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Am nächsten Morgen half er bereits dem Sanitäter Kronenberg beim Fiebermessen und rückte anschließend mit einem Arm voll Nachttöpfen auf die Latrine des Reviers, um sie dort zu leeren und zu spülen. Und im Laufe des Vormittags und Nachmittags sah er mit einiger Besorgnis, daß Kronenberg recht gern sprach, aber weniger gern arbeitete. Im übrigen war er jedoch ganz angenehm, gutmütig, schrie nicht, brüllte nicht, man konnte gut mit ihm auskommen - es war immer noch besser, hier zu sein, als vom »Krüllschnitt« über den Appellplatz gejagt zu werden.

So wurde beiden gedient. Deutschmann empfand die Ruhe im Revier, die Gesellschaft der Kranken, den Sanitäter Kronenberg und die Nachttöpfe als eine Wohltat nach den Tagen unter Krüll, und Kronenberg hatte einen echten Arzt als Hilfs-sani, er, der kleine Handwerker aus Westfalen. Einen Mann, der alle Arbeiten machte, zu denen er keine Lust hatte, und der bei Bedarf auch noch mit seinem Wissen einspringen konnte. Ein Idealfall, seltenes Glück - und zugleich doppelte Rückendeckung.

Am Abend sprach Kronenberg mit Stabsarzt Dr. Bergen. Er rückte mit seinen Problemen in der schiefen Schlachtordnung vor und fühlte erst einmal nach der allgemeinen Lage.

»Ist die Herzsache vom Zimmer 3 schlimm, Herr Stabsarzt?«

»Warum?« Dr. Bergen blickte von seinen Notizen auf. Er hatte die pedantische Angewohnheit, über jeden Tag eine Art Rapport zu führen, den keiner las und der in dicken Aktenstößen im Rollschrank verstaubte. »Wieder ein Anfall? Geben Sie ihm Myocardon.«

»Jawohl.« Kronenberg sah auf die Papiere. Appendizitis

Zimmer 4, las er. Überstellung in Reservelazarett Posen I zwecks Ektomie. »Da ist noch was, Herr Stabsarzt.«

»Bitte?«

»Der Schütze Ernst Deutschmann ist recht anstellig. Wir brauchen noch einen Mann fürs Revier. Eine Art Hilfskraft. Durch die Arbeitskommandos ist das Revier so belegt, wie Herr Stabsarzt selbst wissen, daß ich allein ...« Er stockte und verbesserte sich sofort: »Das heißt, ich schaffe es schon allein. Aber das dauert manchmal zu lange bei dringenden Fällen. Und jetzt überhaupt, wenn wir nach Rußland kommen .« Daß Deutschmann Arzt war, verschwieg er wohlweislich.

»Ich werde mit dem Kommandeur sprechen. Welche Kompanie?«

»Die zweite, Herr Stabsarzt.«

»Gut. Lassen Sie mich jetzt in Ruhe, Kronenberg!« Dr. Bergen beugte sich über seinen Rapport, und Jakob Kronenberg entfernte sich zufrieden mit einem zackigen Gruß und einer krachenden Kehrtwendung - aber nicht bevor er sah, daß Dr. Bergen notierte: Anfordern Schütze Ernst Deutschmann, zweite Kompanie, als Hilfssani.

»Man muß die Leute zu nehmen verstehen«, sagte Kronenberg später zu Deutschmann. Sie saßen am Fenster, und der Sanitäter weihte seinen Hilfssani in die Geheimnisse des »17 und 4« ein. »Der Deutschmann kommt zu uns, Herr Stabsarzt«, habe ich gesagt, »oder ich gehe!« Kronenberg sah sein Gegenüber an, um sich zu vergewissern, ob seine Worte Wirkung zeigten. Deutschmann staunte ihn pflichtgemäß an. »Da hat er natürlich sofort ja gesagt!«

Und nach einer Weile knallte Kronenberg die Karten hin: »Einundzwanzig!«

Es war ein schöner Abend.

Am nächsten Tag packten die 1. und 2. Kompanie ihre Sachen. Der erste Befehl war umgeändert worden - zuerst rückten die beiden ersten Kompanien ab. Nach fünf Tagen folgten die 3. und 4. Kompanie mit dem Bataillonsstab und dem Revier, das jetzt den Namen »Lazarett« erhielt. Ernst Deutschmann, als neuer Hilfssani, wurde der 2. Kompanie als Sanitäter zugeteilt, was Oberfeldwebel Krüll mit den Worten begrüßte: »Na, Sie trübe Tasse! Sie haben wohl schon gelernt, wie man sich drückt, was? Sie laß ich noch hüpfen!«

Worauf Deutschmann, der tatsächlich überraschend schnell lernte, still entgegnete: »Darf ich Herrn Oberfeldwebel darauf aufmerksam machen, daß ich allein dem Herrn Stabsarzt und dem Herrn Bataillonskommandeur unterstehe?«

»Schnauze!« brüllte Krüll. Aber er raffte sich zu keinen weiteren Gegenmaßnahmen auf, einerseits weil Deutschmann im Recht war, andererseits, weil es nach Rußland ging. Man wußte nie, ob nicht gerade dieser lausige Intellektuelle derjenige war, der einem den ersten Verband anlegte und die Tetanusspritze gab. Oder gar abschleppte -!

