Conway spürte, wie er langsam wütend wurde, unterdrückte aber seinen Zorn. Es war einfach nicht der geeignete Zeitpunkt, sich über blutende, asphyktische Patienten mit Knochenbrüchen oder die für ihren Zustand verantwortlichen Ursachen aufzuregen. Statt dessen stand er auf und wandte sich an Schwester Murchison.
„Ich brauche noch eine Aufputschspritze“, sagte er in schroffem Ton. „Das hier wird eine lange Behandlung. Aber zuerst muß ich das DBLF-Band löschen lassen und versuchen, Hilfe zusammenzutrommeln. Während ich weg bin, könnten Sie sich ja vielleicht schon mal darum kümmern, diese Männer aus den Anzügen rauszuholen und zum DBLF-Operationssaal fünf zu bringen. Danach sollten Sie Ihren Schlaf nachholen.
Und vielen Dank für alles“, fügte er verlegen hinzu — er wollte nicht zu viel sagen, weil der Monitor immer noch dicht neben ihm stand. Hätte er versucht, all das auszusprechen, was er Murchison sagen wollte, während achtzehn dringende Fälle um ihre Füße herum lagen, wäre der Offizier sicherlich empört gewesen, und Conway hätte ihm deswegen nicht einmal Vorwürfe machen können. Aber der Monitor hatte ja auch verdammt noch mal nicht seit drei Stunden an der Seite von Murchison gearbeitet, und das auch noch unter der Wirkung von Aufputschmitteln, die sämtliche Sinne steigerten.
„Falls es Ihnen helfen würde, könnte ich ja auch eine Aufputschspritze nehmen“, schlug Murchison unvermittelt vor.
Dankbar antwortete Conway: „Sie sind zwar ganz schön verrückt, meine Liebe, aber insgeheim hab ich gehofft, daß Sie so etwas sagen würden.“
17. Kapitel
Am achten Tag hatte man alle extraterrestrischen Patienten evakuiert, und mit ihnen waren fast vier Fünftel des Hospitalpersonals abgeflogen. Auf den Ebenen, wo sonst extreme Temperatur-, Druck- und Schwerkraftverhältnisse herrschten, war die Energiezufuhr abgestellt worden. Deshalb gingen die extrem kalten festen Stoffe in flüssigen oder gasförmigen Zustand über, und die dichten oder extrem heißen Atmosphären schlugen sich als schlammige, dickflüssige Masse auf den Fußböden nieder. Während die Tage verstrichen, trafen schließlich immer mehr Monitore der technischen Abteilung ein, rüsteten die ehemaligen Stationen in eine Art Kaserne um und rissen große Teile der Außenwände heraus, um ins All herausragende Fundamente für Pressor- und Traktorstrahlenprojektoren und Abschußrampen errichten zu können. Dermod vertrat nämlich die Ansicht, das Orbit Hospital müsse sich auch selbst verteidigen können und dürfe sich nicht vollkommen auf die Flotte verlassen, da diese erwiesenermaßen keinen gänzlichen Schutz bieten konnte. So war bereits am fünfundzwanzigsten Tag aus dem einst ungeschützten Orbit Hospital ein schwerbewaffneter Militärstützpunkt geworden.
Wegen der enormen Größe und der gewaltigen Energiereserven des Hospitals — die um ein Vielfaches größer als die der mobilen Streitkräfte waren, die jetzt zur Verteidigung des Krankenhauses zur Verfügung standen —, konnte eine ungeheure Menge wirklich furchterregender Waffensysteme installiert werden. Das war auch notwendig, denn am neunundzwanzigsten Tag erfolgte der erste Großangriff des Feinds, und die Wehrhaftigkeit des Krankenhauses wurde bis aufs äußerste auf die Probe gestellt.
Der Angriff dauerte drei Tage.
Conway wußte zwar, daß es seitens des Monitorkorps vernünftige und logische Gründe für die vorgenommene Befestigung des Hospitals gegeben hatte, aber es gefiel ihm trotzdem nicht. Selbst nach diesem absurden, dreitägigen Angriff, in dessen Verlauf das Hospital viermal getroffen worden war — glücklicherweise wiederum nur mit chemischen Sprengköpfen — fand er das nicht richtig. Immer wenn er daran dachte, daß das gewaltige, den höchsten Idealen der Humanität und Medizin gewidmete Gebäude zu einer schrecklichen und vollkommen unnatürlichen Vernichtungsmaschinerie umgerüstet worden war, mit der es auch noch seine eigenen Opfer produzierte, wurde Conway zornig und traurig. Er war von dieser ganzen scheußlichen Geschichte zutiefst angewidert, und manchmal war er auch versucht, seine Meinung zu äußern.
