„Sie sind dünner geworden“, stellte sie fest, als sie ihn eingeholt hatte.
Conways erster Gedanke war zu antworten: „Sie aber nicht“, doch Murchison hätte das beabsichtigte Kompliment falsch verstehen können. Und als Gesellschaft war er zum gegenwärtigen Zeitpunkt so schon miserabel genug, da mußte er es nicht auch noch riskieren, sie zu beleidigen.
Plötzlich hatte er eine Idee und sagte schnelclass="underline" „Ich hab ganz vergessen, daß Sie ja gerade erst Feierabend gemacht und noch nichts gegessen haben. Wollen wir ins Restaurant gehen?“
„O ja, bitte“, antwortete Murchison begeistert.
Das Restaurant thronte hoch oben auf der Klippe, gegenüber den Vorsprüngen, die als Absprungschanzen dienten. Der ganze Stolz des Lokals war eine durchgezogene transparente Wand, die eine uneingeschränkte Aussicht auf den Strand ermöglichte und gleichzeitig den Lärm abhielt. Daher war dies der einzige Ort im Freizeitbereich, wo man ein ruhiges Gespräch führen konnte. Doch für Murchison und Conway war die Stille vollkommen überflüssig, weil sie sowieso kaum miteinander sprachen, jedenfalls bis sie die Mahlzeit halb beendet hatten.
„Sie essen auch nicht mehr soviel“, unterbrach Murchison schließlich das Schweigen.
„Haben Sie jemals ein Raumschiff besessen oder navigiert?“ fragte Conway unvermittelt.
„Ich…? Natürlich nicht!“
„Dann nehmen wir einmal an, Sie haben Schiffbruch erlitten, und der Astronavigator ist verletzt und bewußtlos“, hakte Conway unbeirrt nach. „Der Schiffsantrieb ist inzwischen wieder repariert. Könnten Sie dann die Koordinaten von irgendeinem Planeten innerhalb der Föderation angeben?“
„Nein“, antwortete Murchison ungeduldig. „Ich müßte schon so lange aushalten, bis der Astronavigator wieder aufgewacht ist. Was sind denn das für komische Fragen?“
„Das sind Fragen, die ich allen meinen Freunden stellen werde“, erwiderte Conway grimmig. „Wenn Sie eine davon mit Ja beantwortet hätten, wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen.“
Murchison legte Messer und Gabel hin und runzelte leicht die Stirn. Conway fand, daß sie herrlich aussah, wenn sie die Stirn runzelte oder lachte oder überhaupt irgend etwas tat. Und ganz besonders, wenn sie einen Badeanzug trug. Das war eins der Dinge, die er am Freizeitbereich am meisten schätzte — man durfte in Badeanzügen und — hosen essen. Wenn er sich bloß von dieser düsteren Stimmung befreien und ein paar Stunden lang ein vor Leben sprühender Gesprächspartner sein könnte. Denn so, wie er sich gegenwärtig aufführte, bezweifelte er, ob sich Murchison auch heute von ihm nach Hause begleiten ließ. Und noch weniger würde sie sich die Umarmung in den zwei Minuten und achtundvierzig Sekunden gefallen lassen, die es dauerte, bis die Roboterstimme dazwischenfuhr.
„Irgend etwas bedrückt Sie doch“, stellte Murchison fest. Sie zögerte und fuhr dann fort: „Wenn Sie eine Schulter zum Anlehnen brauchen, dann nur zu. Aber merken Sie sich eins: meine Schulter ist nur zum Ausweinen da und zu nichts sonst!“
„Wozu könnte ich sie denn sonst noch gebrauchen?“ fragte Conway scheinheilig.
„Keine Ahnung“, entgegnete sie lächelnd. „Aber das werde ich wahrscheinlich noch herausfinden.“
Conway erwiderte das Lächeln nicht. Statt dessen sprach er von den Dingen, die ihm Kopfzerbrechen machten, und auch von den Leuten, einschließlich ihr. Als er sich schließlich alles von der Seele geredet hatte, sagte sie lange Zeit nichts. Traurig beobachtete Conway, wie sich das etwas absonderlich wirkende Bild von einer hingebungsvollen, äußerst hübschen jungen Frau in einem weißen Badeanzug zu einer Entscheidung durch rang, die ihr ziemlich sicher das Leben kosten würde.
