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Conway hatte inzwischen einen solchen Grad der Erschöpfung erreicht, daß er sich überhaupt nicht mehr müde fühlte. Das metallene Krachen und Getöse einschlagender Raketen war längst zu einem monotonen Hintergrundgeräusch geworden. Er wußte natürlich, daß sich der Raketenhagel stetig durch die Außen- und Innenwände voranfraß, eine tödliche Erosion, die eigentlich bald sämtliche Korridore und Stationen zum All hin öffnen mußte, aber sein Gehirn hatte jegliche Reaktion auf den Lärm längst aufgegeben. Wenn Verwundete eingeliefert wurden, traf er zwar die erforderlichen Maßnahmen, doch waren seine Reaktionen nur noch die bedingten Reflexe eines Arztes. Er hatte viel von seiner Fähigkeit verloren zu denken, zu fühlen oder sich zu erinnern. Und wenn er sich einmal an etwas erinnerte, dann konnte er es zeitlich überhaupt nicht mehr einordnen. Insbesondere der vorletzte ET-Fall, der das Speichern von vier Physiologiebändern erforderlich gemacht hatte, ragte dabei aus der ermüdenden, blutigen, lärmenden Eintönigkeit heraus, genauso die Ankunft der Verwundeten von der Vespasian. Aber Conway hatte keine Ahnung, ob das nun drei Tage oder drei Wochen her war, oder welches der beiden Ereignisse zuerst geschehen war.

An den Vorfall mit der Vespasian erinnerte sich Conway oft. Damals mußte er Major Stillman aus seinem lädiertem Anzug herausschneiden und die widerspenstig um das Bett herumschwebenden Fetzen beiseite schieben. Stillman hatte zwei gebrochene Rippen, einen zerschmetterten Oberarmknochen und eine leichte Dekompression, die vorübergehend sein Sehvermögen beeinträchtigte, und er erkundigte sich immer wieder nach dem Captain, bis die Narkose endlich wirkte.

Captain Williamson selbst erkundigte sich immer wieder nach seinen Männern. Williamson lag vom Kopf bis zu den Füßen in Gips, hatte jedoch nur sehr geringe Schmerzen und erinnerte sich sofort an Conway. Er hatte eine große Besatzung gehabt und mußte jedes einzelne Besatzungsmitglied mit Namen kennen; Conway waren diese Namen aber nicht bekannt.

„Stillman liegt auf Ihrer rechten Seite drei Betten weiter“, hatte er Williamson erzählt. „Und es liegen auch noch andere Besatzungsmitglieder hier, über die ganze Station verteilt.“

Williamsons Augen wanderten über die über ihm hängenden Patienten, denn die Augen waren das einzige, was er bewegen konnte. „Da sind einige dabei, die ich nicht wiedererkenne“, sagte er.

Während Conway damals auf die blauen Flecke um Williamsons rechtem Auge, an der Schläfe und Kinnlade blickte, wo das Gesicht gegen die Innenseite des Helms geprallt war, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen und erwiderte: „Einige von denen würden Sie auch nicht wiedererkennen.“

Conway erinnerte sich auch an den Fall mit dem zweiten TRLH.

Er war auf einer Druckbahre hereingebracht worden, deren integrierter Atmosphäreaggregat deren Hülle bereits mit dem Gift gefüllt hatte, das der Insasse als Luft bezeichnete. Da sowohl das Druckzelt als auch der Anzug des TRLHs durchsichtig waren, traten die Verletzungen des Patienten deutlich zutage — es handelte sich dabei um eine große, eingedrückte Panzerfraktur, durch die die darunter befindlichen Blutgefäße durchtrennt worden waren. Und weil der Patient offensichtlich verblutete, blieb Conway keine Zeit zum Einspielen der Physiologiebänder, die er für den vorherigen TRLH-Fall noch benutzt hatte. Conway gab durch ein Nicken zu verstehen, die Trage auf der freigeräumten Stelle in der Mitte des Bodens zu befestigen, und wechselte schnell die Anzug- gegen die Tragbahrenhandschuhe. Von den an der Decke angebrachten Betten aus wurde jede einzelne seiner Bewegungen beobachtet.

Er lud die Handschuhe statisch auf und drückte die Hände gegen den durchhängenden transparenten Stoff des Druckzelts. Das leichte, aber strapazierfähige Material wurde sofort gummiartig und elastisch, allerdings ohne dabei etwas von seiner Festigkeit zu verlieren. Der Stoff schmiegte sich an die statisch aufgeladenen Handschuhe an, wenn auch vielleicht nicht ganz wie eine zweite Haut, so doch wenigstens wie ein zweites Paar dünner Handschuhe. Mit im Innern der Trage festgeklemmten Instrumenten entfernte Conway den Anzug des Patienten mit äußerster Vorsicht, um den Stoff nicht zu stark zu strapazieren, der die zwei tödlichen Atmosphären voneinander trennte.

