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Dr. Bergen fuhr herum. »Arzt?« fragte er überrascht. »Wieso ... warum?« Er wirkte auf einmal unbeholfen.

»Jetzt bin ich hier«, sagte Deutschmann trocken.

»Ja - jetzt sind Sie hier, jetzt sind Sie hier«, sprach Dr. Bergen hilflos und gab sich schließlich einen Ruck. Jetzt war er wieder so, wie ihn alle kannten: kühl, ruhig, abwesend. »Also tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe.«

»Jawohl, Herr Stabsarzt.«

Deutschmann exerzierte das gleich durch, als er auf die Stu-be kam, wo er Wiedeck und Schwanecke traf. Er packte die Kognakflasche aus und ließ sie kreisen. Und wie stets im unrechten Augenblick tauchte auch diesmal Krüll überraschend auf.

Der Oberfeldwebel zwinkerte überrascht milden Augen, als er die drei Soldaten um den Tisch sitzen sah; offenbar wollte er sich vergewissern, ob ihm seine aufgeregten Sinne nicht nur irgend etwas vorgaukelten. Aber es stimmte: Auf dem Tisch stand eine Flasche Kognak.

»Schütze Deutschmann«, schrie er, »was haben Sie da?«

»Kognak, Herr Oberfeldwebel.«

»Kog.« Krüll machte ein paar Schritte in die Stube und starrte auf die Flasche. Ein guter Dreistern, ein vollendeter, reiner Kognak! Bei diesen drei Schurken! Ein echter Kognak bei Soldaten von 999! »Her damit!« brüllte Krüll auf. »Wo haben Sie den Kognak her? Schwanecke - geklaut, was? Das gibt einen Tatbericht!« Er wollte die Flasche sicherstellen, aber Schwanecke war schneller, griff hämisch grinsend nach der noch halb gefüllten Flasche und gab sie Deutschmann, der sie in seiner Tasche verschwinden ließ.

»Die Flasche ist Eigentum des Reviers, Herr Oberfeldwebel«, sagte Deutschmann erklärend. »Ich wurde gerufen, weil -weil Schütze Schwanecke einen Schwächeanfall bekam. Kognak ist dagegen das beste Mittel.«

Krüll wurde weiß im Gesicht. »Eine Frechheit - Sie - Sie auch - und der Schütze Wiedeck, he?« fragte er gefährlich leise. »Hatte Sodbrennen, Herr Oberfeldwebel. Auch dagegen verordnete ich einen Schluck Kognak.«

»Geben Sie sofort die Flasche her!« Krüll beugte den roten Kopf vor. Doch Deutschmann sah ihm fest in die zusammengekniffenen Augen.

»Darf ich den Herrn Oberfeldwebel noch einmal darauf aufmerksam machen, daß ich der Kompanie nur zugeteilt bin und nur Befehle des Herrn Stabsarztes entgegennehme. Denn ich habe ausdrückliche Weisung des Herrn Stabsarztes.« Seine Stimme zitterte leicht. Und noch während er redete, fragte er sich, über sich selbst erschrocken, woher er den Mut nahm, mit Krüll so zu sprechen. Er wollte sich mitten in der Rede stoppen, die Flasche aus der Tasche nehmen und sie dem wütenden Spieß geben. Aber er tat es nicht, er sprach weiter, als würde jemand anders aus ihm sprechen, über den er keine Gewalt hatte.

Schwanecke sah Deutschmann bewundernd an, als wollte er sagen: Mensch, das habe ich dir aber nicht zugetraut, alle Achtung!

Und Krüll? Er war wie ein aufgeblasener Ballon. Er konnte schreien und seine Untergebenen schinden und schikanieren wie kein zweiter, aber er hatte kein Gewicht. Er gab nach. Sicher hätte er es nicht getan, hätte er alle drei über den Appellplatz gejagt - wenn auf ihm nicht die Gewißheit lasten würde -Rußland. So aber ging er und ließ die drei mit der Kognakflasche allein.

Um 19.00 Uhr empfingen die Unteroffiziere ihre Pistolen und Karabiner und jeder Zug zwei Maschinenpistolen. Die ausgegebene Munition wurde dreimal durchgezählt und dreimal quittiert. Außerdem bekam jede Gruppe einen Kasten mit zwölf Stielhandgranaten. Der WuG - Unteroffizier für Waffen und Geräte - schüttelte den Kopf, als er sie über den Tisch hinwegschob und die unterschriebenen Empfangsbescheinigungen einsammelte.

»Als ob ihr damit die Partisanen aufhalten könnt, wenn sie einmal losgehen!« Er war viermal verwundet, hatte beide Eisernen Kreuze und blieb - garnisonsdienstfähig geschrieben -in Posen, um die Waffen und Geräte des Ersatzbataillons zu übernehmen. Peter Hefe, aus den seligen Gefilden Frankreichs nach Posen gekommen, betrachtete beklommen die Waffen auf den Tischen. Sie blinkten schwach, gut gepflegt, geölt, vorbildlich.

