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Er zeigte ihr die grobe Skizze, die er von der Sonnenbarke angefertigt hatte.

Serena runzelte die Stirn. Sie sah dabei wunderschön aus.

»Sag mir jetzt bloß nicht, dass ich das erfunden habe, Serena.«

»Nein, Conrad. Ich habe das schon einmal gesehen. Das Washington Monument sah auf der zweihundert Jahre alten Originalzeichnung genauso aus, einschließlich des Rundbaus unten. Der fehlt heutzutage allerdings.«

Conrad starrte auf seine Skizze und stellte fest, dass Serena Recht hatte.

Er beschloss, möglichst bald nach Washington zu gehen. Der Nachlass seines Vaters befand sich dort, und außerdem würde er ein paar Dinge klären können. Eines dieser ungeklärten Dinge war zum Beispiel die Sache mit den Pentagon-Akten von den DARPA-Behörden.

In Conrads Kopf nahm schon eine neue Reise Gestalt an, aber Serena schien das gar nicht zu gefallen.

»Conrad, hör mal gut zu«, sagte sie sanft, fast verführerisch. »Du bist ein großartiger Archäologe, aber in allem anderen bist du ein lausiger Amateur. Du wirst nichts veröffentlichen. Überhaupt nichts. Weil es ganz einfach nichts zu veröffentlichen gibt. Kein Zepter des Osiris. Nichts. Das einzige Andenken an unser Wahnsinnsunternehmen ist die Sonchis-Karte, und die werde ich nach Rom mitnehmen, wo sie auch hingehört.«

Conrad blickte auf seinen Nachttisch. »Wo ist meine Kamera?«

»Welche Kamera?«

Er schwieg. »Was ist mit uns?«

»Uns wird es nicht geben. Das ist unmöglich. Verstehst du das denn nicht?« Ein schmerzlicher Ausdruck lag in ihrem Gesicht. »Du wirst gar nichts berichten. Du hast keinerlei Beweise. Die Stadt ist verschwunden. Das Einzige, was bleibt, ist unser Wort. Wenn du unbedingt reden willst, wird dir niemand glauben, außer vielleicht ein paar Freunde von Zawas im Nahen Osten, und die werden dann auf dich Jagd machen. Du wärst das Opfer deines eigenen Größenwahns. Du kannst froh sein, dass du am Leben bist.«

»Und was ist mit dir?«

»Ich bin eine der Direktoren der Australian Antarctica Preservation Society und Beraterin bei der United Nations Antarctica Commission und untersuche die Verletzungen der Umweltvereinbarungen des internationalen Antarktisvertrags.«

»Ist das alles?«

»Mein Team hat dich im Eis gefunden«, fuhr sie fort. »Da du der einzige Augenzeuge der angeblichen Ereignisse bist, ist alles, woran du dich erinnerst, höchst willkommen. Ich werde es in meinem Bericht für die Generalversammlung aufnehmen.«

»Du sollst also den Bericht schreiben?« Conrad konnte nur müde lächeln. Natürlich. Wer sonst hatte schon das internationale Ansehen oder Engagement bezüglich der Erhaltung dieses riesigen, unberührten weißen Kontinents?

Serena erhob sich, um zu gehen. Sie blickte liebevoll auf ihn hinab, aber ihre Körperhaltung drückte Entschlossenheit aus. »Du Glückspilz.« Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Backe. »Du hast einen Schutzengel gehabt.«

»Bitte, geh nicht weg.« Er meinte es wirklich. Er fürchtete, sie nie wiederzusehen.

Sie hatte die Hand bereits an der Türklinke, drehte sich aber noch einmal um. »Lass dir von Mutter Erde einen guten Rat geben, Conrad«, sagte sie tapfer. Er merkte, dass sie mit den Tränen kämpfte. »Geh in die Staaten zurück, vögele mit ein paar von deinen Studentinnen und bleibe bei deinen Uni-Vorträgen und bei deinem billigen Touristenspuk. Vergiss alles, was du hier gesehen hast. Vergiss mich.«

»Einen Teufel werde ich tun«, sagte er, als sie die Tür hinter sich schloss.

Er blickte ins Leere. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Er dachte über Serena nach.

Dann kam eine Schwester herein, und der Bann war gebrochen. »Ein Telefongespräch für Sie. Ach ja, der Arzt hat gesagt, dass sie ruhig Kaffee trinken können, wenn Sie wollen. Ich habe ewig gebraucht, bis ich Ihre Thermosflasche gefunden habe.«

»Sie hat ausschließlich nostalgischen Wert«, sagte er, als die Schwester die grüne Flasche auf seinen Nachttisch stellte. »Nett, dass Doktor Serghetti sie für mich aufgehoben hat. Ich hoffe, Sie haben sie so wie besprochen ersetzt.«

»Ja, ich habe ihr wieder genau so eine eingepackt und dazu das kleine Geschenk von Ihnen hineingesteckt«, sagte sie. »Ich komme gleich mit dem Kaffee zurück.«

»Danke«, sagte er, als die Krankenschwester hinausging.

