Nach und nach ließen die Schmerzen nach und wurden schließlich etwas erträglicher, doch fühlte er sich noch immer so, als hätte ihm ein Tralthaner mit allen sechs Füßen in den Unterleib getreten. Trotzdem nahm er jetzt langsam auch andere Dinge wahr: laute, penetrante, gluckernde Geräusche und den äußerst eigenartigen Anblick einer anscheinend ohne Schutzanzug im Wasser treibenden Kelgianerin. Ein zweiter Blick klärte Conway allerdings darüber auf, daß die Kelgianerin doch einen Anzug trug, dieser aber zerrissen und voller Wasser war.
Weiter unten im Tank trieben zwei weitere Kelgianerinnen, deren lange, weiche und pelzige Körper vom Kopf bis zum Schwanz aufgeplatzt waren. Glücklicherweise verwischte ein sich ausbreitender roter Nebel die grauenerregenden Einzelheiten. Vor der gegenüberliegenden Wand des Beckens hatten sich um ein dunkles, unregelmäßiges Loch Turbulenzen gebildet. Dort schien das Wasser auszulaufen.
Conway fluchte. Er glaubte zu wissen, was passiert war. Wodurch auch immer dieses ausgezackte Loch verursacht worden war, die Wucht hatte sich jedenfalls auch auf die unglückseligen Lebewesen im AUGL-Becken ausgedehnt, weil sich Wasser nun einmal nicht komprimieren läßt. Die dritte Kelgianerin und Conway selbst waren den schlimmsten Auswirkungen nur deshalb entgangen, weil sie sich hier oben im Korridor befunden hatten.
Vielleicht war aber auch nur einer der beiden den Auswirkungen entgangen.
Conway brauchte drei Minuten, um die kelgianische Schwester die zehn Meter durch den Korridor in die Schleuse zu ziehen. Als sie beide schließlich drinnen waren, schaltete Conway die Pumpen an, um das Wasser aus der Schleusenkammer zu saugen, und riß gleichzeitig ein Luftventil auf. Während das letzte Wasser ablief, mühte er sich damit ab, den durchnäßten, unbeweglichen Raupenkörper auf die Seite zu legen und an der einen Wand abzustützen. Das Fell der Kelgianerin war nicht mehr silbern, sondern nur noch eine Masse aus schmutzig grauen Stacheln, und Conway konnte keinen Puls und keine Atmung feststellen. Er legte sich schnell seitlich auf den Boden und drückte das dritte und vierte Beinpaar der Kelgianerin auseinander, damit seine Schulter in den Zwischenraum paßte. Dann stemmte er die Füße fest gegen die gegenüberliegende Wand und fing an, die Schulter rhythmisch gegen den Körper der Kelgianerin zu drücken. Conway wußte, daß es bei DBLFs keinen Sinn hatte, sich auf den riesigen Körper zu setzen und mit den Handflächen darauf zu drücken, um sie künstlich zu beatmen. Die von ihm angewandte Beatmungsmethode gab ihm recht — schon nach wenigen Sekunden tröpfelte das erste Wasser aus dem Mund der Kelgianerin.
Er brach die Beatmung plötzlich ab, als er hörte, wie jemand die Schleuse vom Korridor der AUGL-Abteilung aus zu öffnen versuchte. Er wollte sich über Funk mit dem Lebewesen in Verbindung zu setzen, doch entweder funktionierte sein Kopfhörer oder der des anderen Lebewesens nicht. Deshalb nahm er schnell den Helm ab und hielt den Mund gegen die Tür, formte mit den Händen einen Trichter und brüllte: „Ich bin Sauerstoffatmer und hier drinnen ohne Anzug! Öffnen Sie bitte nicht die Tür, sonst ertrinken wir! Kommen Sie von der anderen Seite herein.!“
Ein paar Minuten später öffnete sich die Schleusentür auf der anderen Seite, hinter der eine mit Luft gefüllte Abteilung lag, und Murchison blickte auf Conway herunter. „D-Doktor Conway.“, sagte sie mit eigenartiger Stimme.