»Bekommen wir keine MGs?«

»Zwei pro Kompanie.« Der WuG lochte die Empfangsbescheinigungen und heftete sie in einem Ordner ab. »Aber nur unter Verschluß. Freigegeben nur im Notfall. Was wollt ihr mit MGs, wenn ihr doch nur an die Front kommt, um den ganzen Mist wegzuräumen, der da ‘rumliegt?«

»Also ein besserer Bautrupp?«

»Besser - ist gut!« sagte der WuG gleichgültig. »Die Arbeit, die ihr kriegt, mein Lieber, faßt kein Bautrupp mit der Zange an.«

Peter Hefe und die anderen schwiegen bedrückt. Der WuG war der einzige unter ihnen mit großer Rußlanderfahrung. Auch Krüll hatte die Worte gehört, als er in die Waffenkammer kam, um nachzusehen, wo seine Gruppenführer blieben.

»Und was bekomme ich?« fragte er.

»Eine 08 und 50 Schuß.«

»50 Schuß? Wohl verrückt! Was soll ich mit lächerlichen 50 Schuß?«

»Hör mal zu -«, der WuG schob Krüll die Pistole mit einer Tasche, zwei Magazinen und den Patronenschachteln über den Tisch, »ehe du die 50 Schuß im Ernstfall verfeuerst, fliegst du als Englein schon längst über die Wolken .«

Oberleutnant Obermeier studierte die Marschbefehle. Wernher, der Chef der 1. Kompanie, stand neben ihm.

»Zuerst nach Warschau«, sagte Obermeier, der mit dem Finger vergleichend über die Landkarte fuhr, »dann weiter nach Bialystok und Baranowitschi. In Baranowitschi zwei Tage

Aufenthalt und Verladen. Dann weiter nach Minsk und Boris-sow.«

»Borissow an der Beresina«, sagte Oberleutnant Wernher sinnend. »Am 26.11.1812 überschritt Napoleon die Beresina. In Geschichte war ich schon immer gut.«

»Und am 10.11.1943 das Strafbataillon 999. Du kannst das später einmal in deinen Memoiren als einen Markstein deines Lebens verwenden. Auf Napoleons Spuren ...«

»Hoffentlich ergeht es uns nicht so wie ihm«, seufzte Wernher.

Obermeier beugte sich wieder über die Karte und den Zugplan.

»Von Borissow geht es nach Orscha weiter. Dort werden wir endgültig ausgeladen.«

»Hoffentlich kommen wir auch an!«

»Das halte ich für sicher. Entlang der ganzen Strecke sollen in Bunkern bulgarische Truppen als Sicherung liegen. Der Mist beginnt erst hinter Orscha. Dort sickern Sowjets laufend durch unsere Stellungen und verstärken die Partisanen. Um Gorki herum soll ein intaktes, mit allen Waffen ausgerüstetes Bataillon der Partisanen in den Wäldern liegen. Übrigens - hast du eine Ahnung, was für einen geheimnisvollen Auftrag wir dort übernehmen sollen?«

»Keine Ahnung. Barth hüllt sich in Schweigen. Allerdings bezweifle ich, ob er es selber weiß.« Oberleutnant Wernher richtete sich auf und zupfte seinen enganliegenden, eleganten Uniformrock gerade. Er besaß eine Bilderbuch-Reiterfigur. »Die Schrecken zu erfahren, verschieb, solang du kannst«, zitierte er. »Wann sollen wir abrücken?«

»Neuester Befehclass="underline" Morgen früh sieben Uhr.« Obermeier lächelte. »Ich würde dir raten, gleich zu deiner Witwe zu reiten. Oder hast du schon Abschied genommen?«

»Halb und halb. Es wird für lange Zeit die letzte Frau sein, die ich sehe«, maulte Wernher. Aber er blieb und machte sogar den Appell seiner 1. Kompanie mit.

Die Angetretenen betrachteten dies als einen endgültigen Beweis, daß es tatsächlich ernst wurde.

Oberfeldwebel Krüll meldete Punkt 20.00 Uhr die angetretene 2. Kompanie. Er hatte seine 08 umgeschnallt, den Stahlhelm auf den dicken Kopf gestülpt und trug eigene Reithosen, die in langen schwarzglänzenden Stiefeln steckten. Er sah sehr kriegerisch aus.

Die Kompanie stand feldmarschmäßig: mit gepackten Tornistern, gerollten Decken und Zeltplanen. Spaten waren das einzige Gerät, das sie bei sich trugen. Schulterstücke und Kragenspiegel fehlten. Sie waren grau in grau, eine Masse Mensch, die in drei Reihen aufgebaut war und auf das Kommando »Dieeee Augen - links!« die Köpfe mit einem Ruck zur Seite warf.