Выбрать главу

Folglich konnte eine Verletzung, die viele andere Spezies lediglich als oberflächlichen Kratzer ansahen, bei einem DBLF in Minutenschnelle zum Verbluten führen.

Conway operierte langsam und vorsichtig. Er löste das von Murchison in aller Eile aufgetragene Gerinnungsmittel auf, vernähte oder ersetzte beschädigte Hauptblutgefäße und verschloß die kleineren Verästelungen, die ihm wegen ihrer Feinheit sowieso keine andere Wahl ließen. Dieser Teil der Operation bereitete ihm die meisten Sorgen; nicht weil dadurch etwa das Leben der Patientin in Gefahr geraten wäre, sondern weil Conway wußte, daß der silberne Pelz an diesen Stellen nie wieder richtig wachsen würde. Wenn das Fell überhaupt nachwuchs, dann würde es gelb verfärbt und für einen männlichen Kelgianer optisch abstoßend sein. Die verletzte Schwester war eine außergewöhnlich gutaussehende Frau, und da konnte solch eine Verunstaltung eine wirkliche Tragödie darstellen. Conway hoffte, daß sie nicht zu stolz sein würde, diese Stellen ständig mit Kunstfell zu bedecken. Obwohl Kunstfell zugegebenermaßen nicht den prächtigen, tiefen Glanz des echten Fells besaß und bei näherem Hinsehen als künstliches Fell zu erkennen war, aber andererseits wirkte es eben optisch nicht so abstoßend wie dieser gelbe Naturpelz.

Noch vor einer Stunde wäre diese Kelgianerin für ihn lediglich eine Raupe unter vielen gewesen, dachte Conway. Eine Raupe, die er nur vom klinischen Standpunkt aus betrachtet hätte. Doch jetzt war er schon so weit, daß er sich über die Heiratsaussichten der Patientin Sorgen machte. Durch ein Physiologieband wurde man regelrecht dazu gezwungen, mit seinen ET-Patienten wirklich mitzufühlen.

Als er die Operation beendet hatte, rief er in der Anmeldezentrale an, beschrieb den Zustand der Patientin und drängte darauf, sie so schnell wie möglich zu evakuieren. Mannon sagte ihm, an den Schleusen würde zur Zeit ein halbes Dutzend kleinerer Schiffe liegen, die im Moment gerade Patienten an Bord aufnahmen. Die meisten dieser Schiffe seien für Sauerstoffarmer vorbereitet. Er nannte ihm zwei Schleusen in der Nähe der DBLF-Abteilung, von denen Conway sich eine aussuchen konnte. Mannon fügte hinzu, daß alle Patienten der Klassifikationen A bis G bis auf die wenigen Schwerkranken entweder schon abgeflogen waren oder eben im Begriff standen, das Hospital zu verlassen, und zwar zusammen mit Personalangehörigen derselben Klassifikation, denen O’Mara aus Sicherheitsgründen befohlen hatte zu gehen.

Von diesen Mitarbeitern des Hospitals hätten einige einen extremen Widerwillen gegen den Abflug an den Tag gelegt. Und ganz besonders ein uralter tralthanischer Diagnostiker, der das Pech hatte, Eigner einer privaten Raumjacht zu sein; ein Besitz, den man unter normalen Umständen sicherlich nicht gerade als Unglück angesehen hätte. Aber dieser Tralthaner wollte seine Jacht keinesfalls im Stich lassen, sondern — wenn es dazu kommen sollte — wie ein Kapitän zusammen mit seinem Schiff untergehen. Deshalb hatte man ihn offiziell des versuchten Hochverrats, der Störung des inneren Friedens und der Anstiftung zur Meuterei beschuldigen und festnehmen müssen. Das war die einzige Möglichkeit gewesen, ihn überhaupt auf ein Schiff zu bekommen.

Als Conway den Hörer auflegte, dachte er, daß man ihn mit viel weniger Mühe zum Verlassen des Orbit Hospitals bringen könnte. Er schüttelte wütend und über sich selbst beschämt den Kopf und gab Murchison die Anweisungen für den Transport der Patientin zum Schiff.

Für den ersten Abschnitt des Wegs durch die AUGL-Station, die ja jetzt durch ein Loch zum All hin offen war, mußte man die Kelgianerin in ein Druckzelt stecken. Im großen Becken befand sich kein Wasseratmer und auch kein Wasser mehr, denn es gab wirklich dringendere Dinge zu tun, als eine Abteilung instand zu setzen und wieder mit Wasser zu füllen, die höchstwahrscheinlich sowieso nie wieder benutzt werden würde. Beim Anblick des jetzt leeren, riesigen Beckens fühlte sich Conway furchtbar niedergeschlagen. Die Wände waren knochentrocken, und die üppige Unterwasservegetation, die die Station für die Insassen behaglicher erscheinen lassen sollte, hing von ihnen wie bröckelige, verfärbte Pergamentfetzen herab. Diese Niedergeschlagenheit hielt an, als er mit Murchison und der Kelgianerin die drei leeren Chlorebenen unter der AUGL-Station passierte und zu einem weiteren mit Luft gefüllten Abschnitt gelangte.

