erreichte er überhaupt irgend etwas. Schließlich machte er den Tralthanerinnen verständlich — so hoffte er jedenfalls —, die Verwundeten auf die Station zu begleiten und dort alles in ihrer Macht stehende für sie zu tun.
Die Station vier B wurde fast vollständig von Verwundeten der Klassifikation FGLI in Anspruch genommen, und auch der Großteil des Personals bestand aus Tralthanern. Trotz des gegenwärtigen Ausfalls des Übersetzungscomputers konnten also einige Patienten von gleichsprachigen Schwestern beruhigt werden. Conway weigerte sich, an die restlichen Verwundeten zu denken, die diesen Vorteil nicht hatten — schließlich waren ihm Thornnastors Stationen zugewiesen worden, und er konnte nicht alles gleichzeitig erledigen.
Als er in O’Maras Büro eintraf, war der Major nicht da. Sein Assistent Carrington erklärte ihm, daß der Chefpsychologe zur Zeit vollauf damit beschäftigt sei, Patienten und Personal derselben Spezies so gut wie möglich zusammenzuspannen. Er wolle Conway allerdings sofort sprechen, sobald dieser die Arbeit auf den Tralthaner-Stationen erledigt hätte. Carrington fügte noch hinzu, Conway möge sich doch bitte entweder im Büro zurückmelden oder an seinem momentanen Aufenthaltsort bleiben, denn die Kommunikationssysteme wären ausgefallen oder von dem Kauderwelsch überlastet, das sich die ETs einander zubrüllten. Andernfalls könnte ihn der Major nicht finden. Zehn Minuten später hatte Conway das benötigte Band im Kopf gespeichert und befand sich wieder auf dem Weg zu Station vier B.
Da er es schon des öfteren mit FGLI-Bänder zu tun hatte, kannte er deren relativ harmlose Auswirkungen. Er fühlte sich etwas unwohl dabei, mit nur zwei Füßen statt sechs gehen zu müssen, und verspürte den Drang, einem sich bewegenden Gegenstand nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf zu folgen. Wie breit sich sein tralthanischer Gehirnpartner aber schon gemacht hatte, merkte Conway erst auf der Station. Ab sofort waren die Bettreihen mit tralthanischen Patienten sein nächstes und dringendstes Anliegen, während sich nur ein kleiner Teil seines Gehirns für die Probleme der offenbar kurz vor einer Panik stehenden tralthanischen Schwestern interessierte. Aus irgendeinem seltsamen Grund konnte er deren Äußerungen sowieso nicht verstehen, und für die terrestrischen Schwestern — mickerige, unförmige und abstoßende Schachteln — empfand er nichts als Ungeduld.
Er begab sich zu einer Gruppe dieser unförmigen und abstoßenden Wesen hinüber — obwohl für den menschlichen Teil seines Gehirns einige davon wirklich ausgesprochen attraktiv und wohlgeformt wirkten — und sagte: „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Ich hab zwar ein tralthanisches Band im Kopf gespeichert, durch das ich diese FGLIs behandeln kann, aber wegen des Translatorausfalls kann ich mich weder mit den Patienten noch mit den tralthanischen Schwestern verständigen. Deshalb müssen Sie mir bei den Voruntersuchungen und später im Operationssaal helfen.“
Die Schwestern starrten ihn entsetzt an. Ihre Angst legte sich allerdings schnell, weil ihnen endlich wieder eine verantwortliche Person Anweisungen erteilte, obwohl er etwas Unmögliches von ihnen verlangt hatte — schließlich lagen auf dieser Station siebenundvierzig Patienten der Klassifikation FGLI, von denen allein acht Neuankömmlinge waren, die sofort versorgt werden mußten. Die terrestrischen Schwestern waren aber lediglich zu dritt.
„Sie können sich jetzt nicht mehr mit den tralthanischen Schwestern unterhalten“, fuhr Conway nach kurzem Zögern fort. „Aber da sie das gleiche System medizinischer Aufzeichnungen wie wir anwenden, kann man sich sicherlich irgendeine Verständigungsmethode ausdenken. Natürlich wird das nur langsam und umständlich funktionieren, aber Sie müssen den Tralthanerinnen irgendwie unser Tun klarmachen und sie zur Mithilfe bringen. Fuchteln Sie mit den Armen, machen Sie Zeichnungen. Und vor allem, benutzen Sie Ihren klugen Kopf.“
Zu so einer Zeit auch noch Schmeicheleien, schämte sich Conway. Aber das war nun einmal alles, was ihm in diesem Moment einfiel. Er war eben kein Psychologe wie O’Mara.
Er hatte gerade vier der dringendsten Fälle behandelt, als Mannon mit einem weiteren FGLI eintraf, der auf einer durch Magneten am Boden haftenden Tragbahre lag. Bei dem Patienten handelte es sich um Thornnastor, und es war auf den ersten Blick zu sehen, daß der Diagnostiker noch für lange Zeit außer Gefecht gesetzt sein würde.
