Die Bezeichnung der absolut unschuldigen Sportart klang aus Kisseljows Mund wie ein grober Fluch. Dergleichen brachte nicht jeder fertig, alle Achtung.
»Du weißt Bescheid, Pjotr?«, wandte sich der General an mich und gewährte Danilow damit eine kurze Verschnaufpause.
»Es geht um den Jump-Navigator, Genosse General?«
»Ja. Die beiden haben ein Hindernisrennen veranstaltet. Diese gottverdammten ... Marathonisten!«
Kisseljow stand mit aufgeknöpfter Uniformjacke da und malträtierte seine Generalsmütze mit beiden Händen. Kaum zu glauben, dass dieser Diener des Zaren und Vater der Soldaten vor zwei Tagen heiter und ausgelassen durch einen Bankettsaal gehüpft war und den Amerikanern gezeigt hatte, was echter russischer Tanz ist, indem er eine Lesginka hingelegt hatte, dass er Brüderschaft getrunken und unanständige Witze erzählt hatte. Nein, das musste jemand anders gewesen sein ...
»Wo kriege ich jetzt einen Navigator für euch her?«, polterte der General weiter. »Soll ich einen aus Moskau anfordern? Weil es ein Spezialauftrag ist, jemanden aus dem Urlaub zurückbeordern und denen da oben alles erklären? Und wenn die niemanden finden? Schließlich steht euer Startfenster nur eine halbe Stunde! Das Oxidationsmittel ist schon eingefüllt! Die Weltraumsicherheit ist über den Zeitpunkt eures Starts informiert!«
»Genosse General ... hat die Wolchw einen Standard-Jumper?«
»Einen Standard-Jumper? Danilow!«
»Ja ...«, antwortete der Oberst, ohne aufzusehen. »Die dritte Serie ...«
»Ich habe eine Doppelqualifikation, Genosse General«, teilte ich ihm mit. »Ich bin Pilot und Jump-Navigator. Ich bin befugt, die Berechnungen für die Sprünge bei Schiffen von mittlerer und großer Tonnage zu machen.«
Der General hüllte sich in Schweigen. Danilow und ich warteten.
»Stehen uns noch Piloten zur Verfügung?«, wollte Kisseljow schließlich wissen und beugte sich zur Telefonanlage vor.
Mein Herz hämmerte. Wir hatten vorab festgestellt, dass man uns keinen anderen Navigator aufs Auge drücken konnte. Aber was war mit einem anderen Piloten?
»Nein«, sagte Danilow leise. »Sonst ist nur noch die Mannschaft von Wladimirski hier. Aber sie starten in drei Stunden.«
»Immer dasselbe!«, presste der General heraus. »Was machen wir jetzt? Danilow? Du hast uns die Suppe eingebrockt, jetzt sieh zu, wie du sie auslöffelst!«
»Wir könnten zu zweit fliegen«, schlug ich vor. Danilow hatte offenbar beschlossen, mir die Initiative zu überlassen. Eine kluge Entscheidung. Der Leiter des Kosmodroms war wütend genug, um jeden seiner Vorschläge abzulehnen.
»Zu zweit? Starten?«, hakte der General in ironischem Ton nach. »Wohin wollen Sie denn, Major? Ins nächste Geschäft - um ein Bier zu kaufen?«
»Genosse General, Schiffe der Serie Buran dürfen durchaus mit einer reduzierten Mannschaft starten.«
»Du bist noch nie auf einer Buran geflogen!«
»Doch. Bei zwei Trainingsflügen. Ein orbitaler, einer zu Proxima Centauri.«
»Was für Helden«, kommentierte der General gallig. Er ließ sich in den Sessel fallen und rieb sich die Stirn. »Erst der Leichtsinn, jetzt der Heroismus. So geht das doch nicht, Kinder ...«
Mit einem Mal verwandelte er sich noch in einen dritten General Kisseljow. In einen besorgten General.
»Und wenn etwas passiert, Kinder?«
»Wenn wirklich etwas passiert«, mischte sich Danilow ein, »dann wird uns ein dritter Mann in der Besatzung auch nicht retten.«
Der Leiter des Kosmodroms schwieg. Er knetete sich das Gesicht, als wolle er einen frischen Gedanken herauspressen.
»Ich übernehme die Verantwortung«, versicherte Danilow.
»Das versteht sich ja wohl von selbst!«, krächzte Kisseljow. Da begriff ich, dass wir die erste Etappe unseres Abenteuers gemeistert hatten.
Unsere Besatzung würde aus zwei Mann bestehen. Blieb die Frage, wie Danilow meinen Gr ... Chrumow, Mascha und den Zähler an Bord schmuggeln wollte. Mir war das schleierhaft.
»Dein Großvater kommt«, wechselte der General abrupt das Thema.
