn zukam. Er schlang die Arme fest um sich und atmete tief ein. Ein Wasserschwall erfasste ihn und schwemmte ihn einen kleineren Tunnel hinab. Beim Luftholen schluckte er ständig Wasser und fiel in der Strömung immer wieder hin.
Conrad hielt sich, so gut er konnte, merkte aber, dass er kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Er konnte sich nirgends festhalten und gab schließlich alle Versuche auf. Die Dunkelheit überwältigte ihn, und er merkte gerade noch, wie er durch einen Tunnel rauschte.
Plötzlich wurde er ans Tageslicht befördert. Beim Austritt aus der Röhre wurde er von der Wasserfontäne fast 15 Meter in die Luft geschleudert. Mit voller Wucht landete er auf dem bebenden Boden. Wasser und Wind zerrten an ihm. Unfähig, sich zu bewegen, wurde er von den Erschütterungen und dem ohrenbetäubenden Krachen der Eisberge, die auf die Stadt herabstürzten, erfasst.
Er war völlig durchnässt, konnte aber nirgends Schutz finden, weder draußen noch drinnen: Alles, was nicht mindestens zwei Meilen aus der Ebene emporragte, wurde überschwemmt und war im Begriff, zu Eis zu werden. Mit Schrecken musste er an die Eisleichen denken, die er beim Abstieg in die P4 gesehen hatte. So wollte er auf keinen Fall enden.
Irgendwie schaffte er es, auf alle viere zu kommen und durch das steigende Wasser zu kriechen. Er war noch nicht weit gekommen, da spürte er, wie die Temperatur bei dem peitschenden Wind sank. In der kalten, feuchten Luft zitterte er vor Kälte.
Er bewegte sich langsamer und sah eine aufgedunsene, blau angelaufene Leiche auf sich zutreiben. Als sie an ihm vorbeikam, erkannte Conrad, dass es sich um Colonel O'Dell von der Eisstation Orion handelte. Der Schrecken im Gesicht des leblosen Körpers motivierte ihn, wieder schneller zu machen.
Jetzt ging ihm das Wasser schon bis zu den Knien. Die Berge um die Stadt herum schoben sich unter dem ungeheueren Druck wie Blechdosen zusammen. Die Schulter tat immer mehr weh, bis die stechenden Schmerzen schier unerträglich wurden. Mit der heilen Hand stützte er sich ab und kam taumelnd auf die Beine. Im Wasser sah er etwas Farbiges.
Es war ein zerstörter roter Hägglunds, ein Relikt der Eisstation Orion. Zum Fahren war er nicht mehr zu gebrauchen, aber vielleicht bot ihm das Führerhaus ja den zum Überleben notwendigen Schutz.
Plötzlich neigte sich der Boden gefährlich, und Conrad schlug mit dem Kopf voraus längelang hin. Er blickte hoch und sah eine 15 Meter hohe Wasserwand auf sich zudonnern. Mit offenem Mund ergab er sich dem Schauspiel. Vor einer solchen Naturgewalt konnte man sich einfach nicht in Sicherheit bringen. Ihm wurde klar, dass es an der Zeit war, zu sterben. Er musste an Serena denken, und mit letzter Kraft streckte er den Arm nach der Tür des Hägglunds aus und drehte den schwarzen Griff, bis sich die Luke öffnete.
Dann kam das Wasser. Zunächst waren es nur ein paar Rinnsale. Dann ein wahrer Sturzbach.
Er hievte sich hinein und schaffte es gerade noch, den Sicherheitsgurt anzulegen und die Tür zu schließen, bevor die Wand auf den Hägglunds einstürzte und das Fahrzeug sich in einem Kessel voll strudelndem Eiswasser verlor.