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Als Conway draußen auf dem Flugfeld die Explosion von Lonvellins Schiff gesehen hatte und sich der Bedeutung dieses Vorfalls bewußt geworden war, hatte er sich direkt körperlich krank gefühlt. Und jetzt, wo er Williamson auf dringliche, aber gelassene Weise Befehle erteilen hörte, spürte er, wie ihm der kalte Schweiß über Stirn und Rücken lief. Er leckte sich die trockenen Lippen und sagte: „Captain, ich muß Ihnen einen wichtigen Vorschlag machen.“

Er hatte das gar nicht laut gesagt, aber irgend etwas in seiner Stimme ließ Williamson sofort herumfahren.

„Da Lonvellin verunglückt ist, tragen Sie jetzt die Verantwortung für das Projekt, Doktor“, sagte der Captain ungeduldig. „Sie brauchen also gar nicht so zaghaft zu sein.“

„Gut, in dem Fall hab ich Befehle für Sie“, entgegnete Conway mit derselben leisen, angespannten Stimme. „Blasen Sie die Rettungsversuche ab und beordern Sie alles zurück zum Schiff. Und starten Sie mit der Vespasian, bevor wir selbst auch noch bombardiert werden.“

Conway spürte, wie sie ihn alle anblickten und ihm in das bleiche, schweißüberströmte Gesicht und die furchterfüllten Augen schauten, und er bemerkte auch, daß sie allesamt voreilig falsche Schlüsse zogen. Williamson blickte zunächst wütend und bestürzt zugleich und ein paar Sekunden lang vollkommen ratlos drein, dann nahm sein Gesicht harte Züge an. Er wandte sich an einen Offizier, der neben ihm stand, brüllte einen Befehl und fuhr dann wieder zu Conway herum.

„Doktor“, setzte er steif an, „ich hab gerade unseren sekundären Meteoritenschild ausgefahren. Jeder feste Gegenstand mit einem Durchmesser über zweieinhalb Zentimeter wird bereits in einer Entfernung von einhundertsechzig Kilometern in sämtlichen Richtungen entdeckt und automatisch von Pressorstrahlen abgelenkt. Deshalb kann ich Ihnen versichern, daß uns selbst von einem hypothetischen Angriff mit Atomraketen keinerlei Gefahr droht. Ein nuklearer Beschuß in dieser Gegend ist sowieso eine alberne Vorstellung. Schließlich gibt es auf ganz Etla keine wie auch immer geartete Atomkraft. Das haben wir mit unseren Instrumenten. Aber Sie haben den Bericht ja bestimmt selbst gelesen.

Mein Vorschlag ist“, fuhr der Captain in genau demselben Ton fort, mit dem er sonst dem zweiten Navigationsoffizier eine Kurskorrektur nahelegte, „den Überlebenden der Explosion schleunigst alle mögliche Hilfe zu schicken. Denn die Explosion ist bestimmt durch eine Panne in Lonvellins Reaktor verursacht worden.“

„Lonvellin würde doch nie im Leben einen fehlerhaften Reaktor betreiben!“ erwiderte Conway schroff. „Gerade Lonvellin lebt doch — übrigens genauso wie viele andere langlebige Wesen — in ständiger Angst vor dem Tod, und diese Angst ist mit zunehmendem Alter sogar noch gestiegen. Schließlich hat er schon immer die perfektesten Leibärzte besessen, um seine an sich schon enorme Lebensspanne bloß nicht durch irgendwelche Krankheiten zu verkürzen. Und daraus folgt logischerweise, daß er sich niemals selbst in Gefahr begeben würde, indem er ein technisch unausgereiftes oder mechanisch nicht einwandfrei funktionierendes Schiff benutzt.

Nein, Captain. Lonvellin ist umgebracht worden“, fuhr Conway grimmig fort. „Und Lonvellins Schiff haben diese Polizeisoldaten als erstes angegriffen, weil sie eine so unbeschreibliche Abneigung gegen ETs haben. Es ist natürlich schön zu wissen, daß Sie dieses Schiff hier schützen können. Aber wenn wir jetzt starten, dann schießt die Polizeitruppe vielleicht überhaupt keine Rakete mehr ab, und dann müssen auch nicht unsere ganzen Leute da draußen und noch viel mehr Etlaner sterben.“

