Er mußte sich direkt dazu zwingen, langsam in das Büro des Chefpsychologen zu gehen, seine Wünsche genau darzulegen und O’Mara ruhig zu fragen, was geschehen war.
„Das waren sieben Schiffe“, entgegnete O’Mara und wies Conway auf die Couch, während er den Helm zur Übertragung des Schulungsbandes in die richtige Position herunterließ. „Anscheinend ganz kleine Dinger ohne ungewöhnliche Bewaffnung oder Abwehreinrichtungen. Es war ein kurzes, aber heftiges Gefecht. Drei Schiffe konnten entkommen, aber eins der vier vernichteten hat noch nach dem Beschuß durch die Verteidigungsflotte eine Rakete auf uns abgefeuert. Das war eine kleine Rakete mit chemischem Sprengkopf.
Das ist übrigens sehr merkwürdig“, fuhr O’Mara nachdenklich fort. „Denn wenn es ein Nuklearsprengkopf gewesen wäre, dann würde es jetzt kein Orbit Hospital mehr geben. Wir hatten die feindlichen Schiffe nicht so früh erwartet und waren deshalb ein wenig überrascht. Müssen Sie wirklich diese Patientin übernehmen?“
„Wie? Ach so, ja“, antwortete Conway. „Sie wissen ja: DBLR. Für die ist doch schon jede Schnittwunde ein Notfall. Und bis ein anderer Arzt sich die Patientin angesehen hat und wegen des Schulungsbands hierhergekommen ist, ist es vielleicht schon zu spät.“
O’Mara stöhnte laut auf. Seine kräftigen, kantigen, merkwürdig sanften Händen überprüften den Sitz des Helms und drückten Conway auf die Couch, dann sagte er: „Die haben versucht, ihren Angriff mit aller Kraft zu führen, es war wirklich brutal. Meiner Meinung nach war das ein klarer Beweis für die feindseligen Gefühle, die sie gegen uns hegen. Trotzdem haben sie bloß einen chemischen Sprengkopf eingesetzt, obwohl sie in der Lage gewesen wären, uns völlig zu vernichten. Eigenartig. Der Treffer hat allerdings auch eine gute Seite — dadurch sind nämlich die Zauderer endlich zu einem Entschluß gekommen. Jetzt werden alle, die ausharren wollen, auch wirklich hierbleiben, und diejenigen, die weg wollen, werden schleunigst abfliegen. Von Dermods Standpunkt aus ist das eine gute Sache.“
Dermod war als Flottenkommandant für die Verteidigung des Orbit Hospitals zuständig.
„. und jetzt machen Sie Ihren Kopf von allem frei“, schloß O’Mara griesgrämig, „oder wenigstens freier als sonst.“
Aber Conway mußte sich gar nicht anstrengen, seinen Kopf von allem frei zu machen — ein Vorgang, der die Aufnahme eines Physiologiebands im Gehirn unterstützte —, denn O’Maras Couch war wunderbar weich und bequem. Conway war sich dessen nie richtig bewußt gewesen, er schien direkt in der Couch zu versinken.
Ein heftiger Schlag auf die Schulter ließ ihn auffahren. O’Mara ermahnte ihn in bissigem Ton: „Schlafen Sie nicht ein! Gehen Sie ins Bett, wenn Sie mit Ihrer Patientin fertig sind. Mannon kommt in der Anmeldezentrale schon mit allem zurecht. Außerdem zerfällt das Hospital auch ohne Sie nicht gleich zu Staub, es sei denn, wir werden von einem Nuklearsprengkopf getroffen.“
Conway verließ das Büro, wobei sich schon die ersten Anzeichen zeigten, daß er in Gedanken allmählich doppelt zu sehen begann. Im Grunde war das Physiologieband eine Gehirnaufnahme einer medizinischen Kapazität der gleichen Spezies, der der zu behandelnde Patient angehörte. Doch der Arzt, der sich solch ein Band überspielen ließ, mußte danach sein Gehirn buchstäblich mit einer wildfremden Persönlichkeit teilen. Zumindest hatte der Betreffende das Gefühl, weil sich sämtliche Erinnerungen und Erfahrungen des Bandurhebers in das Gehirn des Empfängers einprägten, und nicht nur ausgewählte medizinische Datensätze. Physiologiebänder konnten nämlich nicht geschnitten werden.
