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In dem Moment bemerkte Danilow mich und unterbrach seine Erzählung.

»Petja! Na, dann können wir ja gehen!«

»Bis zum Flug sind es aber noch zwanzig Minuten«, brachte eine der Frauen bittend hervor. »Alexander Olegowitsch, wie war das denn nun ...?«

»Dreck!«, trumpfte Danilow auf. »Ich hatte Dreck an den Schuhen! Erinnert ihr euch noch an die Rillen in der Sohle? Der Stäubler hat den ungewöhnlichen Mineralbestand gespürt und ist ganz aus dem Häuschen geraten! Ein neues Rohstoffvorkommen!«

Unter dem Gelächter bebten die Wände.

Danilow war nicht bloß ein Possenreißer - nein, die Leute liebten ihn dafür, dass er in seinen Erzählungen die Aliens stets als die reinsten Idioten darstellte! Früher hatten in der russischen Folklore die Stelle der Idioten die Amerikaner, Franzosen und Deutschen eingenommen. Heute waren es die Aliens. »Kommen ein Mensch, ein Hyxoid und ein Daenlo auf einen unbewohnten Planeten ...«

Ob das auf den Einfluss meines Großvaters zurückging, oder ob Danilow von Natur aus so war?

Oder sollte ich vielleicht die alte Version bemühen, wonach alle Witze über überalterte kommunistische Herrscher - später über russische Neureiche und noch später über die Generäle und Minister aus der Junta Schipunows - von Mitarbeitern der Geheimdienste verfasst und in Umlauf gebracht worden waren? Wenn man die Menschen nicht dazu zwingen kann, die heimlichen Herrscher einer Gesellschaft zu lieben, dann muss man den Leuten erlauben, diese Herrscher auszulachen. Das kanalisiert ihren Hass und verwandelt ihn in Ironie. In dummes, kraftloses und selbstzufriedenes Gelächter. Die kleinen und klugen Völker haben das übrigens schon lange verstanden - und erlauben es, dass über sie gelacht wird. Unsere Machthaber, die im Grunde nur Söldner der Außerirdischen sind, stehen heute vor der Aufgabe, die Antipathien gegenüber den Aliens abzubauen.

»Wenn ich euch Petja vorstellen darf. Pjotr Chrumow. Der Schrecken aller chinesischen Bauern!«, palaverte Danilow inzwischen weiter, wobei er mir den Arm um die Schultern gelegt hatte. Alle lachten, aber Danilow selbst wurde mit einem Mal ernst. »Das ist der Mann, der einzige Mensch auf der Welt, der in der Lage ist, ein Raumschiff auf einer Straße zu landen. Ich mache keinen Witz. Ich würde das nicht schaffen.«

Alle Augen richteten sich auf mich.

»Schon bald wird sein Name in aller Munde sein«, fuhr Danilow fort. »Auf dem ganzen Planeten! Ihr solltet euch gleich ein Autogramm geben lassen.«

Mir jagten seine Worte ja schon einen Schauder über den Rücken. Mascha aber hätten - bei ihrer Übervorsicht - garantiert die Haare zu Berge gestanden! Dabei sah niemand etwas Verdächtiges in Danilows Worten. Ich schüttelte den Piloten die Hand, hörte mir Komplimente von den Frauen an und folgte Danilow den Gang hinunter. Selbstverständlich brauchten wir nicht einzuchecken. Zusammen mit den Piloten, die die Maschine nach Chabarowsk bringen würden, fuhren wir im Auto zur Boeing. Wir nahmen in der ersten Klasse Platz. Die Stewardessen förderten kleine Fläschchen mit französischem Wein zutage. Ohne viel Federlesens öffnete Danilow eins und goss sich ein Glas ein.

»Na, Petja, sei kein Frosch!«

Ich schenkte mir eine winzige Menge ein. Wir stießen an.

»Auf unser Glück!«, prostete mir Danilow zu. »Wir können wirklich welches brauchen!«

Tagsüber hatte ich Danilow im Sternenstädtchen nur flüchtig zu Gesicht bekommen. Da war er jedoch ein ganz anderer Mensch gewesen. Konzentriert, entschlossen und offiziell. Wir hatten uns begrüßt, Danilow hatte mir ein paar aufmunternd-wohlwollende Worte gesagt, und ich hatte meinen Zug durch die Korridore der Bürokratie fortgesetzt.

Jetzt saß ich neben einem nervösen, angespannten und eben deshalb geschwätzigen Mann. Mir fiel der junge Flieger ein, der stocksteif auf dem Photo neben meinem Großvater stand. Wahrscheinlich litt Danilow bis heute unter jenem Krieg, unter der Gefangenschaft, der Gefahr, erschossen zu werden. Diese Angst würde ihn nie verlassen, sie würde nie vergehen, die letzten zwanzig Jahre hatten sie lediglich tief in sein Inneres verbannt. Konnte es sein, dass mein Großvater das nicht wusste?

