Выбрать главу

»Rußland -!« sagte Deutschmann leise.

»‘s ist ein verfluchtes Land«, sagte das Rattengesicht.

»Brauchst keine Angst zu haben, Professor -!« Schwaneckes Grinsen vertiefte sich. Er beugte sich vor und stupste den zusammenfahrenden Deutschmann in die Rippen: »Alles halb so

schlimm. Und eins sag’ ich dir -«, jetzt flüsterte er, »‘s gibt ‘ne Menge Möglichkeiten dort für unsereinen, ‘n Haufen Möglichkeiten! Halt dich nur an mich!«

»Was verstehen Sie darunter?« fragte der Oberst. Aber Schwanecke überhörte die Frage. Er kniff die Augen zusammen und sagte: »Du wirst sehen, Professor, ich bin ein altes Frontschwein. Ich weiß Bescheid: Es gibt ‘ne Menge Möglichkeiten. Wir biegen es so hin, daß du aus’m Staunen nicht herauskommst, so wahr ich Karl Schwanecke heiße! Oder glaubst du, Schwanecke hat Lust, für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod zu sterben?«

Julia Deutschmann arbeitete fieberhaft, schnell, doch nicht überstürzt. Sie zwang sich, mit all ihren Gedanken bei der Arbeit zu bleiben; allein so würde es ihr möglich sein, in kürzester Zeit Ernsts monatelange Arbeit zu wiederholen.

So lebte sie gleichsam wie ein Deserteur hinter der Front: Angespannt, gejagt von der allzu schnell und doch so fürchterlich langsam verrinnenden Zeit, von Gedanken an ständig lauernde Gefahr gepeinigt, angstvoll auf das Unausbleibliche wartend und zugleich hoffend, es würde nicht eintreten. Sie arbeitete Nächte hindurch und schlief am Tage, und zuletzt gab es für sie keine Tage und Nächte mehr: Sie arbeitete, bis ihre Gedanken vor Müdigkeit zerflatterten und ihr Kopf auf die Schreibtischplatte sank. Sie aß hastig, ohne zu achten, was sie aß, wenn das Gefühl des Hungers zu stark wurde, um es weiter zu ertragen. Und an einem Abend, während sie eine trockene, dünne Brotschnitte mit Margarine bestrich, mitten im Krieg, in einer vom Grauen gepeitschten Welt, in einer dunklen, verzweifelten Stadt, wurde ihr klar, was es bedeutete, bescheiden und ehrfürchtig zu sein und sich einer großen Aufgabe hinzugeben, die scheinbar nicht zu bewältigen war.

Während sie langsam an dem abscheulich schmeckenden Margarinebrot kaute und einen dünnen Pfefferminztee trank, kam eine große Ruhe über sie.

Als sie das Geschirr wegräumte, begannen die Sirenen zu heulen. Vorwarnung. Und schon einige Minuten darauf Fliegeralarm.

Mutterseelenallein saß sie im Keller ihres Hauses, in einem Inferno von Abschüssen und Bombenexplosionen, zitternder Wände und stauberfüllter, trockener Luft, die ihr den Atem ab schnürte und sie zum Husten zwang. Doch auch jetzt noch blieb sie ruhig, als hätte sie von irgendwem, der stärker war als die Bomben, die Zusicherung erhalten, ihr würde nichts geschehen. Sie betete, stumm, mit kaum sichtbar sich bewegenden Lippen, die Hände im Schoß gefaltet, reglos, steif aufgerichtet.

Sie kam davon. In der Nachbarschaft wurden einige Häuser zerstört, in den Zimmern ihrer Wohnung flackerte rötlich der Widerschein naher Brände. Sie schloß die Fenster und zog die Verdunkelungsvorhänge herab. Einige Scheiben waren zertrümmert.

Als sie die Scherben zusammenfegte, klingelte das Telefon.

Sie richtete sich auf, fragend, als verstünde sie nicht, was das schrille, scharfe Läuten bedeutete.

Dann hob sie den Hörer ab.

Am anderen Ende meldete sich Dr. Kukill.

»Ich wollte nur fragen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist?« fragte Dr. Kukill. Seine Stimme klang atemlos, abgehackt und etwas unsicher.

»Warum wollen Sie das wissen?« fragte Julia. Und sie überraschte sich dabei, daß ihr seine Stimme fast wohltat: Es war einfach eine menschliche Stimme, die zu ihr sprach, in dieser gespenstigen, durch einen rötlichen Feuerschein und entferntes Prasseln erfüllten Stille. Egal, wem sie gehörte. Und erst nach und nach wurde ihr bewußt, daß der Mann sprach, der ihr Glück zerstört hatte, durch dessen Schuld sie in diesen alptraumähnlichen Zustand geworfen wurde, in dem sie wie in einer ewigen Nacht ohne Aussicht auf Licht leben mußte.