Mannon erläuterte rasch die Einzelheiten der Verletzungen Thornnastors und welche Erste-Hilfe-Maßnahmen er bereits eingeleitet hatte. Dann fuhr er fort: „Als ich von Ihrem Behandlungsmonopol für Tralthaner erfahren hab, dachte ich, die postoperative Pflege von Thornnastor sollten lieber Sie in die Hand nehmen. Außerdem ist das hier die normalste und ruhigste Station im ganzen Hospital. Verdammt! Was ist bloß Ihr Geheimnis? Knabenhafter Charme, glänzende Ideen? Oder haben Sie etwa Zugang zu irgendeinem eingeschmuggelten Translator?“
Conway erklärte, welchen Versuch er zur Lösung der Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Schwestern der verschiedenen Spezies geplant hatte.
„Normalerweise hab ich was gegen Ärzte und Schwestern, die während einer Operation Notizen austauschen“, sagte Mannon. Sein Gesicht war grau vor Erschöpfung und sein Bemühen um Humor kaum mehr als ein bedingter Reflex. „Aber bei Ihnen scheint es ja zu funktionieren. Gut, ich erzähle die Idee weiter.“
Sie manövrierten Thornnastors gewaltigen Körper in eins der gepolsterten Gestelle, die man im schwerelosen Zustand als Betten für die FGLIs verwendete, und dann erzählte Mannon: „Ich hab auch ein FGLI-Band gespeichert. Das hab ich für Thorny hier gebraucht, und jetzt warten zwei QCQLs auf mich. Bis heute hatte ich überhaupt keine Ahnung von der Existenz solcher Lebewesen, aber glücklicherweise hat O’Mara das entsprechende Band. Das ist eine Arbeit, die man nur in einem Anzug erledigen kann, denn das schmierige Zeug, das diese Wesen atmen, bringt ohne Schutzvorkehrungen alles um, was läuft, krabbelt oder fliegt — natürlich außer den QCQLs selbst. Die beiden sind noch bei Bewußtsein, und ich kann nicht mal mit ihnen sprechen. Ich nehme an, ich werde noch eine Menge Spaß mit denen haben.“
Plötzlich sackten Mannons Schultern ab, und die Muskeln, die die Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen hatten, gaben den Kampf auf. „Hoffentlich fällt Ihnen irgendwas ein, Conway“, sagte er dumpf. „In Stationen wie dieser, wo die Patienten und ein paar von den Schwestern zur gleichen Klassifikation gehören, ist es ja gar nicht so schlimm mit der Verständigung. Das heißt natürlich nur relativ. Aber um andere Stationen, auf denen die Verwundeten und das Personal völlig gemischt sind und wo etliche medizinische Mitarbeiter selbst schon zu Opfern des Bombardements geworden sind, ist es wirklich schlimm bestellt.“
Conway hatte das Bombardement wahrgenommen — eine ständige, unregelmäßige Folge von Einschlägen, die durch das Metall des Hospitalgebäudes übertragen wurden, als ob jemand auf einen mißtönenden Gong geschlagen hätte. Er hatte diese entsetzlichen Geräusche gehört und versuchte nun, nicht daran zu denken. Denn er wußte, daß die Mitarbeiter des Hospitals jetzt selbst zu Verwundeten wurden, und einige der Kriegsopfer, um die sich das Personal bereits gekümmert hatte, wurden jetzt zum zweitenmal zu Opfern.
„Das kann ich mir vorstellen“, entgegnete Conway mit grimmiger Miene. „Aber ich hab schon reichlich damit zu tun, mich um Thornnastors Stationen zu kümmern.“
„Wir alle haben reichlich zu tun!“ erwiderte Mannon in scharfem Ton. „Aber irgend jemand wird sich schleunigst etwas einfallen lassen müssen!“
Was soll ich denn Ihrer Meinung nach unternehmen? dachte Conway wütend, wobei er die Augen auf den Rücken des hinausgehenden Mannon heftete. Dann wandte er sich dem nächsten Patienten zu.
In den letzten paar Stunden war etwas ausgesprochen Merkwürdiges in Conways Kopf vorgegangen. Zunächst hatte er das immer stärkere Gefühl gehabt, beinahe zu wissen, was die tralthanischen Schwestern auf der Station sagten. Das schrieb er jedoch dem in seinem Kopf gespeicherten FGLI-Band zu, das die komplette Aufzeichnung des gesamten Gedächtnisses eines angesehenen Physiologen dieser Spezies darstellte. Es hatte ihm anscheinend neben dem Fachwissen auch eine Menge Kenntnisse über tralthanische Denkweisen und Ausdrücke vermittelt, die sich in Stimme und Gesichtsausdrücken widerspiegelten. Diesen Effekt hatte er zuvor noch niemals wahrgenommen — wahrscheinlich, so vermutete er, weil er es noch nie in einer so kurzen Zeitspanne mit so vielen Tralthanern zu tun gehabt hatte und er ansonsten ja immer einen Translator mit sich führte. Die Beschäftigung mit zum größten Teil tralthanischen Patienten hatte offenbar dazu geführt, daß die in seinem Kopf gespeicherte Persönlichkeit des FGLIs auf Kosten seiner natürlichen Eigenschaften stärker in den Vordergrund trat.