13. Kapitel
Sieben Stunden später verschaffte sich Conway zwar lustlos, aber doch mit einem gewissen Maß an Triumph einen Überblick über seinen schwerbeladenen Schreibtisch. Er rieb sich die Augen und blickte zum gegenüberstehenden Schreibtisch hinüber. Einen Augenblick lang fühlte er sich, als ob er wieder auf Etla wäre und ein rotäugiger Major Stillman aufschauen und ihn fragen würde, was er denn wolle. Doch statt dessen blickte ihn Colonel Skempton mit seinen rotunterlaufenen Augen an, als ihn Conway ansprach.
„Die Aufgliederung der Patienten, die evakuiert werden müssen, ist jetzt vollständig“, sagte Conway müde. „Die Patienten sind zuerst nach Spezies eingeteilt, woraus man die Anzahl der zum Abtransport benötigten Schiffe sowie die auf jedem Schiff zu reproduzierenden Lebensbedingungen ablesen kann. Aus diesem Grund sind für einige der exotischeren Arten sogar Konstruktionsänderungen an den Schiffen erforderlich, und das braucht natürlich Zeit. Dann sind auf der Liste die Patienten der einzelnen Spezies noch einmal nach dem Grad ihres jeweiligen Gesundheitszustands aufgeteilt, wodurch letztendlich die Reihenfolge des Abflugs bestimmt wird.“
Es sei denn, dachte Conway verärgert, der Zustand eines Patienten war so ernst, daß ein Transport sein Leben gefährden würde. In so einem Fall mußte man nämlich den betreffenden Patienten als Letzten statt als Ersten evakuieren, damit man die Behandlung so lange wie möglich fortsetzen konnte. Das wiederum würde bedeuten, spezialisiertes medizinisches Personal zurückhalten zu müssen, das man andernfalls schon längst evakuiert hätte, wobei sich das Leben des Patienten zu diesem Zeitpunkt bereits durch Raketen eines feindlichen Kriegsschiffs in viel größerer Gefahr befinden könnte. Im Orbit Hospital schien nichts mehr ordentlich und schön der Reihe nach abzulaufen.
„.dann wird es noch ein paar Tage dauern, bis O’Maras Abteilung das Pflege- und Wartungspersonal abgefertigt hat“, fuhr Conway fort. „Obwohl O’Mara ihnen natürlich nur ein paar Fragen in einem bestimmten Rahmen stellen muß. Bevor ich hier angekommen bin, hatte ich eigentlich schon mit einem Angriff auf das Hospital gerechnet. Im Augenblick weiß ich nicht, ob ich mich auf eine panikartige Evakuierung einstellen soll, die wenigsten achtundvierzig Stunden benötigen wird und durch die wir wahrscheinlich mehr Patienten töten als retten würden, oder ob ich mir mehr Zeit lassen und allenfalls mit einer überstürzten Evakuierung rechnen muß.“
„Ich kann den Transport jedenfalls nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden organisieren“, erwiderte Skempton knapp und senkte den Kopf wieder. Als Chef der Wartungsabteilung und rangältester Offizier des Monitorkorps im Hospital hatte man ihm die Aufgabe übertragen, die Transportschiffe zusammenzuziehen, sie umzubauen und ihre Routen festzulegen. Und damit hatte man ihm wirklich eine unvorstellbare Menge Arbeit aufgebürdet.
„Ich will von Ihnen lediglich wissen, wieviel Zeit uns Ihrer Meinung nach noch bleibt“, hakte Conway nach.
Der Colonel blickte wieder auf. „Entschuldigen Sie, Doktor“, entgegnete er. „Hier ist eine ziemlich genaue Berechnung, die ich vor ein paar Stunden erhalten hab.“ Er nahm ein Blatt von der obersten Papierschicht auf seinem Tisch und begann, davon abzulesen.
Unterzog man alle bekannten Faktoren einer genauen Analyse, so legte der Bericht dar, dann würde, sobald das Imperium die genaue Position des Orbit Hospitals herausgefunden hatte, wahrscheinlich noch eine kurze Zeit bis zur ersten Reaktion vergehen. Denn zuerst einmal würde das Imperium die Angaben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch ein Aufklärungsschiff oder eine kleine Aufklärungstruppe überprüfen lassen. Die gegenwärtig um das Orbit Hospital herum stationierten Einheiten des Monitorkorps würden natürlich versuchen, diese Truppe zu vernichten. Und ob sie damit nun Erfolg hätten oder nicht, der nächste Schritt des Imperiums wäre dann auf jeden Fall entschlossener, vielleicht sogar eine groß angelegte Offensive, deren Vorbereitung allerdings mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Inzwischen hätten jedoch zusätzliche Einheiten des Monitorkorps das Gebiet erreicht.