Hier mußten sie eine Pause einlegen, um einen Zug von TLTUs vorbeizulassen. Conway war froh, eine Zwangspause einlegen zu müssen; denn obwohl er sich selbst wegen der Aufputschspritze immer noch putzmunter fühlte, ließen bei Murchison die Kräfte allmählich merklich nach. Sobald sie ihre Patientin an Bord gebracht hatten, wollte er ihr befehlen, sich sofort ins Bett zu begeben.

Langsam fuhren sieben TLTUs in ihren Schutzkugeln vorbei. Diese waren auf Tragbahren befestigt worden, die von schweißgebadeten Pflegern mit angespannten Gesichtern gesteuert wurden. Auf diesen Kugeln sammelte sich jedoch, anders als bei denen der methanatmenden Lebensformen, kein Rauhreif an. Statt dessen ging von ihnen ein hoher, zitternder Pfeifton aus, der durch den Betrieb der Generatoren erzeugt wurde, die die Innentemperatur auf für die Insassen behagliche fünfhundert Grad Celsius hielten. Folglich war jede dieser vorbeifahrenden Kugeln von einem Hitzering umgeben, den Conway noch in sechs Metern Entfernung spüren konnte.

Wenn hier und jetzt ein zweiter Sprengkopf einschlagen würde und dabei eine dieser Kugeln platzte. Conway glaubte nicht, daß es eine schlimmere Art zu sterben gab, als wenn einem das in einer extrem heißen Dampfwolke gekochte Fleisch von den Knochen fiel.

Als sie schließlich die Patientin an der Schleuse dem medizinischen Offizier des Schiffs übergeben hatten, fiel es Conway schwer, die Augen auf einen Punkt zu richten, und seine Beine waren weich wie Gummi. Jetzt war es eigentlich angebracht, ins Bett zu gehen, dachte er, oder aber sich noch eine Aufputschspritze geben zu lassen. Er hatte sich gerade für die erste Möglichkeit entschieden, als ihn ein Offizier des Monitorkorps höflich abfing, dessen schwerer Schutzanzug noch die Kälte des Alls ausstrahlte.

„Die Opfer sind hier, Sir“, sagte der Offizier in dringlichem Ton. „Wir haben sie einfach mit einem Versorgungsschiff hergebracht, weil die Anmeldezentrale mit der Evakuierung beschäftigt ist. Wir haben an der Schleuse zur DBLF-Abteilung angedockt, aber da ist niemand. Sie sind der erste Arzt, dem ich begegnet bin. Können Sie sich um die Opfer kümmern?“

Conway wollte schon fragen, um welche Opfer es sich dabei handelte, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig zurückhalten. Schließlich hatte es einen Angriff auf das Hospital gegeben, wie ihm plötzlich wieder einfiel. Den Angriff hatte man abgewehrt, und die Hauptsorge dieses Offiziers galt offensichtlich den dabei Verwundeten, egal, ob die Verletzungen schwer oder gering waren. Wenn er geahnt hätte, daß Conway viel zu beschäftigt gewesen war, um an das Gefecht und dessen Opfer zu denken.

„Wo haben Sie die Verletzten hingebracht?“ fragte Conway.

„Die sind noch auf dem Schiff“, antwortete der Offizier, wobei er sich etwas entspannte. „Wir hielten es für besser, daß sich erstmal jemand die Verwundeten ansieht, bevor wir sie transportieren. Denn einige sind. ich meine. ehm. würden Sie mir bitte folgen, Sir?“

Da lagen achtzehn Verwundete, die zertrümmerten Körper von aus Schiffswracks herausgefischten Männern. Sie steckten in Anzügen, die sich noch kalt anfühlten. Lediglich die Helme hatte man ihnen abgenommen, um festzustellen, ob sie überhaupt noch am Leben waren. Conway zählte drei Fälle von Dekompression. Bei den restlichen Verletzungen handelte es sich um unterschiedlich komplizierte Frakturen, von denen ein Fall ganz sicher ein eingedrückter Schädelbruch war. Glücklicherweise gab es keine Fälle von Strahlenverseuchung. Bisher war es also ein sauberer Krieg — sofern man Kriege überhaupt als sauber bezeichnen konnte.