»Verzeih mir, Großpapa ...«
»Petja, mein Junge ...« Ein Schluchzen schüttelte ihn. »Ich bin schuldig, ich weiß, dass ich schuldig bin.«
»Großpapa, verzeih ...«
»Du hast recht, ich hätte dich nicht anlügen dürfen, nicht anlügen sollen. Jetzt glaubst du mir nicht, wirst mir nie wieder glauben. Und du hast recht. Ich habe zu viel gesagt ... über die Freiheit ... über das Recht, man selbst zu sein. Aber wir sind nicht frei, mein Junge. Wir sind Sklaven. Wir sind Diener unserer Liebe.«
»Großpapa, ich glaube dir ...«
»Ich habe die Erde zu sehr geliebt. Ich habe unsere komische Welt geliebt. Und unser unglückseliges Land, das habe ich stets noch mehr geliebt als die Erde. Und mein Zuhause wiederum habe ich mehr geliebt als mein Land. Denn so ist die Liebe nun einmal, sie speist sich aus dem Kleinen, aus Teilchen, aus etwas Komischem und Dummem, aus dem Hauseingang, in dem du das erste Mal ein Mädchen geküsst hast, aus dem Hof, in dem du dich das erste Mal geprügelt hast, aus der Arbeit, in der du dich verwirklichst ... Nicht die Freiheit ist wichtig, Petja. Die Liebe ...«
Ich löste seine Hände vom Gesicht und sah dem alten Mann in die Augen.
»Ich liebe dich, Großpapa«, sagte ich. »Und ich liebe Russland. Genau wie die Erde. Aber das ist zweitrangig. Weine bitte nicht. Gleich kommen Danilow und Mascha zurück ...«
Unwillkürlich spähte ich zur Luke in die Schleusenkammer und fuhr zusammen. Dort hingen Mascha und Danilow, sich bei den Händen haltend. Neben ihnen schwebte der Zähler.
Bestimmt hingen sie schon lange dort ...
»Pjotr, beginnen Sie mit der Reanimation der Fähre«, sagte Danilow. Und fügte hinzu: »Bitte.«
Ich nickte, brachte jedoch kein Wort heraus. Mir doch egal, was sie gehört hatten und was nicht. Meine ganze Sorge galt meinem Großvater, der immer noch weinte und die Tränen mit dem Ärmel abwischte.
»Ich könnte etwas sagen, das der Situation angemessen wäre«, zischelte der Zähler. »Und es würde ganz ehrlich klingen. Aber ich schweige, weil ich im Grunde keine relevanten Emotionen verspüre.«
»Verstehe«, erwiderte ich. »Und genau deshalb sind wir euch überlegen, Echse. Weil wir immer Gefühle empfinden, ob sie nun angemessen sind oder nicht.«
Der Reptiloid klappte mit den Kiefern. »Ich hoffe, dass die Emotionen der Menschheit uns gegenüber positiv sein werden«, bemerkte er. In einem beinahe bittenden Ton.
»Das hängt davon ab, ob ihr unsere Liebe verdient«, entgegnete ich. »Aber noch habt ihr die Chance.«
Fünf
Das Leben kehrte ins Schiff zurück.
Die Heizelemente verfügten wieder über Energie, die Computer konnten erneut auf die Flugprogramme zugreifen. Schweigend reanimierten wir alle zusammen das Schiff. Die Erde war fern, gut zwölf Lichtjahre weit weg. Und kein einziges Schiff der Erde würde uns je finden -obwohl jedes von ihnen diese Distanz genau kannte.
Denn allein auf die Richtung kam es an. Das war wie im Leben: Du verstehst schnell, wie weit ein Mensch zu gehen vermag, aber du weißt nie, welchen Weg er wählt.
Wie sich gezeigt hatte, war es ein Kinderspiel, ein Raumschiff zu entführen. Sobald alle Systeme wieder im vorgeschriebenen Modus liefen und wir zu unseren Sitzen zurückgekehrt waren - frei durch die Gegend zu schweben ist entgegen der landläufigen Meinung nämlich nicht gerade angenehm - meinte Danilow, seine kaum wahrnehmbare Verlegenheit hinter einem geschäftigen Ton verbergend: »Maria, ich sollte dich in die Benutzung der Toilette einweisen ...«
»Vielen Dank, aber ich habe die Anleitung genau studiert«, entgegnete sie.