Seit Beginn der Evakuierung waren mittlerweile fünf Wochen vergangen, und Conway saß mit Mannon und Prilicla beim Mittagessen zusammen. Die Hauptkantine war jetzt zu den Mahlzeiten längst nicht mehr überfüllt, und an den Tischen waren die grünuniformierten Monitore den ETs zahlenmäßig stark überlegen, obwohl sich immer noch über zweihundert Extraterrestrier im Hospital befanden, und das war es auch, woran sich Conway zur Zeit am meisten störte.
„.und ich behaupte trotzdem, daß es eine Verschwendung ist“, sagte er wütend. „Eine Verschwendung von Leben, von medizinischen Talenten, einfach von allem! Es handelt sich doch bei sämtlichen Patienten um Verletzte des Monitorkorps, und so wird es auch in Zukunft sein, und jeder einzelne davon ist Terrestrier. Deshalb gibt es für unsere Extraterrestrier überhaupt keine interessanten ET-Fälle zu behandeln. Ich finde, man sollte dieses Personal nach Hause schicken!
Übrigens einschließlich der gegenwärtig hier Anwesenden“, schloß er mit einem vielsagenden Blick auf Prilicla. Dann wandte er sich Mannon zu.
Dr. Mannon schnitt sich gerade ein großes Stück von einem saftigen Steak ab und führte es mit der Gabel zum Mund. Da sämtliche seiner unter geringer Schwerkraft lebenden Patienten evakuiert worden waren, hatte er die LSVO- und MSVK-Bänder aus dem Kopf löschen lassen und unterlag deshalb bei seiner Ernährung keinen geistigen Einschränkungen mehr. In den fünf Wochen seit der Evakuierung hatte er merklich an Gewicht zugelegt.
„Für einen ET sind wir aber interessante ETs“, merkte er nicht ohne Grund an.
„Seien Sie doch nicht so spitzfindig“, entgegnete Conway. „Wogegen ich etwas hab, ist sinnloses Heldentum.“
Mannon hob die Augenbrauen. „Aber Heldentum ist fast immer sinnlos“, erwiderte er trocken. „Außerdem ist es äußerst ansteckend. Ich würde sagen, in diesem Fall hat das Korps durch seine Bereitschaft zur Verteidigung des Hospitals damit angefangen. Letztendlich haben wir uns deswegen verpflichtet gefühlt, ebenfalls zu bleiben, um uns um die Verwundeten zu kümmern. Zumindest fühlen sich ein paar von uns dazu verpflichtet, möglicherweise bilden wir uns aber auch nur ein, daß sich ein paar von uns dazu verpflichtet fühlen.
Vernünftiger und logischer wäre es jedenfalls gewesen, wenn wir uns rechtzeitig abgesetzt hätten“, fuhr Mannon fort, wobei er Conway nicht direkt ansah. „Und denjenigen, die abgeflogen wären, hätte bestimmt niemand auch nur den geringsten Vorwurf gemacht. Aber diese vernünftigen und logischen Leute glauben eben, daß ihre Kollegen oder. ehm. Freunde, vielleicht wahre Helden sind. Und weil sich diese Leute vorstellen, was ihre Freunde wohl von ihnen halten könnten, wenn sie einfach abhauen würden, tun sie das eben nicht. Die sterben lieber, als von ihren Freunden für Feiglinge gehalten zu werden. Also bleiben sie lieber hier.“
Conway merkte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß, aber er entgegnete nichts.
Plötzlich grinste Mannon und fuhr fort: „Aber das ist eigentlich auch eine Art von Heldentum. Man könnte sogar sagen, das ist ein Fall von „lieber den Tod ertragen als die Schande“. Und ehe man sich versieht, sind plötzlich alle Helden, entweder auf die eine oder auf die andere Art. Und die ETs.“ — er warf Prilicla einen verschmitzten Blick zu — „.bleiben sicherlich aus den gleichen Gründen hier. Außerdem vermute ich, wollen sie uns beweisen, daß terrestrische DBDGs kein Monopol auf Heldentum haben.“
„Ich verstehe“, erwiderte Conway. Ihm war bewußt, daß sein Gesicht puterrot angelaufen war. Ganz offensichtlich wußte Mannon, daß Conway einzig und allein deshalb im Hospital geblieben war, weil Murchison, O’Mara und Mannon selbst sonst vielleicht von ihm enttäuscht gewesen wären. Und Prilicla, das für Emotionen empfängliche Lebewesen auf der anderen Seite des Tischs, konnte in ihm bestimmt wie in einem offenen Buch lesen. Conway glaubte, sich in seinem ganzen Leben noch nie schlechter gefühlt zu haben.