»Am besten bringen Sie einen Anker aus, bevor Sie weitergehen«, riet ihr Kyle Stormgaard über ihren privaten Komm-Kanal.
»Ich lege gerade einen aus.« Amber löste einen meterlangen Stab von ihrem Werkzeuggürtel und berührte den schmutzig grauen Boden. Eine kleine Explosion brach aus der Stabmündung und trieb einen stählernen Haken in das Eis. Eine Sicherheitsleine verband den Haken mit Ambers Arbeitskluft. »Verankert.«
Neben ihr brachte der Chefingenieur der Admiral Farragut seinen eigenen Anker aus. Die beiden Forscher bewegten sich anschließend vorsichtig auf den Rand des Spalts zu.
Die Oberflächenerkundungen waren seit zwei Wochen im Gange, und die Zuversicht der Erkundungsteams war mit jedem Tag gewachsen, den sie auf dem Eis verbracht hatten. Zu Anfang hatten sich ihre Aktivitäten darauf beschränkt, das Frachtmodul von schwerem Gerät zu entladen und das Wasserstoffgewinnungssystem in Gang zu bringen. Diese Aufgabe schloss die Aktivierung des Expeditionsreaktors und die Verlegung von Stromkabeln zu den schweren Laserbohrern draußen auf dem Eis ein. Es sollte eine Probebohrung von sieben Kilometern Tiefe vorgenommen werden. Die Bohrung würde es ihnen nicht nur erlauben, zu bestimmen, wie sich die Eiszusammensetzung mit der Tiefe veränderte, sondern würde auch das Material für die Wasserstoff-Crackanlage liefern.
Es dauerte fast eine Woche, bis der Schacht eine Tiefe von zwei Kilometern erreicht hatte. Aus der Wand der Testbohrung entnommene Eisproben ergaben, dass der Kern ein typischer Vertreter der Oort-Wolke war. Wie die meisten anderen Kometenkerne auch, bestand der Komet Hastings aus Clathrateis – gefrorenes Wasser, in dessen Kristallstruktur andere Komponenten eingelagert waren. In unterschiedlichen Tiefen entdeckten sie hohe Konzentrationen von Ammoniak, Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Formaldehyd, Cyanwasserstoff, Methan und Stickstoff als Beimengungen des Wassereises. Ebenso lagen unterschiedliche Konzentrationen von meteorischem Staub vor.
Noch bevor die Bohrungen begannen, wurde deutlich, dass der Kern von geologischer Stabilität weit entfernt war. Während der Begegnung mit Jupiter war der Asteroid mächtigen Gezeitenspannungen ausgesetzt gewesen, die wiederum zur Bildung von Abwärme geführt hatten. Die Wärme war dabei, sich langsam zur Oberfläche vorzuarbeiten. Während sich das beinahe auf den absoluten Nullpunkt abgekühlte Eis erwärmte, löste seine Ausdehnung im Innern Erschütterungen aus, die zu Oberflächenbeben führten. Die meisten von ihnen waren zu schwach, um sie zu bemerken. Gelegentlich waren sie aber stark genug, um den Laserbohrer aus seiner Führung zu schlagen. Jedes Mal, wenn das geschah, musste die Arbeit so lange unterbrochen werden, bis der Laser neu justiert war.
Erst am siebten Tag am Boden, gegen Ende der Arbeitsschicht, erlebten sie ein wirklich großes Beben. Karin Olafson befand sich im Kontrollraum des Schiffes, als sie beinahe von ihrer Liege geschleudert wurde. Das Beben dauerte weniger als eine Minute, war jedoch so stark, dass sich das Habitatmodul von einer seiner Verankerungen losriss. Als der Erdstoß vorüber war, verlor der Kapitän keine Zeit und befahl den Bodencrews, den Schaden zu beheben. Sie hatten fast die ganze Nacht durchgearbeitet, um das Habitat-und das Frachtmodul neu zu verankern und beide mit Spanndrähten zu stabilisieren.
Zu einer weiteren Verzögerung kam es durch die beiden MoonJumper der Expedition. Die winzigen Flugapparate waren Standardmodelle, wie sie auf dem Mond verwendet wurden – ihre Bodendüsen erwiesen sich als zu stark für das Gravitationsfeld des Kerns. Ein kurzer Stoß der Düsen schickte das kleine Flugzeug hoch in den Himmel hinauf, und das Landen war kaum etwas anderes als ein kontrollierter Absturz. Nach wenigen Testflügen war den Flugmaschinen so lange Startverbot erteilt worden, bis es gelungen war, ihren Schub zu drosseln.
