„Der Flottenkommandant will sich mit uns in vier Stunden zu einer Besprechung treffen“, fuhr O’Mara fort. „Also lassen Sie sich bis dahin nicht auf irgendwelche neuen Fälle ein. Es läuft jetzt sowieso alles ziemlich reibungslos ab, deshalb können Sie es sich ruhig leisten, eine Zeitlang zu faulenzen. Ich selbst werde mich jetzt schlafen legen. Ende.“
Doch Conway empfand es als äußerst schwierig, vier Stunden mit Nichtstun zu verbringen. Die Hauptkantine war von Monitoren völlig überfüllt. Dabei handelte es sich in erster Linie um Mitglieder der Projektormannschaften, die zur Verteidigung der Außenwand des Orbit Hospitals eingesetzt wurden, und der Ersatzcrews für die Verteidigungsschiffe, sowie um Wartungstechniker und Angehörige der Sanitätsdivisionen, die das zivile medizinische Personal ergänzten. Die Unterhaltung war laut, nervös und ein wenig zu ausgelassen und drehte sich um die vergangenen und möglichen zukünftigen Aspekte des Angriffs.
Anscheinend war die Streitmacht des Monitorkorps praktisch bis an die Außenwand des Hospitals zurückgedrängt worden, als eine ET-Streitmacht von freiwilligen Illensanern direkt hinter den feindlichen Angriffslinien aus dem Hyperraum aufgetaucht war. Die illensanischen Schiffe waren riesig und wirkten aufgrund ihrer unförmigen Konstruktion wie Großkampfschiffe, obwohl sie nur die Bewaffnung eines leichten Kreuzers besaßen. Und der Anblick von zehn dieser aus dem Nichts herausspringenden Schiffe hatte den Feind vollkommen aus dem Konzept gebracht. Die Streitmacht des Angreifers hatte sich zur Neuformierung vorübergehend zurückgezogen, und die Monitore, die nichts mehr besaßen, was sie hätten neu formieren können, konzentrierten sich auf die Verstärkung der Bewaffnung ihrer letzten Verteidigungslinie, dem Hospital selbst. Obwohl Conway die Geschichte im selben Maße wie alle anderen im Raum anging, verspürte er eine Abneigung dagegen, sich an diesen fröhlich-makaberen Gesprächen zu beteiligen.
Seit O’Mara sämtliche Physiologiebänder aus seinem Kopf gelöscht und ihn anschließend einer Hypnosebehandlung unterzogen hatte, waren alle Alpträume und sämtliche von Conway erlangten ET-Sprachkenntnisse verschwunden, so daß er sich auch kein freundliches Gespräch mit einem der ETs gönnen konnte, die über den ganzen Raum verstreut saßen. Die terrestrischen Schwestern waren allesamt von Monitoren in Beschlag genommen worden — normalerweise in einem Verhältnis von zehn oder zwölf zu eins, was offensichtlich auf beiden Seiten die Moral hob. Conway aß schnell und verließ die Kantine wieder, weil er das Gefühl hatte, daß seine eigene Moral ebenfalls dringend einer Aufbesserung bedurfte.
Aus diesem Grund fragte er sich plötzlich, ob Murchison im Dienst war, frei hatte oder schlief. Sollte sie schlafen, konnte er nichts tun. Sollte sie jedoch Dienst haben, dann könnte er sie sehr schnell davon befreien, und wenn sie sowieso schon frei hatte.
Seltsamerweise bereitete ihm dieser schamlose Amtsmißbrauch für eigene egoistische Zwecke nur äußerst geringe Gewissensbisse. In Kriegszeiten lockert sich eben die Bindung der Leute an Berufs- und Moralkodex, sagte er sich. In moralischer Hinsicht schien er jedenfalls immer mehr vor die Hunde zu gehen.
Doch er mußte sein verbrecherisches Vorhaben gar nicht in die Tat umsetzen, denn Murchison machte gerade Feierabend, als er auf ihrer Station eintraf. In genau dem gleichen lauten und ausgelassenen Ton, den er in der Kantine noch für künstlich und unangebracht gehalten hatte, fragte er sie, ob sie schon eine andere Verabredung habe, schlug dann ein Treffen vor und murmelte schließlich irgend etwas furchtbar Banales über immer nur Arbeit und nie Vergnügen.