»Das kann nicht sein«, erwiderte ich ehrlich.
»Doch. Dein alter Herr hat mich angerufen ...« Der General hob den Kopf. »Ich kenne ihn flüchtig.«
Er zwinkerte mir sogar verschwörerisch zu. Ach, General, wie naiv du doch bist! Andrej Valentinowitsch kennt alle, die ihm von Nutzen sein können!
»Er möchte sich den Start ansehen!«, fuhr Kisseljow fort. »Wahrscheinlich hat er sich bei deiner letzten Landung ziemliche Sorgen gemacht, oder?«
»Natürlich.«
»Wir wollen ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Dein Großvater ist ein anständiger Mann ...« Der General brummte, dann drückte er den Knopf der Telefonanlage. »Galina, gibt’s Neuigkeiten?«
Ich verstand die Worte der Sekretärin nicht, registrierte jedoch den Ton - einen unfrohen Ton.
»Pjotr ist ein hervorragender Jump-Navigator. Und der geborene Pilot«, sagte Danilow. »Er hat das ja neulich erst unter Beweis gestellt ...«
»Er muss es heute unter Beweis stellen«, fuhr ihn Kisseljow an. »Petja, willst du noch dein Gepäck ...« Der General verstummte und machte eine energische Handbewegung. »Nein, das kommt nicht in Frage. Wir hatten genug Scherereien. Gebe Gott, dass jetzt alles gut geht. Wir wollen den Unfallchirurgen nicht noch mehr Arbeit verschaffen. Ihr zwei verlasst mir das Gelände nicht mehr!«
Danilow und ich begaben uns gemeinsam zu Turussow ins Krankenhaus. Der Navigator wurde gerade aus dem Röntgenlabor zurückgebracht. Er wälzte sich im Bett und versuchte verzweifelt, eine bequeme Position zu finden. Er machte eine Miene wie jeder gesunde Mann, der noch nie im Krankenhaus gelegen hat - und plötzlich ans Bett gefesselt ist.
»Wie fühlst du dich, Rinat?«, fragte Danilow voller Anteilnahme.
»Geht so ...« Die Stimme des Navigators klang belegt und gedehnt. Wahrscheinlich hatte man ihm Beruhigungsmittel gespritzt. Er sah Danilow mit einem sehr seltsamen Blick an ... fast mit kindlichem Staunen.
Kein Wunder. Sein Verstand begriff durchaus, dass sein unglücklicher Sturz den Hang hinunter kein Zufall war. Sein Herz jedoch weigerte sich, es zu glauben.
»Ich habe schon alles geklärt«, informierte ihn Danilow freundlich, während er sich auf den Bettrand setzte. »Offiziell hast du einen Betriebsunfall. Du kriegst dein Gehalt voll weiter, Prämien und Sonderleistungen, die Kosten für deine Behandlung und den Urlaub übernimmt die Linie. Und in ein paar Monaten bist du wieder dabei!«
Obwohl mir die Prognose allzu optimistisch vorkam, sagte ich kein Wort.
»Was ist mit dem Flug?«, erkundigte sich Turussow. Vorsichtig berührte er das in einer Plastikschiene ruhende Bein und verzog vor Schmerz das Gesicht.
»Alles in Ordnung. Petja und ich fliegen zu zweit. Er ist ja auch Navigator.«
»Die Strecke ist unbekannt ...« Turussow schüttelte den Kopf. »Ich habe natürlich schon ein paar Flugbahnen berechnet ...«
»Es gibt leider keine freien Navigatoren«, seufzte Danilow. »Was bleibt uns da anderes übrig?«
»Schaffst du das?«, wandte sich Rinat an mich.
»Ich glaube schon«, erwiderte ich ausweichend.
Turussow verzog das Gesicht. Wie jeder Profi konnte er sich nur schwer jemand anderen auf seinem Platz vorstellen.
»Meine Berechnungen sind in der Hauptbox für die Flugbahnen«, informierte er mich widerwillig. »Sie sind als Dschel-17,1 und Dschel-17,2 gekennzeichnet. Die erste Flugbahn ist bequemer, da habt ihr nur sechs Jumps. Die zweite hat acht, geht dafür aber über die Systeme der Stäubler, Hyxoiden und der Unaussprechlichen. Da könntet ihr Hilfe erbitten ... falls was ist. Ich glaube, ihr solltet lieber den zweiten Kurs nehmen.«
Natürlich traute er mir die Sache nicht zu. Er glaubte nicht, dass ich mit der neuen Strecke ohne Schwierigkeiten zurechtkommen würde. Vielleicht hatte Rinat sogar recht - nur würden wir ja gar nicht nach Dschel-17 fliegen. Und nicht ich würde die Flugbahnen berechnen.