Als die MoonJumper wieder in Dienst genommen wurden, wagten sich die rkundungstrupps erstmals aus dem gewaltigen Krater heraus, ihr erstes Ziel war das Ödland, wo sie eine Landschaft vorfanden, die so zerklüftet war wie nur irgendeine im Sonnensystem. In unmöglich steilen Winkeln aufgeworfene Berge waren von langen Tälern durchschnitten, die ihren Ausgangspunkt am Ground-Zero-Krater hatten. Berge und Täler waren von Rissen durchzogen, die sich bei dem eine Milliarde Jahre zurückliegenden Aufprall gebildet hatten. Durch den Vorschlag der Erde, dass man möglicherweise ein großes Stück des Kerns abspalten könne, waren die Risse in das Zentrum des Interesses gerückt.
»Was meinen Sie?«, fragte Amber Kyle, als sie ihre Helmlampen über die gegenüberliegende Wand der Spalte spielen ließen. Die Lampen enthüllten einen engen Cañon mit senkrechten Wänden. Der Boden lag im Schatten verborgen und war zu weit weg, als dass ihre Lampen dorthin gereicht hätten.
»Es ist tiefer, als ich dachte«, sagte Stormgaard. »Ich frage mich, ob wir genug Leine dabeihaben.«
»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.«
Amber und dem Chefingenieur war die Aufgabe übertragen worden, einen Seismografen auf dem Boden der Spalte aufzustellen. Es wäre eine einfache Angelegenheit gewesen, mit ihren Anzugdüsen hinunterzufliegen. Durch einen Fehler in dem beengten Raum konnten sie jedoch unkontrolliert ins Trudeln geraten, und eine Fehlfunktion des Anzugs konnte sie aufs Trockene setzen. Kletterseile waren bedeutend umständlicher, dafür aber wesentlich sicherer.
Amber trieb zwei weitere Haken ins Eis, dann befestigte sie daran zwei aufgeschossene Sicherheitsleinen. Sie warf die Leinen in die Spalte und beobachtete, wie sie im Niedersinken gemächlich außer Sicht kamen und sich dabei abwickelten. Während Amber die Leinen klarmachte, befestigte der Chefingenieur ein Funkrelais am Rand der Spalte. Es richtete eine der beiden Antennen nach unten, die andere dorthin, wo das Antriebsmodul der Admiral Farragut über dem Nordpol des Kometen schwebte. Als er fertig war, richtete er sich auf und fragte Amber, ob sie so weit sei.
»Fertig«, antwortete sie.
»Dann also los!«
Sie hakten jeder ein Seil an ihrem Anzuggurt ein, gleich darauf traten sie wie beiläufig in den Abgrund. Amber benötigte acht Sekunden, um im Fall ihre eigene Körperlänge zurückzulegen; bis dahin hatte sich das Seil gestrafft. Nun kam es nur noch darauf an, sich in die Dunkelheit hinunterfallen zu lassen und mit der um das Seil gelegten behandschuhten Hand die Fallgeschwindigkeit zu regulieren.
Die größte Gefahr beim Arbeiten unter der geringen Schwerkraft des Kerns bestand darin, sich allzu sicher zu fühlen. Die Schwerkraft von 2/3 % g gab einem das sichere Gefühl, einen kilometertiefen Fall zu überleben. Das war durchaus möglich. Doch ein solcher Fall konnte auf hartem Untergrund mit vierzig tundenkilometern enden – ein Aufprall, der mehr als ausreichend war, um einen Anzug zu zerreißen oder einem das Genick zu brechen. Während Amber fiel, führte sie im Geist eine Strichliste der Sekunden, die sie von einer Seilmarkierung zur nächsten benötigte. Von Zeit zu Zeit verstärkte sie ihren Griff um das Seil, um ihren Fall zu verlangsamen.
Der Abstieg erwies sich bis zum Ende als ereignislos. Amber hatte vorgehabt, leicht auf dem vereisten Boden der Spalte zu landen. Als sie den Boden berührte, gab der feste Untergrund unter ihr jedoch nach, und sie versank bis zur Hüfte in kaltem Eisgrieß. Sie rief Stormgaard eine Warnung zu, der seinen Fall rechtzeitig stoppte. Er schwenkte seine Lampe über den funkelnden Boden, während Amber sich befreite, indem sie sich Hand über Hand an der Leine hochzog.
»Woher kommt das?«, fragte sie, als sie wieder in Stormgaards Höhe hing.