Als wir bereits auf dem verrußten, geborstenen Beton standen, händigte der Chef der Bodenmannschaft Danilow den Zugangsschlüssel zum Steuerungssystem aus. Schweigend nahm der Oberst die gewölbte Metallscheibe in Empfang, quittierte dies im Protokollbuch und übernahm damit das Kommando über das Schiff.
»Viel Glück«, wünschte der Chef.
»Danke.« Danilow machte einen langen Hals und betrachtete die Rakete. »Na, Petja, was sagst du?«
»Gehen wir.«
Ein paar Leute begleiteten uns bis zum Fahrstuhl. Wir stiegen in die geräumige, vergitterte Kabine und schlössen die Tür. Der Mannschaftschef drückte feierlich den Knopf.
Der Fahrstuhl glitt nach oben.
Aus unerfindlichen Gründen war ich mir sicher gewesen, mein Großvater und Mascha würden im Fahrstuhl auf uns warten. Bedeutete ihre Abwesenheit nun, dass sie schon im Schiff waren?
»Bist du nervös?«, fragte Danilow.
»Und du?«
»Klar.«
Automatisch hielt ich mich am Stahlgitter des Fahrstuhls fest - und riss sofort die Hand zurück. Der Titankörper der Energija verströmte Kälte. Die drang bis auf die Knochen durch, ließ die Haut am Metall festfrieren. Dergleichen war ich nicht gewohnt, die alte Proton, die meine Spiral ins All brachte, flog immer noch mit Distickstofftetroxid und asymmetrischem Dimethylhydrazin. Zugegeben, ein seltenes Giftzeug ...
»Wenn Karel lügt ...«, setzte ich an.
»Weshalb sollte er?«
»Woher wollen wir die Aliens kennen?«
»Profit ist einer der Hauptstimuli intelligenten Lebens«, dozierte Danilow. Ihn fröstelte, und er knöpfte seine Jacke zu. Der Fahrstuhl hatte erst den halben Weg zurückgelegt, trotzdem lag das Kosmodrom schon wie auf dem Präsentierteller vor uns. Das Metall der Träger knarzte, die Eiskruste an den Seiten der Energija knirschte. »Es springt nichts für den Zähler raus, wenn er lügt.«
»Ich dachte immer, der Hauptstimulus für ein intelligentes Wesen sei die Liebe«, entgegnete ich. »Die Liebe zu den Menschen, zur Heimat, zu Wissen. Wozu auch immer.«
»Das ist dasselbe, Petja. Unsere armen, müden Hirne glauben gern, dass wir lieben und geliebt werden. Die Mutter liebt den Sohn, das Vaterland den Bürger, deine Freundin dich. Aber im Grunde ...« Danilow spuckte durchs Gitter und grinste. »... sind das bloß Instinkte oder Kalkül. In der Regel ein Mix aus beidem. In Wahrheit ist uns doch klar, dass unser Wert einzig und allein von unserer Arbeitskraft abhängt. Davon, ob wir unserer Umwelt und der Gesellschaft nützen. Und dass das nicht ewig so weitergehen kann, verstehen wir auch. Deshalb versichern wir uns ... mit Liebe. Gegen das Alter, gegen Krankheiten und Traurigkeit ... Wenn Karel etwas von seiner Liebe für die Menschheit gefaselt hätte, hätte ich ihn am Schlafittchen gepackt und persönlich zur Wesi gezerrt. Aber wir interessieren ihn überhaupt nicht. Es ist lediglich vorteilhaft, wenn sich die Zähler und die Menschen vorübergehend zusammentun.«
»Du bist ein alter Zyniker, Sascha.«
»Ich höre in deiner Stimme keine Missbilligung.«
Danilow linste nach oben, seufzte und knöpfte sich die Hose auf.
»Glaub nicht, dass ich verrückt geworden bin«, sagte er. »Jeder pflegt halt seinen persönlichen Aberglauben ...«
»Und auf die Trägerrakete zu pissen bringt Glück?«
»Mir ja.«
»Pass auf, dass du dir nichts abfrierst«, riet ich und konnte mir das Lachen kaum verkneifen.
»Was ist daran so komisch?«, fragte Danilow verstimmt, während er die Hose wieder zuknöpfte.
»Nichts ... Ich stell mir nur gerade vor, was die anderen Piloten sagen würden, wenn sie wüssten, warum du so ein Glückspilz bist.«
»Wladimirski zum Beispiel wirft immer ein paar Fünfkopekenstücke aus dem Fahrstuhl«, berichtete Danilow. »Und Kisseljow, der hat sich, als er noch geflogen ist, immer Naphtyzin in die Nase getröpfelt. Bist du etwa nicht abergläubisch?«
Ich dachte kurz nach. »Doch«, gestand ich. »Ich habe einen Talisman. Das hat schließlich auch mit Aberglaube zu tun. Entschuldige, Sascha, ich hätte dich nicht auslachen sollen.«
Der Fahrstuhl kam scheppernd zum Stehen. Danilow entriegelte die Tür, und wir traten auf die oberste Plattform der Startrampe hinaus.
