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»Die Besucher wollen den Start filmen«, wiederholte der Major. Seine Augen wirkten schläfrig und stumpf. Seine Hände lagen kraftlos oben auf den Kleiderhaufen.

»Schließen Sie jetzt die Tasche, Major«, befahl Danilow.

Der Kommandant der Wachleute machte die Tasche gehorsam wieder zu und beugte sich über die andere. Ich nahm an, Danilow würde ihn geradewegs anweisen, sie nicht zu kontrollieren, doch da irrte ich mich.

»Mach die Tasche auf, Mascha«, bat der Oberst.

Diese Tasche besaß ein Zahlenschloss. Mascha selbst öffnete es vor dem Major. Der ließ den Blick gleichmütig über die höchst verdächtig aussehenden Metallteile gleiten, mit denen die Tasche bis obenhin vollgestopft war. Fragend sah er Danilow an.

»Es ist alles in Ordnung, und Sie haben sich davon überzeugt«, soufflierte der Oberst.

»Ja«, bestätigte der Major widerstandslos. »Schließen Sie die Tasche. Guten Flug. Schöne Aufnahmen.«

Doch was auch immer der Zähler mit ihm gemacht haben mochte, allmählich würde sich der Major von seinem Schock erholen. Möglicherweise würde er sich sogar ... nach einer gewissen Zeit ... daran erinnern, was die Taschen tatsächlich enthalten hatten.

Der Major schrieb etwas ins Wachbuch und gab den Code für die innere Tür ein. Und wir betraten die Garage. Die riesige, matt beleuchtete Halle erinnerte an einen überdachten Bahnhof. Ein paar lange, mehrrädrige Schlepper, größer als eine Lok, verstärkten diesen Eindruck. Eines dieser Monster fuhr gerade rumpelnd auf das Gelände des Kosmodroms hinaus. Es stank nach Abgasen, dagegen kamen keine Ventilatoren an.

Hier stand eine weitere Wache, doch diesmal kamen wir ohne die Fähigkeiten des Zählers aus. Danilow drückte dem Chef der Sicherheitsleute einfach die Hand, sie alberten kurz herum, dann ließ man uns durch. Den kleinen Autobus, der uns zur Startrampe bringen sollte, entdeckte ich sofort. Danilow winkte den paar Leuten neben dem Bus jedoch nur zu und führte uns in eine andere Richtung, hin zu einem alten Wolga, auf dessen Türen der Schriftzug Sonderfahrt prangte. Neben dem Auto stand ein mir unbekannter Mann in Zivil.

»Alles wie abgemacht«, teilte Danilow ihm zur Begrüßung mit.

»Ich bitte um eine schriftliche Anordnung, Genosse Oberst.«

Bei dem Mann handelte es sich fraglos um jemanden vom Geheimdienst. Er musste Danilows Befehle befolgen, zeigte sich momentan jedoch nicht sonderlich begeistert angesichts dieser Tatsache.

»Selbstverständlich.«

Danilow holte ein Blatt Papier heraus und reichte es ihm. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf den fettgedruckten Kopf: »Zum internen Gebrauch. Streng geheim.«

Der Fahrer las den Befehl aufmerksam durch.

»Ausführung«, sagte Danilow.

»Zu Befehl, Genosse Oberst«, erwiderte der Fahrer ohne jeden Enthusiasmus.

Ich ging Mascha zur Hand, als sie die Taschen auf den Rücksitz bugsierte, und war ihr anschließend beim Einsteigen behilflich. Mein Ex-Opa nahm neben dem Fahrer Platz. Er zögerte kurz, bevor er die Tür zuzog. »Was ist denn mit dir, Pjotr?«, fragte er.

Ich antwortete nicht. Das war nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Der Wolga fuhr sofort los, Andrej Chrumow betrachtete mich durch die Scheibe, aber ich winkte ihm nicht mal. Mein Arm hob sich einfach nicht in die Höhe.

»Beeilt euch!«, rief uns jemand vom Bus aus zu. »Wir hätten schon vor fünf Minuten abfahren sollen!«

Da es bereits dämmerte, schaltete der Fahrer die Scheinwerfer ein. Wir fuhren durch von Laternen erhellte Abschnitte, tauchten aber auch immer wieder in die Dunkelheit ab.

Auf dem Gelände waren recht viele Autos unterwegs. Die meisten fuhren zur dritten Startrampe, von der aus die Prorok gestartet war. Dort war es zwar immer noch heiß und verraucht, die Techniker hatten jedoch nur einen Tag, um die Anlagen zu überprüfen und für den nächsten Start vorzubereiten.

