Als er Murchison aus dem Anzug helfen wollte, meldete sich die Übertragungsanlage mit einem Summen zu Wort.
„Achtung, Achtung!“ sagte eine Stimme in dringlichem Ton. „Doktor Conway möchte bitte unverzüglich zu Schleuse fünf kommen.“
Wahrscheinlich ein Verwundeter, dachte Conway. Einer, bei dem sie sich nicht sicher sind, wie sie ihn transportieren sollen… Aber dann richtete die Übertragungsanlage ohne Zwischenpause gleich die nächste Nachricht aus.
„. Doktor Mannon und Major O’Mara möchten bitte sofort zu Schleuse fünf kommen.“
Was konnte denn bloß an Schleuse fünf los sein, daß es die Dienste von zwei Chefärzten und dem Chefpsychologen benötigte? fragte sich Conway und beeilte sich.
Mannon und O’Mara hatten sich bereits in der Nähe der Schleuse fünf aufgehalten und trafen dort deshalb etwas eher als Conway ein. Als er schließlich zu ihnen stieß, befand sich in der Schleusenvorkammer außer Mannon und O’Mara noch eine dritte Person, die einen schweren Anzug trug, deren Helm zurückgeklappt war. Der Neuankömmling hatte angegrautes Haar, ein dünnes, faltiges Gesicht, und sein Mund glich einem müden, farblosen Strich. Dieser harte Gesamteindruck wurde allerdings durch die sanftesten braunen Augen aufgewogen, die Conway je bei einem Menschen gesehen hatte. Auch die Rangabzeichen auf seinem Kragen waren reicher ausgeschmückt als alle anderen, die Conway bisher gekannt hatte. Der ranghöchste Offizier des Monitorkorps, mit dem Conway es bislang zu tun gehabt hatte, war ein Colonel gewesen, trotzdem wußte er instinktiv, daß dieser Mann nur Flottenkommandant Dermod sein konnte.
O’Mara salutierte, und sein Gruß wurde ebenso korrekt erwidert. Mannon und Conway dagegen erhielten jeder einen Händedruck, wobei sich der Flottenkommandant für seine Handschuhe entschuldigte. Dann kam Dermod direkt zur Sache.
„Ich bin kein Befürworter von Geheimnistuerei, wenn sie keinem wichtigen Zweck dient“, fing er steif an. „Sie haben sich dafür entschieden hierzubleiben, um sich um unsere Verwundeten zu kümmern, und deshalb haben Sie auch ein Recht, über die Vorgänge unterrichtet zu werden, egal, ob es sich dabei um gute oder um schlechte Nachrichten handelt. Da Sie zum ranghöchsten terrestrischen medizinischen Personal gehören, das sich noch im Hospital aufhält, und wissen, wie sich Ihre Mitarbeiter in den verschiedensten Fällen wahrscheinlich verhalten werden, muß ich es Ihnen überlassen, ob Sie diese Information öffentlich bekannt machen oder nicht.“
Während er das sagte, hatte er O’Mara angesehen. Jetzt bewegten sich seine Augen schnell zu Mannon, dann zu Conway, und schließlich wieder zurück zu O’Mara. „Es hat einen Angriff gegeben, einen völlig erstaunlichen Angriff, weil er auf der ganzen Linie gescheitert ist“, fuhr er fort. „Wir haben keinen einzigen Mann verloren, die feindliche Streitmacht dagegen ist vollkommen vernichtet worden. Anscheinend hatten die keinen blassen Schimmer von taktischer Kriegsführung oder. oder von wer weiß was. Wir hatten einen der üblichen Angriffe erwartet, die allesamt äußerst brutal und ohne Rücksicht auf Verluste geführt worden waren und die wir nur unter Aufbietung aller Kräfte zurückschlagen konnten. Dieser letzte Angriff aber war das reinste Massaker.“
Conway stellte fest, daß Dermods Stimme und der Blick in seinen Augen keinerlei Freude über den Sieg widerspiegelten.
„. und deshalb haben wir die feindlichen Schiffstrümmer schneller als sonst nach Überlebenden durchsuchen können. Denn normalerweise sind wir so mit dem Lecken unser eigenen Wunden beschäftigt, daß keine Zeit für die Suche nach Überlebenden bleibt. Wir haben zwar keinen einzigen Überlebenden gefunden, dafür aber.“
Der Flottenkommandant brach den Satz ab, als zwei Monitore mit einer zugedeckten Tragbahre durch die Innentür der Schleuse kamen. Als Dermod nun fortfuhr, blickte er Conway direkt in die Augen.