Doch die DBLFs waren nicht so fremd wie einige der Wesen, mit denen Conway vorher sein Gehirn hatte teilen müssen. Obwohl die Kelgianer körperlich riesigen silbernen Raupen glichen, hatten sie vieles mit Terrestriern gemeinsam. Ihre Gefühlsreaktionen auf Reize wie Musik, ein Stück landschaftlicher Schönheit oder DBLFs vom anderen Geschlecht waren fast vollkommen identisch. Und der Kelgianer in Conways Gehirn mochte sogar Fleisch, weshalb er nicht an Salat zu verhungern brauchte, falls er das Band lange im Kopf behalten mußte. Was machte es da aus, wenn er sich wirklich unsicher fühlte, weil er auf nur zwei Beinen laufen mußte, oder feststellte, daß er beim Gehen rhythmisch einen Buckel machte? Als er schließlich die verlassene DBLF-Abteilung erreichte und im kleinen Operationssaal eintraf, in den man die Patientin gebracht hatte, machte es ihm nicht einmal mehr etwas aus, daß ein Teil seines Gehirns über Schwester Murchison wie über jedes andere Wesen dieser spindeldürren DBDGs von der Erde dachte.
Obwohl Murchison alles für ihn vorbereitet hatte, machte sich Conway nicht sofort an die Arbeit, da er wegen der Gedanken und der Persönlichkeit des großen kelgianischen Arztes in seinem Gehirn jetzt mit der Patientin wirklich mitempfinden konnte. Er erkannte die Ernsthaftigkeit ihres Zustands und wußte, daß mehrere Stunden heikler und schwierigster Arbeit vor ihm lagen. Gleichzeitig spürte er aber auch Müdigkeit und konnte kaum noch die Augen offenhalten. Es war für ihn schon anstrengend, die Füße zu bewegen, und bei der Überprüfung der Instrumente fühlten sich seine Finger müde und wie dicke Würste an. Ihm war klar, daß er in dieser Verfassung unmöglich arbeiten konnte, es sei denn, er wollte seine Patientin töten.
„Könnten Sie mir bitte eine Aufputschspritze fertig machen?“ bat Conway, wobei er die Zähne zusammenbiß, um nicht zu gähnen.
Einen Augenblick lang sah Murchison so aus, als ob sie Conway womöglich widersprechen wollte, denn Aufputschspritzen waren im Orbit Hospital verpönt. Man billigte ihren Einsatz nur im schlimmsten Notfall, und das aus sehr gutem Grund. Dennoch bereitete Murchison die Spritze vor und injizierte sie ihm schließlich, ohne ein Wort zu sagen. Dabei benutzte sie allerdings eine stumpfe Nadel und wandte beim Einstechen völlig unnötige Kraft auf. Obwohl ihm die Hälfte des Gehirns nicht mehr gehörte, merkte Conway deutlich, daß sie böse auf ihn war.
Und dann schlug die Spritze auf einmal an. Abgesehen von einem leichten Kribbeln in den Füßen und Flecken im Gesicht, die nur Murchison sehen konnte, fühlte sich Conway so scharfsichtig, wach und körperlich frisch, als ob er nach zehn Stunden Schlaf gerade aus der Dusche gekommen wäre.
„Wie geht es eigentlich der anderen Kelgianerin?“ fragte er plötzlich. Vor lauter Müdigkeit hatte er die Kelgianerin ganz vergessen, die er zusammen mit Murchison in der Schleuse zurückgelassen hatte.
„Die künstliche Beatmung hat sie wieder zu Bewußtsein gebracht“, antwortete Murchison matt und fuhr dann etwas lebhafter fort: „Aber sie hatte noch einen Schock. Ich hab sie nach oben in die Tralthanerstation geschickt, da sind immer noch einige vom medizinischen Fachpersonal.“
„Gut“, lobte Conway sie herzlich. Er wollte eigentlich noch mehr sagen, ihr auf persönlicherer Ebene schmeicheln, da er aber wußte, daß keine Zeit zum Herumstehen und Plaudern war, murmelte er nur vor sich hin: „Dann fangen wir mal an.“
Die Spezies der Klassifikation DBLF hatte, abgesehen von der dünnen,
engen Hülle rund ums Gehirn, kein Knochengerüst. Der Körper eines kelgianischen Wesens setzte sich aus einer Reihe von kreisförmigen Muskelbändern zusammen, die nicht nur zur Fortbewegung dienten, sondern auch dem Schutz der lebenswichtigen Organe im Körperinnern. Dieser Schutz war vom Standpunkt eines Lebewesens, dessen Körper von einem üppigeren Knochengerüst gestützt wurde, alles andere als ausreichend. Ein weiterer schwerwiegender Nachteil des kelgianischen Körperbaus war im Fall einer Verletzung das komplizierte und äußerst leicht verletzbare Kreislaufsystem — denn das Adernetz, das die gewaltigen, den Körper kreisförmig umgebenden Muskelbänder mit Blut versorgen mußte, verlief dicht unter der Haut. Zwar bot hier das dichte Fell einigen Schutz, aber eben nicht gegen große, gezackte Metallsplitter, die durch die Gegend flogen.