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Glaubte er wirklich, die beiläufige Erwähnung meiner Eltern wäre mir aufs Gemüt geschlagen? Was für ein Unsinn! Das waren ja gar nicht meine Eltern, die da über der kalten Taiga abgestürzt waren. Das war nicht mein Fleisch und Blut, das da in den Hügeln verschmiert worden war.

Denn ich war ein Niemand.

Ein Zombie, ein Homunkulus, ein Wechselbalg. Einer, den die Gesellschaft weggeworfen und der dann das große Los gezogen hatte, um eben dieser Gesellschaft irgendwann zu dienen.

Ich hatte an Liebe und Freundschaft geglaubt, an Uneigennützigkeit und Treue. Doch die Liebe hatte sich als Berechnung erwiesen, die Freundschaft als Geschäftsbeziehung, die Uneigennützigkeit als vorteilhafte Kapitalanlage, die Treue einfach als Verrat.

»Ich habe es satt, ein anständiger Junge zu sein ...«, flüsterte ich.

»Was?« Danilow glaubte vermutlich, er habe sich verhört.

»Ich habe es satt, ein anständiger Junge zu sein!«, schrie ich. Meine Stimme ging zwar im Brummen der Rotorblätter unter, dennoch verstand mich der Oberst diesmal. Er zuckte mit den Schultern und drehte sich weg.

Sollte er.

Halte mich ruhig für einen Hysteriker, du Mitarbeiter des FSB, Mitbesitzer der Transaero, ehemaliger Kriegsgefangener und bester Pilot der Gesellschaft! Du wirst nie begreifen, was ich mit einem Blick auf dein altes Photo erkannt habe. Du bist seit langem zerbrochen, seit dem Zeitpunkt, da man dich in den Krieg gejagt hat, dich zum Tod verurteilt und gegen zwei Güterzüge Masut freigekauft hat. Du kannst gar nicht mehr zerbrechen, denn jeder Schlag trifft nur auf die alte Fraktur.

Aber ich, ich bin dazu noch imstande.

Ich habe die Schnauze voll davon, ein anständiger Junge zu sein.

Das Zimmer, das ich im Hotel bekam, war weitaus besser als meine bisherigen. Aber jetzt war ich ja auch nicht der übliche Todeskandidat, der auf einem alten Schiff durchs Weltall saust. Jetzt gehörte ich zu Danilows Crew.

Ich schleuderte den Aktenkoffer aufs Bett und ließ mich in den Sessel plumpsen. Noch hatte sich die fahle Morgendämmerung kaum ausgebreitet, trotzdem war es in den Gängen und im Park vor dem Hotel bereits laut. Ein Kosmodrom schläft nie. Flüge, Flüge ... ein Loch durch die Ozonschicht, Luft und Erde, die vergiftet wurden, der unwiderrufliche Verlust von gefühllosem Metall und naiven Piloten. Für ein Häufchen außerirdischer Scheiße, für einen Teller dünner Linsensuppe, für einen Himmel, in dem es keine Schiffe Starker Rassen gibt. Und wofür würde ich sterben?

Für mich.

Was kostete denn das Leben noch - außer dem Leben selbst?

Ich tastete nach der Fernbedienung auf dem Tisch. Ich wollte den Fernseher schon einschalten, überlegte es mir dann aber. Was würde ich da zu sehen kriegen? Die Landung der Spiral, den dröhnenden Bass des Präsidenten, den sagenhaften Korkenzieher? Der war am Ende ja noch am sinnvollsten. Mit dem konnte man ganze zwanzig Flaschen pro Minute öffnen.

Jemand klopfte an die Tür.

»Herein!«, rief ich.

Danilow trat ein, ihm folgte ein lächelnder, hagerer Typ im Trainingsanzug.

»Dann will ich die Crew mal bekannt machen!«, verkündete Danilow aufgeräumt.

Der Jump-Navigator schüttelte mir die Hand. »Rinat.«

»Pjotr«, sagte ich. »Auf den Vatersnamen verzichten wir besser.«

Danilow rieb sich die Nasenwurzel.

Turussow war noch jung. Wenn er ein Flieger gewesen wäre, hätte er einen oder zwei Jahrgänge über mir seine Ausbildung absolviert. Aber die Jump-Navigatoren bildete die Bauman-Uni aus.

