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Tagesanbruch 37 plus 1 Stunde

Serena befand sich an der Öffnung des südlichen Sternenschachts. Ihr Blick von der Spitze der P4 richtete sich auf den stürmischen Himmel. Ein Whiteout drohte. In der Ferne lagen dichte Schneewolken über der Eiswüste, und am fernen Horizont leuchteten Blitze auf.

Über sich hörte sie ein bekanntes Surren. Sie konnte es nicht fassen, aber im stürmischen Himmel über ihr schwebte ein Black-Hawk-Hubschrauber des US-Militärs. Sie wedelte wild mit den Armen.

Wie aus einem Traum kam eine Strickleiter herunter, und sie klammerte sich sofort daran fest. Sie blickte noch einmal den dunklen Schacht hinab und sah ein Schimmern. Sie stutzte und schaute genauer hin. Es war Wasser, das wie in einem Geysir nach oben drängte. Sie zerrte an der Strickleiter und wurde fortgetragen, da schoss auch schon ein Wasserstrahl in die Höhe und verfehlte den Hubschrauber nur knapp.

Ein amerikanischer Soldat hievte sie in den Black Hawk hinein. An den Mienen erkannte sie, dass die Besatzung ziemlich verblüfft war, ›Mutter Erde‹ zu sehen. Fast so geschockt wie beim Anblick der Trümmer unter ihnen. Der Oberbefehlshaber stellte sich als Admiral Warren vor und rief dem Piloten gegen das Maschinengeheul und das tosende Wasser etwas zu.

»Fliegen Sie hier raus!«, befahl Warren.

»Nein«, sagte Serena mit klappernden Zähnen. »Wir müssen erst Conrad finden, Doktor Conrad Yeats. Er ist noch da unten.«

Warren starrte sie an. »Meinen Sie etwa General Griffin Yeats?«

»Nein, seinen Sohn.«

Warren blickte zum Piloten hinüber, aber der schüttelte nur den Kopf. »Glauben Sie mir, jetzt ist niemand mehr da unten.«

Der Black Hawk drehte ab.

»Nein!« Serena versuchte nach vorn zu gelangen und das Steuer zu greifen, aber vier Soldaten hielten sie zurück und schoben sie zu dem Arzneikasten hin. Sie wollte wieder aufstehen, aber nun verließen sie ihre Kräfte. Der Arzt gab ihr eine Spritze in den Arm.

»Beruhigen Sie sich, Schwester. Sie haben einiges mitgemacht«, sagte Warren und legte ihr eine Jacke um den zitternden Körper. Sie fühlte sich schwindelig und wie benommen.

Sie strich sich nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah zum Fenster hinaus. Das strudelnde Wasser hatte die Stadt fast verschluckt. Nur die Spitze der P4 ragte noch aus der dunklen Tiefe empor. Als Kind hatte sie sich oft vorgestellt, wie es gewesen sein musste, als sich das Rote Meer für die Kinder Israels geteilt hatte, und wie es später wieder zusammenkam, um die Pferde und Wagen des Pharaos zu ertränken. Genau dieses Bild hatte sie jetzt vor Augen.

Sie betete zu Gott, Conrad möge sich in Sicherheit befinden, obwohl sie wusste, dass dem nicht so war. In ihrem Delirium stellte sie sich vor, wie sie nach ihm suchte: Sie würden ihn entdecken, er würde durch die Eistrümmer stolpern, er hätte auf wundersame Weise überlebt. Er würde aus dem Nebel, weißer als Schnee, auftauchen, seine Augenbrauen und Haare wären ganz weiß, fast leuchtend, als käme er gerade aus dem glänzenden Schleier des Heiligsten aller Heiligtümer. Die Amerikaner müssten landen. Sie würde auf Conrad zulaufen und ihn umarmen. Er ginge mit ihr zum wartenden Hubschrauber zurück, seine Vergangenheit für immer hinter sich lassend. Sie würden sich ganz fest halten, und Schneeflocken fielen wie Sterne um sie herum.

Aber Conrad war nicht da, stellte sie bitter fest. Und Gott erhörte ihre Gebete nicht immer so, wie sie es wollte. Als der Hubschrauber wegflog, sah sie hinab auf die flache Spitze der P4, die kaum noch aus dem Wasser ragte. Es war, als würden sie jetzt über die Südsee fliegen. Keine Spur von einer Stadt – oder von Conrad. Alles verschwunden, wie weggefegt, als wäre es niemals da gewesen.

Warren rief wieder irgendetwas. Bei dem Krach der Rotoren und dem Heulen des Windes konnte sie nicht viel davon aufschnappen. Dann hing er plötzlich in der offenen Tür. Er deutete auf etwas. Der Black Hawk schwenkte in die angegebene Richtung ein.