»Gut ... die Aufsätze für Frauen müssten im Container über der Sanitäreinheit sein.«
»Ich werd sie schon finden.«
Sie errötete nicht mal. Wirklich, vor Mascha konnte ich nur den Hut ziehen. Wenn sie mit all ihren Vorzügen jetzt noch ein wenig femininer wäre ...
»Wollen wir dann vielleicht zur Sache kommen?«, fragte mein Großvater. Er blickte alle an und nickte zufrieden. »Petja und ich entschuldigen uns für unsere Schwäche ... ein paar unserer alten Probleme sind hochgekocht. Verzeiht uns. Aber jetzt wollen wir uns mit dem beschäftigen, weshalb wir zu Verbrechern geworden sind.«
»Ich kann’s kaum erwarten«, bemerkte Danilow.
Ohne dass wir uns abgesprochen hätten, schauten wir alle auf den Reptiloiden.
»Können wir uns das schon leisten?«, wollte der Zähler wissen.
»Schon längst«, stellte mein Großvater klar. »Bevor wir den Alari begegnen, möchte ich endlich eine Geschichte hören. Genauer, jene vermeintliche Geschichte, warum wir die Erde verlassen haben.«
Der Zähler zögerte selbst jetzt noch. Als verstünde er nicht, dass uns jeder Rückweg abgeschnitten war, dass wir mit einem Bann belegt und gemäß dem Artikel zu den Verbrechen gegen die Menschheit angeklagt würden.
»Wir haben bereits maximale Kompromissbereitschaft bewiesen«, sagte mein Großvater. »Meinst du nicht auch, Karel?«
»Gut ...«
Der Reptiloid schwebte von seinem Sitz zum Pult des ersten Piloten. Anscheinend hatte er ihn wegen des großen Monitors ausgewählt. Als die geschuppte Pfote die Armaturen berührte, leuchtete der Bildschirm mit einem milchigen Licht auf.
»Ich werde alles darlegen und demonstrieren«, kündigte der Zähler an. »Das ist nicht sehr kompliziert. Aber da ich den Prozess der Darstellung der visuellen Information nicht kontrollieren kann, sagt mir Bescheid, wenn das Bild undeutlich ist. Machen wir einen Test ... ‚Reinliche Otter gehen gern baden im Veilchenmeer.«
Gehorsam lösten sich die sieben Farben des Spektrums - Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett - auf dem Bildschirm ab.
»Du bist besser als eine japanische Videokamera«, machte ihm Danilow ein fragwürdiges Kompliment.
»Großer Kreis, kleiner Kreis, großes Quadrat, Buchstabe A, Ziffer 7 ...«
»Alles einwandfrei zu sehen«, bestätigte mein Großvater. »Für ein Wesen, das keine Fernsehbilder erkennen kann, machst du das tadellos.«
»Dann fange ich jetzt an«, verkündete der Reptiloid. »Begeben wir uns zwölf Erdtage zurück ...«
Dunkelheit breitete sich auf dem Bildschirm aus. Die schwarze Nacht des Kosmos mit den Funken der Sterne. Hatte der Zähler je das gesehen, was er uns hier zeigte? Oder rekonstruierte er einfach Ereignisse, somit dem Bedürfnis der Menschen, alles mit eigenen Augen zu sehen, Tribut zollend?
»Die rot-violette Flotte der Alari stellt eine unabhängige militärische Einheit dar«, führte Karel aus. »Gemäß den Entscheidungen des Konklave patrouilliert sie in mehr als dreißig Sektoren der Galaxis, ordnet sich jedoch keiner der Starken Rassen unter. Genau das kommt uns zupass!«
In der Dunkelheit des Bildschirms leuchteten weiße Punkte auf. Sie wuchsen zu den Schiffen des Geschwaders an und kamen auf uns zu. Darunter waren Kreuzer, diese Scheiben, die ich nur zu gut kannte, jede Menge Zerstörer, die wie kleine Kugeln aussahen, sowie Schiffe mir unbekannter Typen, alle von schlichter Form, alle elegant und funktional.
Wollte der Zähler etwa alle Schiffe des Geschwaders vor uns defilieren lassen? Das würde eine halbe Stunde dauern, mindestens!
»Momentan beläuft sich die Stärke des rot-violetten Geschwaders der Alari auf nur 67 Prozent der ursprünglichen Größe«, teilte der Zähler sachlich mit.
»Das Geschwader war komplett?«, hakte Danilow rasch nach.