»An diesem Kommandanten wirst du noch deine helle Freude haben«, unkte Rinat, als er sich neben mich setzte. »Dieser Drill! Nicht mal ausschlafen lässt er mich, aus dem Bett schleift er mich raus!«

»Ich würde eigentlich selber gern noch ein bisschen schlafen«, gestand ich. »Wann ist der Gesundheitscheck? Um zwölf?«

»Hmm.« Ohne sich zu erheben, streckte sich Rinat zum Kühlschrank, öffnete ihn und seufzte. »Dir haben sie auch das ganze Bier abtransportiert, diese Schweine ...«

»Vergiss dein Bier!«, ereiferte sich Danilow. »Dir winkt ein Querfeldeinrennen, die Sauna und die Schwimmhalle. Und keine faulen Ausreden!«

Rinat verzog das Gesicht.

»Komm schon«, drängelte ihn der Oberst. »Mensch, früher, da hätte man dich nicht mal einen Flug in der Atmosphäre machen lassen! Vom Kosmos ganz zu schweigen!«

»Kommst du mit, Pjotr?«, fragte Turussow gequält.

»Nein, ich schlafe noch ’ne Runde.«

»Genehmigt«, verkündete Danilow. »Der Mann kann nicht im Flugzeug schlafen, Rinat. Er ist müde. Und wir joggen jetzt.«

»Heiliger Himmel ...«, stöhnte Rinat und erhob sich.

Ich konnte den Rat, sich das Gefluche für später aufzuheben, gerade noch unterdrücken. Nachdem ich die Tür hinter den beiden abgeschlossen hatte, legte ich mich angezogen aufs Bett.

Ich musste fit sein. Ich musste ausschlafen. Danilow hatte gelogen, ich konnte in jeder Position und bei jeder Lautstärke schlafen.

Ich brauchte lediglich die Gewissheit, dass in der Nähe ein Licht schimmerte.

Nach einer Stunde weckte mich das Klingeln des Telefons. Ich wusste, wer anrief, ich wusste, was ich hören würde. Darum ließ ich mir Zeit. Ich rieb mir die Augen und tastete nach dem Telefon auf dem Nachttisch.

»Ja?«

»Petja?« Danilows Stimme klang nicht besorgt - sondern völlig gebrochen. »Petja, wir hatten einen Unfall.«

»Was ist passiert?«, fragte ich, dabei aus dem Fenster guckend. Auf dem Tennisplatz vor dem Hotel spielten zwei Frauen. Die kräftigen, muskulösen Figuren und die kurzen Haare wiesen sie als Mitglieder einer Frauencrew aus. Vielleicht von uns, vielleicht von den Franzosen, die häufig von hier aus starteten.

»Rinat ... er hat es fertiggebracht, beim Laufen zu stürzen ... und sich das Bein zu brechen.«

Ob man das beim FSB lernte oder ob Danilow einfach eine vielseitige Persönlichkeit war? Einem Menschen das Bein zu brechen, noch dazu so, dass dieser gar nicht begriff, wer eigentlich schuld daran war, ist nicht gerade eine der leichtesten Übungen.

»Das ist ja schrecklich«, sagte ich. »Einfach nicht zu glauben. Wie geht es ihm?«

»Wir sind gerade im Krankenhaus. Die Ärzte untersuchen ihn noch ... Sie sagen, es ist ein Stauchungsbruch ...«

Danilow fluchte. Dann fuhr er fort, allerdings nicht ins Telefon: »Was soll das, Rinat ...«

Eine der beiden Frauen schlug ein Ass. Wütend schleuderte die andere ihren Schläger hin. Sie tat mir leid, bisher hatte sie ein gutes Spiel geliefert.

»Wird der Flug abgesagt?«, wollte ich wissen.

»Keine Ahnung. Die Fracht muss schnellstens abgeliefert werden.« Danilow seufzte. »Alle Mannschaften sind ausgebucht, wir kriegen keinen Jump-Navigator ... Petja, komm jetzt gleich zum Leiter des Kosmodroms. Wir müssen eine Entscheidung treffen.«

Als es im Hörer piepte, legte ich auf.

Du hast Glück gehabt, Jump-Navigator. Ein Bruch, selbst ein Stauchungsbruch, ist ein weitaus geringeres Übel als ein Platz unter den Düsen der startenden Energija.

Wachen standen momentan keine vor dem Büro von Kisseljow. Die Sekretärin, eine Frau in mittleren Jahren, presste das Telefon mit der Schulter gegens Ohr und nickte schweigend Richtung Tür. Ich klopfte an und ging hinein.

Danilow saß mit gesenktem Kopf vor dem General. Der stand, die Hände auf den Tisch gestützt, vor dem Oberst, dräuend wie eine männliche Ausgabe der Nemesis. Verärgert schaute er zu mir herüber, deutete mit einer Kopfbewegung auf den Stuhl und setzte die Schelte fort: »Hast du den Verstand verloren? Was sind das für Albernheiten? Bis zum Start sind es noch fünfzehn Stunden und ihr lauft ... irgendeinen Slalom!«