Jetzt denk nicht lange nach, sondern gib endlich die notwendigen Befehle! dachte Conway entnervt. Williamson sah ärgerlich, bestürzt und stur zugleich aus; ärgerlich über anscheinend sinnlose Befehle; bestürzt, weil sich Conway allem Anschein nach wie eine verschreckte alte Frau benahm; und stur, weil Williamson sich selbst und nicht Conway im Recht sah. Nun mach endlich mal hin, du unbeschreiblicher Idiot! wetterte Conway gegen ihn los, allerdings im Flüsterton. Denn er konnte solche Worte natürlich nicht an einen Colonel des Monitorkorps richten, der von rangniedrigeren Offizieren umgeben war. Aber Conway konnte es auch deshalb nicht, weil sich Williamson weder jetzt noch früher wie ein Idiot benommen hatte. Es handelte sich vielmehr um einen vernünftigen, intelligenten und äußerst fähigen Offizier, der lediglich bisher noch nicht die Chance gehabt hatte, ein richtiges Bild von den Zuständen auf Etla zu gewinnen. Williamson besaß ja auch keine medizinische Ausbildung, und im Gegensatz zu ihm unterstellte der Captain anderen nicht immer gleich das Schlimmste, vor allem aber war er nicht so mißtrauisch.

„Sie haben einen Bericht über das Imperium für mich“, sagte Conway also statt dessen. „Könnte ich den bitte lesen?“

Williamsons Augen huschten unruhig zu der Batterie von Bildschirmen, von denen sie umgeben waren. Alle Schirme zeigten Szenen von hektischer Betriebsamkeit: einen Hubschrauber, der startklar gemacht wurde; einen zweiten, der taumelnd mit einer vom Gewicht her offensichtlich deutlich über das Sicherheitslimit hinausgehenden Ladung vom Boden abhob; und die Menschenflut, die mit Dekontaminierungs- und Bergungsgerät durch die Schleuse des Kurierschiffs strömte. Williamson fragte: „Sie wollen ihn doch nicht etwa jetzt lesen.?“

„Doch“, antwortete Conway. Aber dann schüttelte er schnell den Kopf, weil ihm eine bessere Idee kam: Er hatte den Captain verzweifelt zum sofortigen Start zu veranlassen versucht, und sich die Erklärungen für später aufgespart, sobald genügend Zeit dafür vorhanden gewesen wäre. Doch jetzt war ihm klargeworden, daß er die Erklärungen zuerst geben mußte, und zwar schnell. Deshalb sagte er: „Captain, ich hab eine Theorie, mit der ich die hiesigen Geschehnisse erklären kann, und diese Theorie wird der Bericht über das Imperium bestimmt bestätigen. Aber passen Sie auf: Wenn ich Ihnen sagen kann, was meiner Meinung nach im Bericht steht, bevor ich ihn gelesen hab, werden Sie dann meiner Theorie soviel Glauben schenken, daß Sie meinen Anweisungen folgen und auf der Stelle starten?“

Draußen vor dem Schiff stiegen die beiden Hubschrauber in den Nachthimmel auf. Die Schleusentor des Kurierschiffs wurde geschlossen, und eine Ansammlung von Bodentransportern — sowohl vom Planeten Etla als auch vom Monitorkorps — zerstreute sich in Richtung Flugfeldrand. Wie Conway wußte, befand sich jetzt mehr als die Hälfte der Schiffsbesatzung der Vespasian dort draußen, zusammen mit all den anderen zu Land stationierten Monitoren, die sich allerdings möglicherweise in Sicherheit befanden — alle anderen steuerten auf die Explosionsstelle zu, und mit jeder Sekunde vergrößerte sich der Abstand zwischen ihnen und dem Mutterschiff.

Ohne auf Williamsons Antwort zu warten, fuhr Conway deshalb schnell fort: „Meiner Auffassung nach handelt es sich um ein Imperium im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht um einen lockeren Bund wie unsere Föderation. Das heißt, für den Zusammenhalt des Imperiums und die Durchsetzung der Gesetze des Imperators ist eine umfassende militärische Organisation erforderlich. Folglich müßte es sich bei den Regierungsformen der einzelnen Planeten dem Wesen nach ebenfalls um Militärregime handeln. Die Bürger sind wahrscheinlich allesamt DBDGs wie die Etlaner und wir selbst und im großen und ganzen völlige Durchschnittsmenschen -

natürlich bis auf ihre Antipathie gegen Extraterrestrier, und das, obwohl sie bislang kaum welche kennengelernt haben.“

Conway holte erst einmal tief Luft und fuhr dann fort: „Die Lebensbedingungen und der technologische Entwicklungsstand dürften wohl ähnlich wie bei uns in der Föderation sein. Die Steuern sind möglicherweise recht hoch, aber das wird bestimmt von den regierungsfreundlichen Nachrichtenkanälen bestritten. Ich vermute, das Imperium hat den relativ schwer zu kontrollierenden Umfang von, sagen wir mal, ungefähr vierzig bis fünfzig bewohnten Sternsystemen erreicht.“