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„Da haben Sie ganz recht“, sagte Prilicla plötzlich, wobei er die Gabel geschickt in die Spaghetti auf dem vor ihm stehenden Teller steckte und zwei Mundwerkzeuge benutzte, um sie aufzuwickeln. „Wenn da nicht das heldenmütige Beispiel von euch DBDGs gewesen wäre, dann hätte ich das zweite Schiff genommen.“

„Das zweite?“ fragte Mannon.

„Mir mangelt es eben nicht vollkommen an Heldenmut“, erwiderte Prilicla und fuchtelte dabei mit den Spaghetti herum, um seiner Behauptung Nachdruck zu verleihen.

Während er dieser Nebenhandlung zuhörte, dachte Conway, daß es am ehrlichsten gewesen wäre, seinen Freunden gegenüber seine Feigheit einzugestehen. Doch wie er wußte, würde er damit alle anderen nur in Verlegenheit bringen. Es war vollkommen klar, daß sowohl Prilicla als auch Mannon ihn als den Feigling erkannt hatten, der er war, und jeder hatte ihm auf seine eigene Art die Bedeutungslosigkeit dieser Tatsache erklärt. Objektiv betrachtet, war es jetzt wirklich nicht mehr von Bedeutung, denn es waren sowieso keine Schiffe mehr da, die das Orbit Hospital verließen — die ausharrenden Personalangehörigen würden also automatisch zu Helden werden, ob ihnen das nun paßte oder nicht. Aber Conway fand es trotzdem nicht richtig, womöglich irgendwann als ein unerschrockener, selbstloser und hingebungsvoller Arzt geehrt zu werden, wo doch nichts davon auf ihn zutraf.

Bevor er irgend etwas dazu sagen konnte, wechselte Mannon abrupt das Thema. Er wollte unbedingt wissen, wo Conway und Murchison während des vierten, fünften und sechsten Tags der Evakuierung eigentlich gesteckt hatten, und fand es äußerst vielsagend, daß sie beide genau zur gleichen Zeit von der Bildfläche verschwunden waren. Dann zählte er einige der Vermutungen auf, die ihm zu diesem Thema einfielen, und das in den schillerndsten und überraschendsten Farben. Bald beteiligte sich auch Prilicla an den Spekulationen, und obwohl der sexuelle Sittenkodex zweier terrestrischer DBDGs für einen geschlechtslosen GLNO höchstens von akademischem Interesse sein konnte, meinte Conway, sich nach beiden Seiten energisch verteidigen zu müssen.

Sowohl Prilicla als auch Mannon war bekannt, daß sich Murchison und Conway zusammen mit ungefähr vierzig weiteren Angehörigen des Personals durch Aufputschspritzen beinahe sechzig Stunden lang in Topform gehalten hatten, um effektiv operieren zu können. Aber auch für die Wirkung von Aufputschmitteln muß man bezahlen, und deshalb waren Conway und seine Mitarbeiter gezwungen gewesen, es drei Tage lang ihren Patientin gleichzutun, eine horizontale Lage einzunehmen und sich in dieser Zeit von ihrem fortgeschrittenen Zustand der Erschöpfung zu erholen. Ein paar der Mitarbeiter waren buchstäblich stehenden Fußes zusammengeklappt und schleunigst weggebracht worden. Sie waren derart erschöpft gewesen, daß nicht nur der Kreislauf, sondern auch die unwillkürliche Herz- und Lungenmuskeltätigkeit zusammenzubrechen drohten. Man hatte sie auf besondere Stationen geschafft, wo sie an computergesteuerte Herz-Lungen-Maschinen angeschlossen und intravenös ernährt worden waren.

Dennoch sah es wirklich etwas verdächtig aus, daß man Conway und Murchison weder zusammen noch getrennt gesehen hatte, und dann auch noch drei ganze Tage lang.

Die Alarmsirene rettete Conway gerade in dem Augenblick, als für die „Vertreter der Anklage“ alles nach Wunsch lief. Er sprang aus seinem Sitz und sprintete zur Tür. Mannon stapfte hinter ihm her, während Prilicla den beiden voranschwirrte, wobei seine nicht ganz verkümmerten Flügel von einem G-Gürtel unterstützt wurden.

