Der Systemrat hat angekündigt, dass er als Vorsichtsmaßnahme ein Programm zur Vorbereitung einer Reihe von Nuklearladungen durchführen wird, um damit den Kometen zu zerstören, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Um über diese Dinge zu diskutieren, bringen wir heute Abend ein Interview mit der Entdeckerin des Kometen, Miss Amber Hastings. Ehe wir damit beginnen, ist zu dem Interview eine Erklärung angebracht.
Miss Hastings befindet sich an Bord des Forschungsschiffes Admiral Farragut, das kürzlich auf dem Kometen gelandet ist. Da die Zeitverzögerung beim Funkverkehr mit dem Kometen immer noch gut vierzig Minuten beträgt, war es nicht möglich, das Interview in Realzeit durchzuführen. Deshalb übermittelten wir eine Reihe von Fragen, die Miss Hastings über Computersimulation gestellt wurden. Die Simulation passte sich im Folgenden an die Antworten an, genauso, wie es ein menschlicher Interviewer tun würde. Ich muss betonen, dass sie die Fragen nicht im Voraus kannte. Auf diese Weise haben wir die gleiche Reaktion erhalten, als wenn wir uns mit Miss Hastings im selben Raum befunden hätten. Miss Hastings Antworten wurden dann mit meinen Fragen zusammengeschnitten, woraus sich das folgende Interview ergeben hat.
(Das Bild wechselt; man sieht Ric Thompson nun halb von hinten. Er schaut auf einen Bildschirm, aus dem Amber Hastings herausblickt.)
THOMPSON: Guten Abend, Miss Hastings. Ich hoffe, wir haben Sie nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt.
HASTINGS: Ganz und gar nicht, Ric. Ich bin gerade dabei, meinen Raumanzug anzulegen und mit den für heute vorgesehenen Untersuchungen zu beginnen, aber für die Presse habe ich immer Zeit.
THOMPSON: Wie sieht es auf einem Kometen aus?
HASTINGS: Der Kern erinnert mich stark an meine Heimat Luna. Das Eis ist graubraun von dem kosmischen Staub, den es auf seiner Umlaufbahn um die Sonne im Laufe der Jahrmilliarden aufgesammelt hat. Wir befinden uns hier ziemlich nahe am Ringwall des größten Kraters, und man kann seine Kante im Norden über dem Horizont erkennen. Die Sonne ist ein heller Stern am Himmel. Ihr Anblick wird durch die Kometenkoma ein wenig getrübt.
THOMPSON: Koma?
HASTINGS: Die Hülle aus Gas und Staub, die den eigentlichen Kern umgibt. Die Koma ist die helle rundliche Wolke, die Sie auf Abbildungen von Kometen sehen.
THOMPSON: Wie man hört, handelt es sich bei dem Kern um eine Art von verirrtem Meteoriten, der die Erde Ende nächsten Jahres nahe passieren wird. Ist das richtig?
HASTINGS (nickt): Unsere Berechnungen lassen es als wahrscheinlich erscheinen, dass es dazu kommen wird. THOMPSON: Wie nahe wird er uns kommen?
HASTINGS (zögert einen Moment): Diese Frage ist schwer zu beantworten. Es sind dabei eine ganze Reihe von Unwägbarkeiten im Spiel. Wir nehmen an, dass der Komet sich der Erde mindestens bis auf einen Planetendurchmesser nähern wird.
THOMPSON: Wie viel ist das in Kilometer ausgedrückt?
HASTINGS: Ein Planetendurchmesser, das sind rund 12.500 Kilometer.
THOMPSON (lacht): Nun, das klingt gar nicht so schlecht. Ich wünschte, ich könnte meiner Schwiegermutter so weit aus dem Weg gehen!
HASTINGS: Im Maßstab des Sonnensystems ist das sehr nahe.
THOMPSON: Ja, das glaube ich Ihnen. Ihr Astronomen seid an den Umgang mit großen Zahlen gewöhnt, nicht wahr? Ich nehme an, der Systemrat arbeitet Pläne aus, um den Kometen zu sprengen, falls er zu nahe kommen sollte. Können Sie dazu einen Kommentar abgeben?
HASTINGS: Diese Frage müssen Sie schon dem Rat stellen. Es ist schon fast neun Monate her, dass ich das letzte Mal auf der Erde war, und wie Sie sich denken können, bin ich nicht mehr ganz auf dem Laufenden.
THOMPSON: Da ist noch eine Sache, die ich Sie gerne fragen würde, Miss Hastings. Ich nehme an, der Komet wird große Zerstörungen anrichten, falls er die Erde treffen sollte.
HASTINGS: Sehr große, Ric.
THOMPSON: Es wäre in etwa vergleichbar mit der Explosion einer Atombombe, nicht wahr?
HASTINGS: Ja.
THOMPSON: Ich frage mich … Wie würde es sich anhören?
HASTINGS (zwinkert verblüfft): Ich bitte um Verzeihung?
THOMPSON: Nun, ich habe gehört, dass manche Meteore einen Überschallknall hervorrufen, wenn sie die Atmosphäre durchfliegen. Andere erzeugen ein Geräusch wie reißendes Metall. Wenn Ihr Komet nun in irgendeinem Vorgarten landen sollte, worauf müssten unsere Zuschauer dann horchen?
