Выбрать главу

Er war ein Arzt, der zur Zeit eine komplizierte Operation ausarbeitete; aber es handelte sich um die Art Operation, die eher von einem leitenden Büroangestellten durchzuführen war als von einem Chirurgen. Schließlich hatte er nicht den größten Teil seines Lebens mit einem Studium und einer langwierigen Ausbildung verbracht, um Büroangestellter zu werden.

Er stand auf, entschuldigte sich mit heiserer Stimme beim Colonel und verließ das Büro. Ohne wirklich darüber nachzudenken, ging er in Richtung der ihm zugeteilten Stationen.

Gerade fing eine neue Schicht mit dem Dienst an, und für die Patienten war es eine Stunde vor der ersten Tagesmahlzeit. Für eine Chefarztvisite war die Zeit deshalb eigentlich sehr ungewöhnlich, und die leichte Panik, die Conway dadurch auslöste, wäre unter anderen Umständen komisch gewesen. Er grüßte freundlich den diensthabenden Medizinalassistenten und stellte mit einiger Überraschung fest, daß es sich um genau den gleichen creppelianischen Oktopoden handelte, den er noch zwei Monate zuvor als Auszubildenden kennengelernt hatte. Als ihm der AMSL dann unbedingt, wenn auch in respektvollem Abstand, bei seiner Visite folgen wollte, ärgerte sich Conway. Für einen relativ unerfahrenen Medizinalassistenten war dieses Verhalten natürlich vollkommen korrekt, aber in diesem Moment wollte Conway mit seinen Patienten und seinen eigenen Gedanken lieber allein sein.

Am stärksten von allem verspürte er das Bedürfnis, die manchmal seltsamen, aber immer wunderbaren extraterrestrischen Patienten zu sehen und zu sprechen, die zwar theoretisch gesehen unter seiner Obhut standen, denen er aber praktisch noch nie begegnet war — alle Lebewesen, die er vor dem Abflug zum Planeten Etla kennengelernt hatte, waren nämlich inzwischen schon längst entlassen worden. Er warf keinen Blick auf die Diagramme der Patienten, weil er im Moment eine Allergie gegen die Abstraktion von Informationen durch gedruckte Zahlen hatte. Statt dessen befragte er sie eingehend und fast begierig über ihre Krankheitssymptome, ihre Verfassung und ihren Werdegang. Einige der geringfügigeren Fälle waren erfreut und verblüfft zugleich, daß ihnen von einem Chefarzt so viel

Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, während sich einige andere von seiner Neugier möglicherweise eher belästigt fühlten. Doch Conway mußte einfach so handeln; denn solange er noch Patienten hatte, wollte er auch Arzt sein.

Und zwar ein Arzt für ETs…

Das Orbit Hospital löste sich auf. Das gewaltige, komplexe Bauwerk, das der Linderung des Leidens und dem Fortschritt der xenologischen Medizin gewidmet war, stand vor dem Kollaps, erlag wie jeder unheilbare Patient einer übermächtigen Krankheit. Morgen oder übermorgen würden sich diese Stationen langsam leeren. Die Patienten, die sich in Physiologie, Metabolismus und in ihren Beschwerden auf so exotische Weise unterschieden, wären verschwunden. In abgedunkelten Stationen würden sich die seltsamen und wunderbaren Spezialanfertigungen, unter denen sich Aliens ein bequemes Bett vorstellten, wie surrealistische Gespenster an den Wänden entlang zusammenkauern. Und mit dem Abflug der ET-Patienten und des Personals würde auch keine Notwendigkeit mehr bestehen, die für sie lebensnotwendigen Umweltbedingungen aufrechtzuerhalten, die Translatoren zu betreiben, die ihnen die gegenseitige Verständigung ermöglichten, die Physiologiebänder zu speichern, die eine Spezies in die Lage versetzte, eine zweite zu behandeln.

Doch das größte Hospital für ETs in der Galaxis würde nicht vollkommen untergehen, jedenfalls nicht in den nächsten paar Tagen oder Wochen. Das Korps hatte zwar keine Erfahrung in interstellaren Kriegen, denn der sich hier anbahnende Krieg war immerhin der erste, doch glaubten die Monitore zu wissen, was sie erwartete. Unter den Schiffsbesatzungen wurde mit starken Verlusten gerechnet. Die eingelieferten überlebenden Opfer würden in erster Linie unter Dekompression, Knochenbrüchen und Strahlenverseuchung leiden. Man glaubte, daß zwei oder drei Ebenen zu ihrer Versorgung ausreichen müßten; sollte das Gefecht mit Nuklearwaffen geführt werden — und es gab keinen Grund für eine gegenteilige Annahme —, dann wären die meisten Verwundeten nämlich gleichzeitig auch unheilbar strahlenverseucht. Zynisch ausgedrückt, bestand für das Orbit Hospital also zumindest keine Überffülungsgefahr.