„.sagen wir also acht Tage“, schloß Skempton, „vielleicht sogar drei Wochen, wenn wir Glück haben. Ich glaube aber nicht, daß wir Glück haben.“
„Danke“, entgegnete Conway und machte sich wieder an die Arbeit.
Als erstes bereitete er einen grob umrissenen Situationsbericht vor, der in den nächsten sechs Stunden an das medizinische Personal verteilt werden sollte. Darin hob er so stark wie möglich die Notwendigkeit einer schnellen, geordneten Evakuierung hervor, ohne sie allerdings so zu übertreiben, daß daraus Panik erwuchs. Er empfahl, die Patienten durch ihren jeweiligen Arzt zu informieren, um ihnen so wenig Sorgen wie möglich zu bereiten. Bei schwerkranken Patienten sollten die verantwortlichen Ärzte nach eigenem Ermessen entscheiden, ob sie die Patienten aufklären oder lieber unter Beruhigungsmitteln evakuieren wollten. Conway fügte seinem Bericht außerdem die Mitteilung hinzu, daß eine momentan noch unbestimmte Anzahl medizinischer Mitarbeiter zusammen mit den Patienten evakuiert werden würde und jeder darauf vorbereitet sein sollte, das Hospital innerhalb weniger Stunden zu verlassen. Dann schickte er dieses Dokument zur optischen und akustischen Vervielfältigung an die zuständige Abteilung, damit alle ungefähr zur gleichen Zeit in den Besitz dieser Informationen gelangen würden.
Zumindest steckte diese Idee dahinter. Aber so, wie er die Gerüchteküche des Orbit Hospitals kannte, würden die wesentlichen Einzelheiten schon zehn Minuten nach Verlassen seines Schreibtisches in Umlauf sein.
Als nächstes arbeitete er detailliertere Anweisungen bezüglich der Patienten aus. Die warmblütigen, sauerstoffatmenden Lebensformen konnten das Orbit Hospital zwar durch irgendeine von mehreren möglichen Ebenen verlassen, doch die Spezies mit großer Schwerkraft und hohem Druck würden noch besondere Probleme aufwerfen, ganz zu schweigen von den unter geringer Schwerkraft lebenden MSVKs und LSVOs, den riesigen, wasseratmenden AUGLs, den unter extremer Kälte lebenden Methanarten und den ungefähr zwölf Wesen auf Ebene achtunddreißig, die extrem heißen Dampf atmeten. Conway veranschlagte für das Unternehmen bei den Patienten eine Dauer von fünf Tagen und noch einmal zwei für das Personal. Aber für diese schnelle Räumung der Stationen würde er die Wesen durch ihnen unbekannte Ebenen zu ihren Einschiffungspunkten schicken müssen. Es bestand durchaus die Möglichkeit, daß Umweltbedingungen mit einer Chloratmosphäre durch Sauerstoff verseucht werden könnten, und die Gefahr, daß Chlor in die AUGL-Stationen entwich, oder alles von Wasser überflutet wurde. Man müßte Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, damit nicht die Kühlmaschinen der Methanlebensformen ausfielen, die Schwerkraftgürtel der zerbrechlichen, vogelähnlichen LSVOs versagten oder die Druckhüllen der Illensaner in sich zusammenfielen.
In einem Hospital mit vielfältigen Umweltbedingungen stellte eine Verseuchung die größte Gefahr dar, und zwar die Verseuchung durch Sauerstoff, Chlor, Methan, Wasser, Kälte, Hitze oder Strahlung. Denn während der Evakuierung würde man die Sicherheitsvorrichtungen, die üblicherweise in Betrieb waren — wie zum Beispiel gasdichte Türen, Doppelschleusen zwischen den Ebenen und die verschiedensten Meß- und Alarmsysteme —, im Interesse einer schnellen Flucht außer Kraft setzen müssen.
Sobald die Patienten schließlich ohne Zwischenfall an den Einschiffungspunkten angelangt waren, müßte man vor der Einschiffung erst das Personal zur Inspektion des Transporters abkommandieren, um auch die exakte Reproduktion der Umweltbedingungen der mitfliegenden Patienten sicherzustellen.
Auf einmal streikte Conways Verstand — er war einfach nicht mehr aufnahmefähig. Er schloß die Augen, ließ den Kopf in die Hände sinken und beobachtete, wie das Nachbild seiner Schreibtischplatte langsam in einen Rotschimmer überlief. Er hatte diesen ganzen Papierkram allmählich satt; seit er den Auftrag auf Etla erhalten hatte, bestand sein Leben nur noch aus Schreibarbeit: Berichte, Zusammenfassungen, Tabellen, Anweisungen.