Alexander Olegowitsch würde es schwer haben, wenn etwas schiefging.

Nach und nach füllte sich das Flugzeug mit Menschen. Geschäftsleute mit ihren Geliebten, junge Beamte aus staatlichen Institutionen, die sich noch nicht daran gewohnt hatten, mit dem Geld hauszuhalten, und ein paar Ausländer. Die Economy Class war ebenfalls gerammelt voll.

»Ich erinnere mich da an eine Geschichte ...«, bemerkte Danilow nachdenklich. »Vor einem Jahr ist der Co-Pilot der Welikoross, Shenja Leikin, wenige Stunden vor dem Start auf der Treppe ausgerutscht und hat sich das Bein gebrochen. Den Flug abzusagen hätte extreme finanzielle Einbußen bedeutet. Es gab jedoch keine anderen Piloten mehr. Sie sind dann so geflogen, zu zweit. Damit hätten wir also einen Präzedenzfall.«

»Der Jump-Navigator ist wichtiger«, hielt ich nach kurzem Nachdenken dagegen.

»Aber unser Flug ist noch dringender. Du hast doch eine globale Zulassung, oder, Petja? Als Pilot und Jump-Navigator für die kleinen Schiffe, als Co-Pilot und Jump-Navigator für mittlere und größere?«

»Ja.«

»Das sollten wir nicht vergessen«, sagte Danilow zufrieden und öffnete die zweite Flasche Wein.

Ich lehnte mich im Sitz zurück. Gütiger Gott! Sicher, ein gebrochenes Bein ist ein geringeres Übel, als jemanden vom Starttisch zu stoßen.

Aber fing ich jetzt schon an, das Übel abzuwägen?

Es in ein größeres und ein kleineres zu unterscheiden?

Die Maschine fuhr schneller und schneller, ich schloss die Augen und entspannte mich. Ich wünschte, ich würde einschlafen.

Das gelang mir tatsächlich.

Die Stewardess weckte mich nicht. Danilow ging da weniger taktvoll vor. Als man uns das Abendbrot - oder genauer gesagt: das Frühstück - brachte, rüttelte er mich am Oberarm. »Pjotr, das Essen ...«

Verständnislos schaute ich ihn an.

»Produziere Magensaft, nimm Eiweiße und Kalorien zu dir ...« Alexander öffnete mit übertriebener Sorge die Packung mit meinem Frühstück. »Dann wollen wir es uns mal schmecken lassen.«

Wir aßen, wechselten ein paar bedeutungslose Sätze und schauten zum Fenster raus, hinter dem nur die Dunkelheit und der Widerschein der Signallichter am Flügel des Flugzeugs zu sehen waren. Das Dröhnen der Motoren wirkte hier, in der ersten Klasse, schwach und fern.

»Wir müssen über Nowosibirsk sein«, vermutete Danilow. »Bist du schon mal hier gewesen?«

»Als ich noch ganz klein war. Ich erinnere mich nicht mehr daran.« Ich presste die Lippen aufeinander.

»Entschuldige ...« Danilow begriff, bei welcher Gelegenheit, wenn auch zu spät. »Verzeih mir, Pjotr. Ich habe nicht mehr daran gedacht.«

»Du musst ja auch nicht daran denken, wo meine Eltern ums Leben gekommen sind.«

»Verdammt.« Der Oberst sah jetzt wirklich verlegen aus. »Manchmal bin ich wirklich ein Idiot.«

»Vergiss es, Sascha. So was kann jedem passieren.« Ich reichte der Stewardess die durchsichtige Plastikschüssel, die ich nicht mal bis zur Hälfte geleert hatte. Man bekam hier ein allzu gutes Essen, der Kampf gegen das Kotelett und die Duelle mit den Salaten hatte mich erschöpft.

»Ehrlich gesagt, erinnere ich mich selbst nicht mehr an meine Eltern.«

Ich erhob mich und ging den Gang hinunter. Genauso waren meine Eltern damals wahrscheinlich auch geflogen ... ruhig und sorglos. Sicherlich waren die Gänge schmaler gewesen, und es hatte nicht an jedem Platz einen Fernseher und ein Telefon gegeben. Ansonsten hatte sich aber kaum etwas verändert. Noch immer die Duraluminiumröhre mit den Flügeln und die Turbojettriebwerke. Noch immer dieselben zweihundertfünfzig, dreihundert Meter in der Sekunde. Lächerliche Werte, verglichen mit den kosmischen Fluchtgeschwindigkeiten. Und absolute Ruhe, verglichen mit dem Jump.