Conway stieß sich heftig mit den Beinen von der Wand ab, rammte seine Schultern mit voller Wucht in den Abschnitt des Bauchs der Kelgianerin, der den Lungen am nächsten war und fragte: „Was?“
„Ich. Sie. die Explosion“, stammelte Murchison. Nach diesem kurzen Fehlstart wurde ihr Ton jedoch fest und entschlossen, und sie fuhr fort: „Es hat eine Explosion gegeben, Doktor. Eine der DBLF-Schwestern ist verletzt. Ein Stück der Bodenverkleidung ist auf sie geschleudert worden, und dadurch hat sie sich schwere Rißwunden zugezogen. Wir haben sofort Gerinnungsmittel auf die Wunden getan, aber ich glaube nicht, daß die Wirkung lange anhält. Außerdem dringt in den Korridor, auf dem die Schwester liegt, Wasser ein; die Explosion muß wohl ein Loch zur AUGL-Abteilung gerissen haben. Außerdem sinkt der Luftdruck. Das Hospital muß irgendwo eine Öffnung ins All haben. Und zu guter Letzt kann man auch noch einen deutlichen Chlorgeruch wahrnehmen.“
Conway stöhnte und stellte seine Bemühungen um die Kelgianerin ein, doch bevor er etwas sagen konnte, fuhr Murchison schnell fort: „Die kelgianischen Ärzte sind bereits allesamt evakuiert worden, und die einzigen zurückgebliebenen DBLFs sind diese Kelgianerin und noch ein paar andere, die hier irgendwo in der Gegend sein müssen. Aber die gehören alle nur dem Schwesternpersonal an.“
Da haben wir den Schlamassel, dachte Conway, als er sich aufrappelte: Verseuchung und drohende Dekompression. Die Kelgianerin mit den Rißwunden mußte schleunigst fortgeschafft werden — sollte der Druck zu stark abfallen, würden die gasdichten Türen regelrecht herausgesprengt werden, und befand sich die Patientin dann gerade auf der falschen Seite der Türen, könnte das wirklich schlimme Folgen haben. Da kein qualifizierter DBLF im Hospital war, mußte er sich umgehend ein kelgianisches Physiologieband besorgen und die Arbeit selbst erledigen. Und das bedeutete für ihn, sich schleunigst auf den Weg zu O’Maras Büro zu machen. Doch vorher mußte er erst noch einen Blick auf die Patientin werfen.
„Übernehmen Sie doch bitte diese Kelgianerin, Schwester“, bat er Murchison und wies dabei auf die durchnäßte Masse auf dem Boden. „Ich glaube zwar, daß sie wieder von selbst zu atmen anfängt, aber wenn Sie noch zehn Minuten weitermachen würden.“ Er schaute zu, wie sich Murchison auf die Seite legte, wobei sie die Knie anzog und beide Füße gegen die gegenüberliegende Wand stemmte. Zwar war es ganz bestimmt weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, aber durch den Anblick, den sie bot, als sie so in ihrem sündhaft engen Anzug dalag, verloren Patientinnen, Evakuierungen und Physiologiebänder in Conways Augen doch einiges von ihrer Dringlichkeit — allerdings nur für einen kurzen Augenblick. Denn der enge, wasserbeperlte Anzug brachte ihm genauso schnell wieder in Erinnerung, daß sich Murchison nur wenige Minuten vor der Explosion selbst im AUGL-Becken aufgehalten hatte, und plötzlich stellte er sich vor, daß ihr herrlicher Körper genauso wie bei den beiden bedauernswerten DBLFs hätte zerrissen werden können.
„Zwischen dem dritten und vierten Beinpaar, nicht zwischen dem fünften und sechsten!“ fuhr Conway sie in rauhem Ton an, bevor er sich zum Gehen wandte.
Das war nun überhaupt nicht das, was er ihr eigentlich hatte sagen wollen.
16. Kapitel
Aus irgendeinem Grund hatten sich Conways Gedanken eher mit den Auswirkungen der Explosion befaßt als mit deren Ursache. Vielleicht hatte er aber auch absichtlich nicht in diese Richtung denken wollen und sich statt dessen selbst weiszumachen versucht, daß die Explosion nicht durch einen Angriff auf das Hospital verursacht worden war, sondern irgendeine Art Unfall darstellte. Doch die unaufhörlichen Aufrufe und Mitteilungen aus den Lautsprechern erinnerten ihn an jeder Zwischenschleuse an die Wahrheit. Und auf dem Weg zu O’Maras Büro bemerkte er, daß sich alle doppelt so schnell wie sonst fortbewegten, allerdings stürmten sie in die entgegensetzte Richtung. Automatisch fragte er sich, ob diese Wesen seine eigenen Gefühle teilten, ob sie Angst hatten, sich schutzlos fühlten und wie er jeden Moment eine zweite Explosion erwarteten, die den Boden unter ihren dahineilenden Füßen auseinanderreißen könnte. Von Conway selbst schien jegliche Eile fehl am Platz, weil er, dem Verhalten der anderen nach zu urteilen, möglicherweise gerade auf den nächsten Explosionsort zulief.