Er sah die Thermosflasche nachdenklich an und nahm dann unbeholfen den Hörer zwischen seine verbundenen Hände.

Mercedes, die Produzentin von ›Rätsel des Altertums‹ aus Los Angeles, lachte ins Telefon. Ihre letzte Begegnung in Nazca war vergessen und vergeben. »Ich habe gerade die Nachrichten im Internet gesehen«, sagte sie. »Was ist da unten passiert? Ist alles in Ordnung?«

Conrad drückte den Hörer an seine unversehrte Schulter. Seltsamerweise war er irgendwie zufrieden. »Mir geht's gut, Mercedes.«

»Super. Wann sind Sie wieder einsatzfähig?«

Die Tür ging einen Spalt auf, und Conrad sah, dass draußen zwei Militärpolizisten der Navy Wache standen. »Lassen Sie mir noch ein paar Tage Zeit. Warum fragen Sie?«

»Die Reißer im Fernsehen sind jetzt vorbei, und die Sender brauchen Lückenfüller. Wir haben uns eine Sondersendung direkt auf Ihrer Wellenlänge ausgedacht. ›Luxor‹ – wie hört sich das an?«

Conrad seufzte. »Schon da gewesen, alles abgehakt.«

»Stellen Sie sich doch mal vor, Sie stehen auf den Überresten einer Sklavenstadt«, sagte Mercedes. »Sie enthüllen der Welt, dass der Exodus tatsächlich stattgefunden hat. Als Beweis haben wir sogar eine Statuette von Ramses II. aus der 19. ägyptischen Dynastie. Sie kriegen das doppelte Honorar. Sie müssen nur die Sache mit den Ägyptern wieder ausbügeln. Wann können Sie anfangen?«

Conrad überlegte. »Nächsten Monat«, antwortete er schließlich. »Ich muss erst mal nach Washington.«

»Klasse. Übrigens, diese Antarktis-Geschichte. Kann man da was draus machen?«

»Nein, Mercedes«, sagte Conrad langsam. »Nichts zu holen.«

3. Tag danach 40 Rom

Bei Eintritt der Dunkelheit landete Serenas Maschine aus Sydney in Rom. Sie wurde von Benito mit der schwarzen Limousine abgeholt und zur Berichterstattung beim Papst in den Vatikan gebracht. Fast bis drei Uhr morgens sprachen sie unter vier Augen. Schließlich legte Seine Heiligkeit ihr die zitternden Hände auf die Stirn und sprach ein kurzes Gebet.

»Gut gemacht«, sagte er einfach. »Die Stadt ist verschwunden, die Amerikaner kennen nur die halbe Wahrheit und werden sie für sich behalten. Und die Vereinten Nationen können ihre Kräfte jetzt für produktivere Dinge einsetzen. Da es Oberst Zawas nun nicht mehr gibt, ist das ganze Beweismaterial vernichtet.«

Im Großen und Ganzen stimmte das, dachte Serena. Aber ihre Erinnerung war trotzdem noch da. Sie hatte ihre Zweifel, dass sie die jemals würde auslöschen können.

Der Papst blickte ihr in die Augen. »Und was ist mit Doktor Yeats?«

»Er wird nichts preisgeben. Und wenn, wird ihm niemand glauben. Ich habe seine Digitalkamera und die Sonchis-Karte.«

Serena holte die grüne Thermosflasche aus ihrem Rucksack. Der Papst beugte sich erwartungsvoll nach vorn, als sie die Ummantelung umgriff. Aber sie runzelte auf einmal die Stirn. Es gab keine äußere Hülle. Es war eine andere Thermosflasche.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte der Papst.

Serena dachte an ihren Besuch an Conrads Bett und an den Abschied mit Tränen in den Augen. »Er hat sie gestohlen!«

Ein breites Grinsen legte sich über das kantige Gesicht des Papstes, und er fing laut an zu lachen. So hatte sie ihn noch nie lachen gehört. Er musste sogar husten, weshalb sie ihm behutsam auf den Rücken klopfte.

Serena war unklar, was da so lustig sein sollte. »Ich verspreche, dass ich Mittel und Wege finden werde, um die Karte zurückzuholen.«

Der Papst, der jetzt wieder normal atmete, winkte mit seiner knotigen Hand ab. »Genau das will er doch erreichen, Schwester Serghetti.«