„Eine andere Verabredung. Vergnügen.! Aber ich will doch nur schlafen!“ protestierte Murchison. Dann fuhr sie in einem verbindlicheren Ton fort: „Sie können doch nicht. Ich meine, wo sollten wir denn hingehen, und was könnten wir überhaupt machen? Das Hospital ist doch nur noch ein einziger Trümmerhaufen. Müßte ich mich denn umziehen?“
„Der Freizeitbereich existiert noch“, entgegnete Conway. „Und Sie sehen sowieso toll aus.“
Die vorgeschriebene, enganliegende blaue Schwesterntracht bestand aus einer Hemdbluse und einer Hose, die allerdings wirklich sehr eng waren, um das An- und Ablegen des Schutzanzugs zu erleichtern. Zwar schmeichelte diese Uniform Schwester Murchison durchaus, trotzdem sah sie wirklich sehr erschöpft aus. Als sie den breiten, weißen Gürtel und die Instrumententaschen abnahm und Haube und Haarnetz absetzte, entfuhr Conway aus tiefer Kehle ein bewunderndes Knurren, das sofort in einen Hustenanfall überging, weil sein Hals von der Erzeugung der ET-Laute immer noch empfindlich war.
Murchison lachte, schüttelte sich das Haar aus und rieb sich etwas Farbe in die Wangen. Dann fragte sie ihn strahlend: „Versprechen Sie mir, daß Sie mich nicht zu lange ausführen.?“
Es war schwierig, auf dem Weg zum Freizeitbereich nicht über die Arbeit zu sprechen. Denn viele Abteilungen des Hospitals hatten Lecks durch den Beschuß und Druck verloren, weshalb die noch belegbaren Ebenen völlig überfüllt waren, und es gab auch kaum noch einen mit Luft gefüllten Korridor, der nicht mit Patienten belegt war. Niemand hatte solche Verhältnisse vorhersehen können, weil man nicht damit gerechnet hatte, daß der Feind lediglich in einen begrenzten Krieg mit dem Hospital treten würde. Wären nämlich Nuklearwaffen zum Einsatz gekommen, hätte es gar keine Überfüllung geben können — und möglicherweise auch kein Orbit Hospital mehr. Conway hörte Murchison die meiste Zeit überhaupt nicht zu, aber sie schien es gar nicht zu bemerken — vielleicht deshalb, weil sie ihm ebenfalls nicht zuhörte.
Der Freizeitbereich war ihrer Erinnerung nach in allen Einzelheiten derselbe geblieben, diese Einzelheiten selbst hatten sich jedoch im gesamten Bereich auf dramatische Weise verändert. Da der Schwerpunkt des Hospitals über dem Freizeitbereich lag, war die — wenn auch sehr geringe — Anziehungskraft nach oben gerichtet. Daher hatten sich sämtliche nicht befestigte Materialien, die sich normalerweise auf dem Boden oder in der Bucht befanden, an der Decke gesammelt und bildeten dort ein durchsichtiges, kunterbuntes Gemisch aus mit Sand durchsetztem Wasser, Luftlöchern und herabhängenden riesigen Wassertropfen, durch das die überschwemmte Sonne in einem tiefen, satten Violett schien.
„Oh, das ist aber hübsch!“ sagte Murchison. „Und irgendwie auch sehr erholsam.“
Die Beleuchtung verlieh ihrer Haut eine warmen, dunklen Teint, den Conway vollkommen unbeschreiblich, aber hinreißend schön fand. Murchisons Lippen hatten einen weichen, ins Schwarze übergehenden Violetton, waren leicht geöffnet und entblößten so die scheinbar von innen heraus leuchtenden Zähne. Ihre Augen waren groß und geheimnisvoll und strahlten.
„Der richtige Ausdruck ist romantisch“, entgegnete Conway.
Sie katapultierten sich vorsichtig in den gewaltigen Raum hinein und auf das Restaurant zu. Unter ihnen zogen die Baumkronen vorbei, und sie trieben durch Nebelwölkchen, die aus kühlendem Dampf bestanden, der von der warmen „Unterwassersonne“ erzeugt wurde und der ihre Arme und Gesichter mit Feuchtigkeit benetzte. Conway ergriff Murchisons Hand und hielt sie sanft fest, doch ihre Fluggeschwindigkeiten entsprachen sich nicht ganz genau, und sie begannen sich um ihren gemeinsamen Schwerpunkt zu drehen. Conway winkelte langsam den Arm an und zog Murchison zu sich heran, wodurch sich ihre gemeinsame Drehung beschleunigte. Dann schob er den anderen Arm um ihre Taille und zog sie noch näher zu sich.
Anfangs wollte Murchison protestieren, aber dann küßte sie ihn plötzlich — es war herrlich — und schmiegte sich genauso fest an ihn wie er sich an sie, und der leere Strand, die Felsen und der violette, wässerige Himmel wirbelten wild um sie herum.