Die Reaktion auf Deutschmanns »Beförderung« in seiner Unterkunft war verschieden. Manche beneideten ihn, manche beglückwünschten ihn, und Schwanecke sagte:

»Du hast den richtigen Dreh ‘raus. Das hast du sehr gut gemacht. Dadurch erhöhen sich unsere Chancen, sag’ ich dir!«

»Wie meinst du das?« fragte Deutschmann verblüfft.

Aber Schwanecke antwortete nicht. Er grinste nur vieldeutig und blinzelte ihm zu.

Jakob Kronenberg blieb einstweilen im Revier und würde in fünf Tagen nachkommen, hieß es. Stabsarzt Dr. Bergen rief jede Stunde bei der Sanitätsersatzstaffel an, beschwor den Oberarzt und verlangte den Generalarzt zu sprechen. »Ich brauche einen Assistenten!« schrie er. »Was soll ich allein in Rußland? Bisher hatte ich ein Revier, aber an der Front, bei dem Anfall von Verwundeten! Ich garantiere für keinerlei vorschriftsmäßige ärztliche Versorgung, wenn keine Hilfe kommt!«

In Posen sah man das ein und versprach ihm einen Unterarzt. Aber Dr. Bergen wußte im voraus, daß das wahrscheinlich nur ein Versprechen war wie immer.

Unterdessen packte die Schreibstube der 2. Kompanie die Akten, die Wehrpässe und die wichtigen Schriftstücke in große Blechkisten. Die transportable Einrichtung wurde in Kartons und Holzkisten verstaut, die mit Draht und dicken Bindfäden umwickelt wurden. Darauf kam, mit Tusche gemalt, das taktische Zeichen und die Ziffern 2./999./Ia oder Ib.

In die Schreibstube kam Oberleutnant Obermeier. »Was Neues, Krüll?« fragte er.

»Nein, Herr Oberleutnant. Packen geht planmäßig weiter. Kompanie steht um 20.00 Uhr abmarschbereit.«

»Um 19.00 Uhr Fassen der eisernen Rationen. Alle Unteroffiziere und Feldwebel erhalten Pistolen, Munition und jeder Zug zwei Maschinenpistolen. Wir fahren drei Tage durch Partisanengebiet. Sie sehen so rot aus, Krüll. Haben Sie etwas?«

»Nein, Herr Oberleutnant, nichts.«

Die Schreiber grinsten. Unteroffizier Kentrop rieb sich die Nase. Aber Krüll sah es nicht. In diesen Tagen und Stunden lebte er wie in einem Nebel. Hilfssanitäter Ernst Deutschmann packte seine Ambulanztasche zusammen. Kronenberg half ihm dabei mit fachlichen Ratschlägen und steckte schließlich eine Flasche Kognak zwischen die Medikamente. »Falls dir mal schlecht ist oder gegen Magenschmerzen. Und wenn der >Krüllschnitt< Magenschmerzen hat - die hat er immer, wenn er gesoffen hat, dann gibst du ihm einen großen Eßlöffel Superga-stronomia.«

»Supergastronomia?«

»Rizinusöl heißt das auf deutsch. Der Name stammt von mir.

Krüll hat einen großen Respekt vor ihm. Seinen flotten Durchmarsch schiebt er dann immer auf schlecht gebrannten Schnaps.«

Lächelnd stapelte Deutschmann die Verbandspäckchen und Schnellbinden in der großen Ledertasche, zählte die Leukoplastrollen und die verschiedenen Scheren und Pinzetten. Kopfschüttelnd erinnerte er sich an das Instrumentarium und an all die modernen Geräte, die ihm in Berlin zur Verfügung gestanden hatten. Was soll er im Ernstfall mit diesen paar Pinzetten und Scheren anfangen?

Stabsarzt Dr. Bergen kam in den Raum.

»Haben Sie alles zusammen?« fragte er Deutschmann.

»Jawohl, Herr Stabsarzt.«

»Wenn Sie genau wissen, wo das Lazarett hinkommen soll, versuchen Sie schon, Quartier zu suchen.«

»Wenn Herr Oberfeldwebel mir das erlaubt.«

»Oberfeldwebel?« Dr. Bergen richtete sich auf. »Sie haben von mir den dienstlichen Befehl, für das Lazarett Quartier zu suchen. Mit der 2. Kompanie haben Sie nur verwaltungstechnisch zu tun. Befehle haben Sie nur von mir entgegenzunehmen! Übrigens - was sind Sie - was waren Sie früher von Beruf?«

»Arzt«, sagte Deutschmann.