»Nach diesem Angriff - nun, ich bin froh, daß Ihnen nichts passiert ist, Kollegin.« Jetzt schlug er wieder seinen leichten plaudernden Ton an, an dem das Verwunderlichste war, daß er ihn auch ihr gegenüber so leicht anwenden konnte, als spräche er mit irgendeinem beliebigen Bekannten. »Ist Ihr Haus ganz geblieben?«

»Ja, nur einige Scheiben sind kaputt.«

»Das kann man verschmerzen. Ich schicke Ihnen morgen einen Mann, der neue einsetzen wird. Aber ich glaube doch, es wäre besser, wenn Sie bei einem Fliegeralarm in einen sicheren Luftschutzbunker gingen.«

»Mir passiert schon nichts.«

»Darf ich morgen nach Ihnen sehen?«

»Ich weiß nicht, welchen Sinn es hätte.«

»Darf ich?«

»Bitte nicht, ich bin sehr beschäftigt.«

»Was tun Sie? Etwa ...?«:

Stille.

»Ganz recht. Ich habe es Ihnen ja gesagt.«

Und dann beschwörend: »Machen Sie keine Dummheiten, tun Sie nichts Unüberlegtes. Sie wissen, wie gefährlich das ist, wie könnte ich Sie nur davon abhalten?«

»Es hätte keinen Zweck, mich davon abhalten zu wollen.« Sie lächelte abwesend. Dieses Gespräch war unwirklich, widersinnig und auch ein bißchen komisch. Der Mann, an den sie nur mit Haß im Herzen denken konnte, der Mann, dessen Gutachten Ernst zu verdanken hatte, daß er in das Strafbataillon kam, beschwor sie, vorsichtig zu sein, von der Arbeit abzulassen, nur um - warum eigentlich? Etwa .?

Sie legte auf, ohne auf die verzerrte, aufgeregte Stimme zu achten, die aus dem Hörer kam.

Dann ging sie zurück ins Laboratorium. Zum Glück waren hier die Scheiben ganz geblieben. Sie zündete eine Kerze an und setzte sich hinter den Schreibtisch. Vor ihr war eine lange und jetzt nach dem Angriff hoffentlich auch ruhige Nacht. In anderen Vierteln Berlins aber wüteten Brände ...

Deutschmann fiel um, als er langsam, gemächlich über den Kasernenhof gegen die Küchenbaracke ging, wohin er zum Kartoffelschälen geschickt wurde. Der Schwächeanfall kam plötzlich, ohne vorherige Ankündigung; vor seinen Augen fingen helle Punkte, Kreise und Flecke zu tanzen an, er machte die Augen krampfhaft auf, von den Beinen aufwärts kroch über seinen Körper lähmende Schwäche, er fragte sich überrascht, was das bedeuten sollte - und dann stürzten der Hof vor ihm, die Baracken und die Bäume dahinter empor und begruben ihn unter sich.

Er konnte kaum lange ohnmächtig gelegen haben.

Als in der Dunkelheit, die ihn umgab, wieder die Kreise, Punkte und Flecke zu tanzen begannen und immer heller wurden, als er erstaunt und nicht begreifend die Augen aufriß, sah er ganz nahe vor seinen Augen eine Pfütze. Zugleich fühlte er auf seinem Gesicht nasse Kälte. Er verstand immer noch nicht. Erstaunt, aber auch ein wenig gleichgültig, fragte er sich, wo er sei und wie er hierhergekommen war. Wie kam er dazu, mit der Wange in einer Pfütze zu liegen, und warum gelang es ihm nicht aufzustehen?

Er versuchte, die Beine unter den Leib zu ziehen, doch über seinen Körper lief nur ein langes Zittern.

Dann hörte er schnell näherkommende, trampelnde Schritte.

Erich Wiedeck beugte sich über den regungslos daliegenden

Deutschmann.

»Ernst!« sagte er erschrocken, »Ernst, was ist denn los?«

Er drehte ihn um und knöpfte ihm den Uniformrock auf. Deutschmann starrte ihn aus glasigen Augen, die nichts verstanden, an, machte den Mund auf, als wollte er etwas sagen, doch über seine Lippen kamen nur kleine, lallende Laute.

Wiedeck überlegte nicht lange. Er hob den Freund auf die Schulter und wunderte sich, daß der lange, große Mann so leicht war.

Schnell trug er ihn in den etwas abseits gelegenen Teil des Lagers, wo die Revierbaracke lag.

Es war nichts Ernstes. Ein einfacher Schwächeanfall. Gegen Nachmittag konnte Deutschmann wieder aufstehen. Als er, etwas schwach noch und zitterig in den Beinen, aufstand und durch den schmalen, langen Gang der Revierbaracke zur Toilette ging, sah er unten die Tür aufgehen. Zwei Soldaten schleppten keuchend eine Trage hinein. Hinterher lief aufgescheucht wie ein Huhn der Sanitäter Kronenberg.