Sobald die Streitkräfte des Imperiums angreifen sollten, würde sich der mit der Evakuierung eingesetzte innere Zerfall außen am Bauwerk fortsetzen. Conway war zwar kein Militärstratege, aber er konnte sich nicht vorstellen, wie dieses gewaltige, beinahe leere Hospital überhaupt verteidigt werden sollte. Es stellte für seine Angreifer eine leichte, wenn auch nicht lohnenswerte Beute dar, weil nur ein großer, eingeschmolzener, zerbombter Metallfriedhof übrigbleiben würde.

Plötzlich wurde Conway von einer ungeheuer starken Gefühlswelle übermannt: Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und eine Woge von purem Zorn ließen ihn am ganzen Körper zittern. Als er aus der Station hinausstolperte, wußte er nicht, ob er heulen, fluchen oder jemanden niederschlagen sollte. Aber die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als er um die Ecke in den zur Abteilung der PVSJs führenden Gang einbog und heftig mit Schwester Murchison zusammenprallte.

Der Zusammenstoß war nicht schmerzhaft, denn einer der beiden kollidierenden Körper war hinreichend mit stoßdämpfendem Material ausgestattet. Die Kollision war aber stark genug, um Conways Verstand von einem sehr finsteren Gedankengang auf einen unendlich erfreulicheren zu bringen. Plötzlich war Conways Verlangen, Murchison anzusehen und mit ihr zu reden, genauso groß wie vorher der Drang, seine Patienten zu besuchen. Der Grund war derselbe — vielleicht sah er sie zum letztenmal in seinem Leben.

„En. entschuldigen Sie“, stotterte Conway und trat zurück. Dann erinnerte er sich an ihre letzte Begegnung und sagte: „Ich war neulich nach meiner Rückkehr in der Schleuse etwas in Eile und konnte deshalb nicht viel sagen. Sind Sie im Dienst?“

„Ich hab gerade Feierabend“, antwortete Murchison in neutralem Ton.

„Ach, wirklich.?“ entgegnete Conway etwas unbeholfen und stammelte dann: „Ich hab mich nämlich gefragt. ich meine, hätten Sie vielleicht Lust.“

„Also, ich hätte nichts dagegen, schwimmen zu gehen“, erwiderte sie.

„Na prima“, freute sich Conway.

Sie gingen zum Freizeitbereich hoch, zogen sich um und trafen sich wieder im Innern auf dem künstlichen Strand. Als sie zum Wasser gingen, sagte Murchison plötzlich: „Oh, was ich Sie noch fragen wollte, Doktor: Als Sie mir diese Briefe geschickt haben, sind Sie dabei eigentlich nie auf die Idee gekommen, sie in Umschläge mit meinem Namen und meiner Zimmernummer zu stecken?“

„Damit alle gleich gewußt hätten, daß ich Ihnen geschrieben hab?“ fragte Conway. „Ich hab gedacht, so was wollen Sie nicht.“

Murchison schnaubte damenhaft. „Also, das System, das Sie sich ausgedacht haben, war ja auch nicht gerade geheim“, entgegnete sie, wobei ihre Stimme leicht verärgert klang. „Thornnastor von der Pathologie hat schließlich drei Münder, und ich schaffe es nicht einmal, daß er auch nur einen davon hält. Es waren ja wirklich nette Briefe, aber nach meinem Empfinden sind die Rückseiten von Testberichten über Auswurf nicht gerade angebracht für.!“

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Conway. „Soll nicht wieder vorkommen.“

Mit diesem Wortwechsel kehrte wieder die düstere Stimmung zurück, die Murchisons Anblick aus seinen Gedanken vertrieben hatte. Es würde ganz sicher nicht wieder vorkommen, dachte Conway betrübt, nie wieder. Die heiße, künstliche Sonne schien seine Haut nicht so zu wärmen, wie er es in Erinnerung hatte, auch das Wasser war nicht mehr so prickelnd kalt, und selbst unter den Schwerkraftverhältnissen von einem halben Ge war das Schwimmen für ihn eher ermüdend als belebend. Es kam ihm so vor, als wäre sein Körper in einen dichten Schleier von Müdigkeit gehüllt, der sämtliche Gefühle betäubte. Nach nur wenigen Minuten schwamm er ins flache Wasser zurück und watete an den Strand. Murchison folgte ihm mit besorgter Miene an Land.