Hier wurden wir bereits erwartet.
Andrej Valentinowitsch und Mascha lagen auf dem eisernen Boden, was sicher übervorsichtig war, damit man sie von unten nicht sah. Natürlich hielt Mascha eine Waffe im Anschlag. Diesmal nicht den Paralysator, sondern ein extrem imposantes Ding, mit einem dicken Lauf und einem zylindrischen Kolben. Neben ihr standen die Taschen.
Das waren mir zwei schöne Partisanen.
»Sie erkälten sich noch, Andrej Valentinowitsch«, bemerkte Danilow besorgt. Er trat an die Luke heran, die in die Schleuse der Wolchw führte, und hantierte hastig an dem in den Korpus eingelassenen Rad. »Sie hätten ruhig schon reingehen können, die Luke ist nicht abgeschlossen!«
»Das war eine Vorsichtsmaßnahme unsererseits«, erklärte Mascha, während sie sich auf alle viere hochrappelte. »Es hätte ja irgendein Melder anspringen können ...«
Danilow schlüpfte als Erster durch die Luke, ich half Mascha und dem sich duckenden Chrumow hinein und reichte ihnen die Taschen. Dann warf ich einen letzten Blick aufs Kosmodrom.
Wie seltsam. Ich hatte mit Gewissensbissen oder - im Gegenteil - mit der Überzeugung, das Richtige zu tun, gerechnet.
Aber in meiner Seele war nichts. Nur Leere.
Vier
Eine Buran ist so konstruiert, dass eine normale Position von »Fußboden« und »Decke« nur bei der Landung gegeben ist. Jetzt, beim Start, da das auf die Energija gesattelte Schiff mit der Nase nach oben stand, bereitete es Schwierigkeiten, die Plätze einzunehmen. Danilow und ich halfen Chrumow und Mascha in die Sitze des Jump-Navigators und des Bordingenieurs auf dem »Unterdeck«. Wir brauchten fünf Minuten, um diese in Startposition zu bringen. Der Zähler, der aus der Tasche geklettert war, hätte bestimmt wieder gern auf dem Jumper gesessen. Aber eine Buran war nicht die winzige Spiral. Hier in der Wolchw befand sich der Jumper im Servicemodul. Deshalb nahm der Zähler mit dem Sitz des Wissenschaftlers vorlieb, der sonst fast immer frei blieb. Schließlich erforschen wir das All nicht. Wir befördern Fracht.
Alles ging mit absolutem Schweigen vonstatten. Im Cockpit gab es zwar keine verborgenen Mikrophone, trotzdem zogen wir es selbst ohne vorherige Absprache vor, kein unnötiges Risiko einzugehen. Wenn das Kontrollzentrum mitkriegte, dass in dem Schiff nicht nur zwei Menschen waren, dann ...
»Co-Pilot, nehmen Sie Ihre Position ein«, befahl Danilow, der sich als Erster zu seinem Sitz begab. Ich setzte -genauer: legte - mich in meinen, schaltete das Helmmikro ein, schloss den Overall an das Kabel für die Telemetrie an und linste nach unten.
Chrumow nickte mir beruhigend zu. Falls mein Ex-Opa sich wegen meines Verhaltens Gedanken gemacht hatte, ließ ihn die natürliche Angst vor dem Start jetzt alle anderen Sorgen vergessen. Mascha lag mit der Ruhe einer erfahrenen Kosmonautin im Sitz. Selbst ihre Beine hatte sie ordnungsgemäß angeschnallt. Ihre weißen Hosen waren nach oben gerutscht. Unwillkürlich warf ich einen Blick auf ihre Knöchel. Einer meiner Kommilitonen hatte Frauen in erster Linie nach ihren Beinen beurteilt. Maschas Beine hätten ihm gefallen ...
»Co-Pilot ist bereit«, informierte ich Danilow. Verstohlen steckte ich die Hand in die Tasche, holte meine Spielzeugmaus heraus und hängte sie kurzerhand über meinem Monitor auf. Vielleicht war es wirklich albern, seinen Aberglauben zu pflegen ...
Danilows Hände glitten übers Pult. Die Computerbildschirme leuchteten auf, in den Kopfhörern rauschte es.
»Wolchw an Erde«, meldete sich Danilow. »Mannschaft ist startbereit. Wir beginnen mit dem Test des Schiffs.«