„Ich glaube, ich bleibe hier“, lautete schließlich ihre Antwort. Conway hatte gewußt, daß sie das sagen würde. „Sie bleiben doch wohl auch?“
„Ich hab mich noch nicht entschieden“, reagierte Conway zurückhaltend. „Ich kann sowieso nicht weg bevor die Evakuierung abgeschlossen ist. Und dann gib es vielleicht nichts mehr, wofür es sich lohnen würde zu bleiben.“ Er unternahm einen letzten Versuch, sie zur Änderung ihrer Meinung zu bewegen: „. Ihre ganze ET-Ausbildung wäre für die Katz. Es gibt eine Menge anderer Hospitäler, die äußerst froh darüber wären, Sie zu beschäftigen.“
Murchison richtete sich im Stuhl auf. Im forschen, kompetenten und sachlichen Ton einer Schwester, die einem möglicherweise aufsässigen Patienten die Behandlung vorschrieb, antwortete sie: „Nach dem, was Sie mir erzählt haben, steht Ihnen morgen ein arbeitsreicher Tag bevor. Sie sollten deshalb jede Minute Schlaf ausnutzen, die Sie kriegen können. Deshalb sollten Sie jetzt schnurstracks auf Ihr Zimmer gehen.“
Und dann fügte sie in einem vollkommen anderen Ton hinzu: „Aber wenn Sie mich lieber erst nach Hause bringen möchten.“
14. Kapitel
Am Tag, nachdem man die Anweisung zur Evakuierung des Orbit Hospitals ausgegeben hatte, ging alles glatt über die Bühne. Mit den Patienten gab es überhaupt keine Schwierigkeiten, denn es lag ja in der Natur der Sache, daß Kranke eines Tages sowieso aus dem Krankenhaus entlassen werden. In diesem Fall ging die Entlassung eben nur ein wenig dramatischer als sonst vonstatten. Dagegen war es höchst unnatürlich, das medizinische Personal zu entlassen. Für einen Patienten stellte das Hospital lediglich eine schmerzhafte oder zumindest nicht besonders angenehme Episode in seinem Leben dar, für das Krankenhauspersonal hingegen war das Orbit Hospital das Leben selbst.
Aber auch mit der Evakuierung des Personals ging am ersten Tag alles glatt. Sämtliche Mitarbeiter befolgten die Anordnungen, wahrscheinlich aus Gewohnheit oder weil es wegen ihres Schockzustands das einfachste war. Am zweiten Tag jedoch hatte der Schock allmählich nachgelassen, und die Personalangehörigen begannen miteinander zu diskutieren. Und die Person, mit der sie am dringendsten diskutieren wollten, war Dr. Conway.
Am dritten Tag schließlich mußte Conway O’Mara anrufen.
„Was los sein soll.?“ polterte Conway auf O’Maras Nachfrage los. „Diese. diese Horde von Genies macht Schwierigkeiten, weil sie die ganze Angelegenheit in vernünftigem Licht betrachtet, das ist los! Und je intelligenter ein Lebewesen ist, desto stumpfsinniger beharrt es darauf zu handeln. Nehmen Sie zum Beispiel Prilicla, ein Wesen, das eigentlich nur aus einer Eierschale mit Streichhölzern dran besteht und von einem einzigen starken Luftzug weggeblasen werden kann: Prilicla will bleiben! Oder Doktor Mannon, der schon praktisch ein Diagnostiker ist. Mannon sagt, endlich einmal ausschließlich terrestrische Opfer zu behandeln wäre so etwas Ähnliches wie Urlaub. Und ein paar der übrigen Mitarbeiter haben sich geradezu phantastisch anmutende Begründungen ausgedacht, um hierzubleiben!
Sie müssen Ihnen endlich den Sinn dieser Evakuierung klarmachen, Sir. Sie sind schließlich der Chefpsychologe.“
„Drei Viertel des Arzt- und Wartungspersonals sind im Besitz von Informationen, die dem Feind im Fall ihrer Gefangennahme wahrscheinlich helfen würden“, entgegnete O’Mara in scharfem Ton. „Die werden das Hospital verlassen, egal, ob es sich dabei um Diagnostiker, Computertechniker, Krankenschwestern oder sonstige Stationspfleger handelt, und zwar aus Sicherheitsgründen. Die haben überhaupt keine andere Wahl. Dann gibt es im Personal noch eine Anzahl von medizinischen Spezialisten, die sich wegen der Verfassung ihrer Patienten verpflichtet fühlen, zusammen mit ihren Schützlingen abzufliegen. Und was den Rest angeht, da kann ich nur sehr wenig tun. Schließlich handelt es sich dabei um geistig gesunde, intelligente und vernünftige Wesen, die sich durchaus selbst entscheiden können.“