Da können die Hölle, die Sintflut oder ein interstellarer Krieg ausbrechen, dachte Conway auf dem Weg zu seiner Station mit einem innerlichen Lächeln, sobald sich die Gelegenheit ergab, jemanden schlechtzumachen oder auf den Arm zu nehmen, war Mannon mit dem neuesten Klatsch zur Stelle und darauf vorbereitet, sein Opfer vor aller Öffentlichkeit lächerlich zu machen. Unter den gegenwärtigen Umständen hatte sich Conway zwar zuerst über diese ganze Klatschsucht geärgert, aber dann war ihm langsam klargeworden, Mannon wollte ihm nur begreiflich machen, daß bis jetzt noch nicht die ganze Welt untergegangen war. Und bei diesem Krankenhaus handelte es sich immer noch um das Orbit Hospital, das eben eher eine Geisteshaltung als ein Bauwerk war. Egal, was kommen mochte, dieses Krankenhaus würde bis zum letzten Atemzug seiner hingebungsvollen und häufig auch etwas verrückten Mitarbeiter das Orbit Hospital bleiben.

Als Conway auf seiner Station ankam, hatte die Sirene, die sie ständig an den Ernst der Lage erinnerte, zu heulen aufgehört.

Über sämtlichen achtundzwanzig belegten Betten hingen bereits versiegelte, jetzt aber noch schlaffe Druckzelte. Ihre unabhängigen Luftaggregate waren zum Schutz der Patienten vorm Ersticken in Betrieb, falls plötzlich in die Außenwand der Station ein Loch zum All gerissen werden sollte. Die diensthabenden Schwestern, eine Tralthanerin, eine Nidianerin und vier Terrestrierinnen, quälten sich in ihre Anzüge hinein. Auch Conway legte sich einen Anzug an und versiegelte ihn bis auf das Visier ganz, wie es auch die Schwestern getan hatten. Er machte bei den Patienten schnell Visite, sprach der tralthanischen Oberschwester seine Anerkennung aus und betätigte dann den Schalter, der die künstlichen Schwerkraftgitter im Boden ausschaltete.

Unregelmäßigkeiten in der Energieversorgung traten nämlich keineswegs selten auf, wenn die Verteidigungsschilde des Hospitals unter Beschuß lagen oder die im Hospital installierten Waffen zum Einsatz kamen. Diese Unregelmäßigkeiten konnten zu Schwankungen in den künstlichen Schwerkraftgittern zwischen einem halben und zwei Ge führen. Bei Patienten, die hauptsächlich Knochenbrüche hatten, konnte das verheerende Folgen haben, und für sie war es in diesem Fall besser, überhaupt keiner Schwerkraft ausgesetzt zu sein.

Als Patienten und Mitarbeiter soweit wie möglich geschützt waren, konnte man nichts mehr tun, außer abzuwarten. Um seine Gedanken von den Vorgängen draußen vor dem Hospital abzulenken, mischte sich Conway in eine Diskussion zwischen der tralthanischen Schwester und einer der rotbepelzten Nidianerinnen über die gegenwärtig am riesigen Übersetzungscomputer vorgenommenen Änderungen ein. Die kleinen Translatoren, die sämtliche Mitarbeiter des Hospitals am Körper trugen, waren nämlich lediglich Geräte, die senden und empfangen konnten, also nur mobile Nebenstellen dieses gewaltigen Elektronengehirns, das die Übersetzungen sämtlicher Sprachen im Hospital durchführte. Und dieser Computer arbeitete seit der Evakuierung nur noch mit einem kleinen Bruchteil seiner vollen Leistungsfähigkeit. Dermod, der Flottenkommandant, hatte angeordnet, die dadurch freien Kapazitäten für die Berechnungen taktischer und logistischer Probleme zu nutzen. Trotz der Versicherung des Monitorkorps, die Übersetzungsfähigkeit des Computers würde dadurch kaum beeinträchtigt, waren die beiden Schwestern mit dieser Regelung nicht ganz einverstanden. So gaben sie zu bedenken, was geschehen könnte, falls alle gleichzeitig reden würden.

Conway wollte den beiden am liebsten antworten, daß das Personal seiner Meinung nach sowieso permanent redete, besonders die Schwestern und Pfleger, so daß dieses Problem schon längst hätte auftreten müssen, doch ihm fiel keine taktvolle Formulierung ein und er sagte deshalb vorsichtshalber nichts.

Eine Stunde verging, ohne daß etwas passierte, jedenfalls soweit es das Hospital betraf. Es hatte keine Treffer erhalten, und es gab keinerlei Anzeichen für einen Einsatz der schweren Waffen, mit denen das Hospital ausgerüstet worden war. Die diensthabenden Schwestern wurden von der nächsten Schicht abgelöst, die diesmal aus drei Tralthanerinnen und drei Terrestrierinnen bestand, und die Oberschwester war Murchison. Conway machte es sich gerade zu einem sehr netten Schwatz gemütlich, als von der Sirene ein tiefer, leicht höhnischer Dauerton kam. Der Angriff war vorbei.