Serena sprang sofort hoch, hielt sich an Warren fest und blickte hinaus. Oben auf der P4 stand eine einsame Gestalt. Der Mann, der wie wild mit den Armen wedelte, trug eine UN-Uniform.

»Das ist er!«, schrie sie, so laut sie konnte.

»Runter!«, befahl Warren dem Piloten, der gegen den Sturm zu kämpfen hatte.

Serena griff nach Warrens Fernglas. Der Hubschrauber sank, und als sie nur noch zehn Meter entfernt waren, blickte der Mann zu ihnen auf. Bestürzt stellte sie fest, dass es nicht Conrad war. Es war einer der Ägypter, der eine Maschinenpistole im Anschlag hatte.

»Zurück, Admiral!«, rief sie.

»Wir kriegen ihn, keine Sorge«, sagte Warren. Serena blickte sich um und sah zwei Scharfschützen, die ihre Gewehre auf den Mann richteten. »Ich will ihn lebendig.«

Serena spürte einen Luftzug an ihrem Ohr und sah gleich darauf, wie der Ägypter von einer Kugel in die Schulter getroffen wurde und ins Wasser klatschte.

Warren nickte zufrieden. »Dichter ran.«

Als der Hubschrauber jedoch näher kam, richtete sich der Ägypter im Wasser wieder auf und fing an, wie wild um sich zu schießen.

Eine Kugel erwischte Warren, der an der offenen Luke stand, im Genick, und er fiel auf Serena; er war tot. Nur mit Mühe konnte sie seinen schweren Körper wegstoßen. Sie rief um Hilfe, aber als sie über die Schulter blickte, sah sie einen der amerikanischen Soldaten umfallen. Auch er war getroffen worden. Gleichzeitig hatten die Schüsse aus dem Maschinengewehr das Cockpit durchlöchert. Serena hörte den Piloten aufschreien.

Der Black Hawk machte einen Ruck nach vorn. Serena hielt sich an den Spanten fest. Dann gewann der Hubschrauber abrupt an Höhe, und sie wurde durch die offene Luke hinausbefördert. Sie spürte, wie sie ins Leere flog. Dann klatschte sie oben auf der P4 auf.

Sie rollte sich auf den Rücken und sah hoch. In zehn Meter Höhe versuchte sich der Black Hawk zu fangen, drehte scharf nach links und explodierte dann in einem riesigen Feuerball. Brennende Trümmerteile stoben wie Granatsplitter durch die Luft und nahmen ihr jegliche Hoffnung auf Rettung.

Bis auf die Knochen durchweicht, rappelte sie sich auf. Sie stand dem verletzten Ägypter gegenüber. Blut spritzte aus seiner Schulter. Er war der letzte Überlebende aus Zawas Armee. Die auf sie gerichtete Kalaschnikow in seiner Hand zitterte.

Sie hob nicht einmal die Arme, als er mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck auf sie zukam. Oder blickte er über ihre Schulter hinweg auf etwas anderes?

Sie drehte sich um und sah einen anderen Hubschrauber auf sie einschwenken. Die Maschine wies die Zeichen der Vereinten Nationen auf. Schüsse aus schweren Maschinengewehren flogen durch die Luft, und die Kugeln peitschten das Wasser auf, sodass der Ägypter rückwärts über den Rand der P4 in die Wassermassen stürzte.

Der Helikopter drehte eine Runde, dann wurde eine Leiter hinuntergelassen. Serena packte die erste Sprosse und kletterte hoch. Oben half ihr eine starke Hand hinein. Sie sah direkt in Oberst Zawas' Gesicht. In der rechten Hand hielt er eine Automatik, die er auf sie gerichtet hatte. Serena war ganz benommen von dem Schock, aber Zawas lächelte, während ihm der Wind die Kappe vom Kopf wehte.

»Sie halten, was Sie versprechen, Schwester Serghetti.« Er hielt ihre grüne Thermosflasche hoch. »Jetzt, wo ich die Sonchis-Karte besitze, wird mich nichts mehr davon abhalten, eines Tages zurückzukommen, um mein Werk zu beenden. Wie ich schon erwähnte, wird die Geschichte von den Siegern geschrieben.«

Und wenn schon, dachte sie. Mit einem Blick stellte sie fest, dass sich nur Zawas und der Pilot an Bord befanden. »Also, Oberst, haben Sie die Thermosflasche im Uhrzeigersinn oder entgegen zugeschraubt?«

»Im Uhrzeigersinn.« Zawas sah sie misstrauisch an. »Warum?«

Sie lächelte und sagte: »Ach, nichts.«