Bei der Arbeit mit einem elastischen Druckzelt waren durchaus auch komplizierte Operationstechniken möglich — das hatte Conway durch Eingriffe bei mehreren PVSJs und einem QCQL, die nur ein paar Betten weiter lagen, bereits zuvor bewiesen —, aber durch die im Zelt zur Verfügung stehenden Instrumente und Medikamente und die leichte Behinderung durch den Stoff waren seinen Möglichkeiten natürlich klare Grenzen gesetzt.

Als er jedenfalls gerade die Panzersplitter aus dem verletzten Bereich entfernen wollte, ließ der Knall eines nahen Raketeneinschlags den Boden erbeben. Ein paar Minuten später läutete die Alarmglocke für Druckabfall, und Murchison und der kelgianische Militärarzt, die zusammen mit Conway das gesamte Personal auf dieser Station darstellten, rannten sofort los, um die Verschlüsse der Druckzelte von denjenigen Patienten zu überprüfen, die dazu selbst nicht in der Lage waren. Zwar handelte es sich nur um einen leichten Druckverlust, wahrscheinlich um ein kleines Leck, das durch zerrissene Außenwandverschalung verursacht worden war, aber für Conways derzeitigen Patienten im Druckzelt konnte das schon tödlich sein. Deshalb arbeitete Conway von da an mit noch größerer Geschwindigkeit als zuvor.

Doch während er sich bemühte, die geschädigten Blutgefäße abzuklemmen, hatte sich der dünne, strapazierfähige Stoff des Druckzelts langsam aufgebläht. Dadurch war das Halten der Instrumente immer schwieriger und das exakte Führen praktisch unmöglich geworden, und darüber hinaus wurden Conways Hände auch noch vom Operationsfeld weggedrückt. Der Druckunterschied zwischen dem Innern des Zelts und der Station betrug zwar nur wenige Atmosphären, gerade soviel, daß es in Conways Ohren knackte, doch die Hülle des Druckzelts wölbte sich immer weiter. Er mußte hilflos von der Trage zurücktreten und konnte die Arbeit erst eine halbe Stunde später fortsetzen, nachdem man das Leck abgedichtet hatte und so der normale Druck wiederhergestellt worden war. Doch diese halbe Stunde war einfach zu viel gewesen.

Conway erinnerte sich an eine plötzliche Beeinträchtigung des Sehvermögens und an die schlagartige Überraschung, als er sich bewußt wurde, daß er weinte. Natürlich war ihm klar, daß Tränen kein medizinisch bedingter Reflex waren, weil man als Arzt einfach nicht um seine Patienten weinte. Schuld daran war wahrscheinlich eine Kombination aus dem Ärger über den Verlust seines Patienten, den er wirklich nicht hätte verlieren dürfen, und seiner extremen Erschöpfung. Und als er damals in die Gesichter all der Patienten gesehen hatte, von denen er die ganze Zeit beobachtet worden war, hatte er sich seiner Tränen furchtbar geschämt.

Jetzt waren die Geschehnisse um ihn herum nur noch als ruckartige, ziellose Bewegungen wahrzunehmen. Conway hatte die Augen geschlossen gehalten, und es verstrichen mehrere Sekunden oder Minuten, bevor er sich dazu aufraffen konnte, sie wieder zu öffnen — obwohl für ihn selbst natürlich überhaupt keine Zeit vergangen war. Die Leichtverwundeten — Patienten mit Verletzungen, die es ihnen ermöglichten, sich innerhalb der Station zu bewegen und im Fall eines Lecks in der Außenwand schnell wieder in ihr Druckzelt zurückzukehren — gingen von Bett zu Bett und verrichteten die kleinen, notwendigen Arbeiten, plauderten mit anderen Patienten, die nicht aufstehen konnten, oder hingen wie unbeholfene Fischschwärme in der Luft, während sie sich miteinander unterhielten. Conway selbst mußte sich ständig um die neu eintreffenden Verwundeten kümmern und war zudem durch die vielen Physiologiebänder im Kopf zu verwirrt, um mit den schon länger anwesenden Patienten ein Gespräch zu führen. Meistens wanderten seine Augen zu den schlafenden Gestalten Murchisons und des Kelgianers hinüber, die nahe des Stationseingangs schwebten.