„Sie sind ja auf Etla gewesen, Doktor, und werden sofort die darin liegende Bedeutung erkennen“, sagte er. „Und gleichzeitig denken Sie vielleicht auch daran, daß wir von einem Feind angegriffen werden, der sämtlichen Verhandlungen oder Verständigungsversuche ablehnt, einem Feind, der wie von fanatischem Haß besessen kämpft und bis jetzt nur einen begrenzten Krieg gegen uns führt. Aber zuerst sollten Sie sich das hier ansehen.“
Als die Decke von der Tragbahre zurückgezogen wurde, sagte eine lange Zeit niemand etwas. Auf der Tragbahre lagen die zerfetzten, grausigen Überreste eines früher einmal lebendigen, denkenden und fühlenden Wesens, das man wegen seiner schweren Verstümmelungen nicht einmal mehr mit einiger Genauigkeit klassifizieren konnte. Aus den sterblichen Überresten war jedoch noch zu erkennen, daß dieses Wesen weder jetzt noch früher einmal ein Mensch gewesen war.
Der Krieg breitet sich immer weiter aus, dachte Conway betrübt.
18. Kapitel
„Seit die Vespasian Etla verlassen hat, haben wir unsere Agenten ins Imperium einzuschleusen versucht“, setzte Dermod seine Ausführungen fort. „Und bislang haben wir acht Gruppen erfolgreich hineingeschmuggelt, davon eine auf dem Hauptplaneten selbst. Unsere Informationen bezüglich der öffentlichen Meinung und der sie steuernden Propagandamaschinerie sind recht zuverlässig.
Uns ist bekannt, daß wegen der Etla-Geschichte oder vielmehr wegen der von uns dort angeblich begangenen Greueltaten die Stimmung der Bevölkerung hohe Wellen gegen uns schlägt“, fuhr er fort. „Doch dazu komme ich später. Denn die jüngste Entwicklung, von der ich Ihnen jetzt berichten werde, macht die Sache für uns noch viel schlimmer.“
Wie Dermod weiterhin erläuterte, hatte die Regierung des Imperiums öffentlich verkündet, das Monitorkorps sei auf Etla einmarschiert, und die Planetenbewohner seien unter dem Vorwand medizinischer Hilfeleistung herzlos als Versuchskaninchen für verschiedenste bakteriologische Waffentests mißbraucht worden. Untrüglicher Beweis dafür sei, daß die etlanische Bevölkerung nur wenige Tage nach dem Abflug des Monitorkorps an einer ganzen Reihe verheerender Seuchen litt. Solch ein herzloses und unmenschliches Verhalten dürfe auf keinen Fall ungesühnt bleiben, und der Imperator sei sich sicher, alle Bürger des Imperiums stünden wie ein Mann hinter den von ihm getroffenen Entscheidungen.
Den imperialen Quellen zufolge ließen es die Informationen, die man von einem gefangengenommenen Agenten der Invasoren erhalten hatte, ganz klar zu Tage treten, daß das Verhalten des Monitorkorps auf Etla nicht das einzige Beispiel für die schamlose Brutalität dieser Verbrecher sei. Die Invasoren hatten demnach die ganze Sache auf Etla eingeleitet, indem sie erst einmal einen Extraterrestrier auf diesen bedauernswerten Planeten vorgeschickt hatten. Dabei handelte es sich angeblich um ein dummes, harmloses Wesen, das vor der Landung der Invasoren die Verteidigungsanlagen des Planeten testen sollte. Als die Eindringlinge später mit den Behörden auf Etla Kontakt aufnahmen, stritten sie jede Bekanntschaft oder Verbindung mit diesem Lebewesen ab, das ihnen lediglich als Werkzeug diente. Inzwischen hatte sich herausgestellt, daß die Invasoren von solchen fremdartigen Lebensformen regen Gebrauch machten und diese nicht nur als Diener und Versuchstiere benutzten, sondern wahrscheinlich auch als Nahrung.
Die Invasoren unterhielten ein gewaltiges Gebäude, eine Mischung aus Militärstützpunkt und Labor, das sie selbst als Orbit Hospital bezeichneten, in dem sie aber selbstverständlich nichts anderes als ähnliche Greueltaten wie auf dem Planeten Etla verübten. Der Agent der Invasoren, dem man mit List die Raumkoordinaten dieses Stützpunktes entlockt hatte, hatte nämlich die dortigen Vorgänge gestanden. Anscheinend herrschten die Invasoren über eine große Anzahl unterschiedlicher fremdartiger Spezies, und auf diesem Stützpunkt entwickelten sie die Methoden und Waffen, mit denen sie die Wesen in Sklaverei hielten.
Der Imperator erklärte, er habe den festen Willen, ja halte es sogar für seine Pflicht, seine Streitkräfte zur Niederschlagung dieser üblen Tyrannei einzusetzen. Darüber hinaus war er der Meinung, nur Streitkräfte des Imperiums in den Krieg zu schicken, weil er zu seiner Schande eingestehen müsse, daß die Beziehungen zwischen dem Imperium und der innerhalb dessen Einflußsphäre stehenden fremdartigen Planeten nicht immer so herzlich gewesen seien, wie sie es eigentlich hätten sein sollen. Falls allerdings irgendeine dieser früher vom Imperium möglicherweise beleidigten Spezies freiwillig ihre Hilfe anbieten wolle, würde er sie keinesfalls zurückweisen.