HASTINGS: Es würde schwierig sein, es nicht zu hören, Ric. Der Einschlag eines Meteors von der Größe des Kometen Hastings würde das Geräusch von etwa einer Milliarde Donnerschläge hervorrufen!
THOMPSON: Und einschlagen wie ein Blitz, wie? Dann hoffen wir am besten, dass es nicht dazu kommt. Ich danke Ihnen, Miss Hastings. Und jetzt unterbrechen wir für eine Werbung.
(Nahaufnahme von Ric Thompson. Abblende zu Werbespot)
Amber und Tom Thorpe lagen nebeneinander auf dem Boden ihrer Kabine. Auch wenn die Schwerkraft des Kerns weniger als ein Prozent g betrug, war es doch zu viel, als dass sie wie unter Schwerelosigkeit an einem Haken an der Wand hängen konnten. Wer in der Vertikalen zu schlafen versuchte, dessen Schlaf wurde von Fallträumen heimgesucht. Sie sahen sich die Aufnahme von Ambers Interview mit TECN an. Als Thompson bei der Frage angelangt war, wie sich der Kern wohl anhören würde, wenn er auf die Erde stürzte, kam von Amber ein erstickter Laut.
»Das sollten sie doch herausschneiden!«, rief sie, als die Frage des Interviewers und ihre Antwort in den Äther hinausgingen. »Der Rat hat uns angewiesen, die Möglichkeit einer Kollision herunterzuspielen.«
»Ich schätze, da war jemandem ein gutes Interview wichtiger, als sich an die Anweisungen zu halten.«
»Verdammter Mist«, fluchte sie. »Dieser Computer hat mir bestimmt hundert Fragen gestellt. Ich fing an, müde zu werden, und konnte nicht glauben, dass man so albern fragen kann, wie es sich wohl anhören würde! Ich habe einfach mit dem Erstbesten zurückgeschossen, was mir in den Sinn gekommen ist.«
»Das ist nicht deine Schuld. Die sind es, die’s verbockt haben. Ich wette, der Systemrat springt im Dreieck.«
»Die werden mir bestimmt den Hintern versohlen wollen dafür!«
Thorpe lächelte und fuhr sich mit der Hand zärtlich über das erwähnte Körperteil. »Da bekommen sie es aber mit mir zu tun.«
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NACHRICHTENMELDUNG:
UNIVERSAL FAX, DEN HAAG, VEREINTES EUROPA -
1. Februar 2086 (Zur Verbreitung in AUSL, CHN, NORAM, SOAM, VREU, LUNA, XTERR)
WIE AUS GUT INFORMIERTEN KREISEN DES SYSTEMRATES VERLAUTET WIRD DER EISASTEROID KOMET HASTINGS, DER IN KÜRZLICH ERSCHIE-NENEN PRESSEBERICHTEN AUCH ALS ›DON-NERSCHLAG‹ BEZEICHNET WURDE, AM 17. JULI MIT DER ERDE ZUSAMMENSTOSSEN. EIN SPRECHER DES BÜROS DER CHEFKOORDINATORIN WEIGERTE SICH, EINEN OFFIZIELLEN KOMMENTAR ABZUGEBEN, BEZEICHNETE IM VERTRAULICHEN GESPRÄCH SOLCHE SPEKULATIONEN JEDOCH ALS »VOREILIG UND UNVER-ANTWORTLICH«. WÄHREND ER ZUGAB, DASS DIE MÖGLICHKEIT EINES SAMMENSTOSSES BESTÜNDE, BERICHTETE DER SPRECHER JEDOCH GLEICHZEITIG, DASS ANSTRENGUNGEN UNTERNOMMEN WÜRDEN, »EINEN AUSREICHEND GROSSEN SICHERHEITSABSTAND ZU GEWÄHRLEISTEN, WENN DER KOMET NÄCHSTES JAHR DIE ERDE ERREICHT«. ZUR UNTER-MAUERUNG VERWIES DER SPRECHER AUF DAS CRASHPROGRAMM ZUM UMBAU MEHRERER GROSSER ORBITALTRÄGERSCHIFFE FÜR DEN TRANSPORT VON PERSONAL UND LADUNG ZUM KOMETEN. DIE SCHIFFE WÜRDEN, SO VERSICHERTE ER, BIS ZUM 1. APRIL RAUMTÜCHTIG SEIN, GANZE ZWEI MONATE VOR DEM ANGESTREBTEN TERMIN.
- ENDE -
Barbara Martinez saß vor ihrem Terminal und beobachtete, wie die Zahlenkolonnen über ihren Bildschirm wanderten. Die leuchtenden Ziffern gaben die Ergebnisse der neuesten Simulation der Arbeitsgruppe wieder. Barbara musste die Daten nicht erst auswerten, um zu wissen, dass sie einen weiteren Fehlschlag erlitten hatten. Gleich welche Kombinationen von Antriebssystemen sie ausprobierten, es schien unmöglich, die eschwindigkeit des Kometen auch nur um den winzigsten Bruchteil eines Prozents zu verändern. Der Eisasteroid war einfach ein zu dicker Brocken, als dass man ihn hätte bewegen können!