Wir machten einen Bogen um die dritte Startrampe, fuhren an der zweiten vorbei, wo bereits die Russki Metsch aufragte, die morgen starten würde. Vor uns lag jetzt nur noch die erste Rampe mit der zum Start vorbereiteten Wolchw. Die gigantische Energija, die einzige Trägerrakete, die ein Schiff dieser Klasse in den Orbit zu bringen vermag, wartete in einer Nebelwolke. An den Hilfsraketen schimmerte im Licht der Scheinwerfer eine Eiskruste.

»Ist sie nicht schön?«, fragte Danilow.

Da er keine Antwort erwartete, nickte ich bloß.

Dennoch haftete dieser Schönheit etwas Falsches an. Fürs 20. Jahrhundert ging sie problemlos durch. Damals sollten Schiffe dieser Art der Menschheit helfen, das Sonnensystem zu bezwingen. Basen auf dem Mond und Siedlungen auf dem Mars zu errichten, Venus und Merkur zu erreichen. Später hätten Ionen- und Atomtriebwerke aufkommen müssen, allerlei exotischer Kram wie Laserbeschleuniger, Sonnensegel und Photonenraumschiffe ... Und erst danach, wenn die Menschheit in ihrem eigenen System gut zurechtgekommen wäre, hätten wir den Jump erfinden sollen.

Aber trugen wirklich jene jungen Wissenschaftler der Moskauer Uni die Schuld daran, dass sie mit den paar Kopeken, die ihnen der arme Staat zugebilligt hatte, das Modell eines Jumpers konstruierten? Heutzutage gehört es zum guten Ton, sich über die »russischen Erstentdeckungen« lustig zu machen. Aber der Jumper war nun mal in Russland erfunden worden! Freilich, später ist das gesamte Konstruktionsteam in die Staaten ausgewandert. Sie wurden gekauft, einfach und ohne viel Drumherum. Amerika war es gewohnt, zu kaufen, was es nicht selbst herstellen konnte. Insofern war das erste Schiff mit Jumper die amerikanische Enterprise gewesen. Trotzdem war mein Land der Zeit voraus gewesen, um Jahrzehnte, wenn nicht gar um Jahrhunderte.

Unmöglich, undenkbar. Die Cro-Magnon-Menschen hatten gelernt, einen Rolls-Royce zu bauen und mit ihm auf Mammutjagd zu gehen.

Wenn es doch bloß einen Funken Gerechtigkeit auf der Welt gäbe! Wenn das Konklave doch der Liga der Freien Sterne gliche, den Galaktischen Allianzen, dem Großen Ring oder einer anderen der so zahlreich von Schriftstellern ersonnenen kosmischen Gemeinschaften. Wir hätten den Aliens den Jump geschenkt, ihnen dieses unvorstellbar großzügige Geschenk gemacht - und dafür Gravitationstriebwerke, die Klimakontrolle, Universalimpfstoffe und Biocomputer kriegen müssen ...

Aber es gibt keine Gerechtigkeit. Die Lanze mit der Steinspitze in der Hand, lehnen wir uns aus dem Fenster der Limousine, spähen dem davontrampelnden Mammut mit scharfem Auge hinterher - und sind stolz auf uns.

Was bliebe uns auch sonst übrig?

Der Autobus hielt fünfzig Meter vor der Startrampe. Der Motor verstummte. Ich seufzte, erhob mich und griff mir den Aktenkoffer. Danilow zwinkerte mir zu und ging zur Tür.

»Seht zu!« Der Chef der Mannschaft, die uns zum Start gebracht hatte, war mit Sicherheit neu. Die Nähe zu der dampfenden, mit flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff vollgepumpten Rakete machte ihn nervös. Wahrscheinlich war das auch wirklich angsteinflößend. Als vor einem Jahr die Georgi Pobedonosez beim Start explodiert war, war im Umkreis von zwei Kilometern alles niedergebrannt.

Die Furcht vor der Technik verliert sich erst, wenn du über sie gebietest. Wenn sich vor dir das Steuerpult befindet und du jeden Grad in den Düsen, jede Atmosphäre in den Rohrleitungen auf dem Bildschirm ablesen kannst. Wir Menschen sind seltsam. Wir schaffen Gebilde, die wir nicht verstehen - was nebenbei bemerkt ein Merkmal einer Starken Rasse ist ...

Im Bus saßen rund fünfzehn Mann. Einige, weil sie es mussten, zum Beispiel die Ärzte, Sicherheitsleute und Techniker, andere, weil sie sich das Kosmodrom ansehen wollten. Alle hielten es jedoch für ihre Pflicht, Danilow und mir auf den Rücken zu klopfen. Und uns Glück zu wünschen.