»2. Kompanie, 24 Unteroffiziere und 157 Mann, angetreten, 6 Mann im Revier, 3 Mann abkommandiert.« Krülls Stimme klang laut über den Platz.
Oberleutnant Obermeier ließ rühren und überblickte seine Kompanie.
Der lange Oberst von Bartlitz im ersten Glied war blaß, sein Gesicht war ruhig und unbeweglich wie immer. Hinter ihm der Major - wie hieß er gleich? - ein tollkühner Draufgänger und Ritterkreuzträger, dessen schnelle Karriere einst verblüffte. Wiedeck und Schwanecke hatten gleichmütige Mienen wie fast alle die anderen, und fast alle waren alte Landser. Sie kannten das. Ihnen konnte man nichts vormachen. Sie wußten, wohin sie fuhren, sie machten sich keine Illusionen - aber tief in ihnen steckte wohl immer noch ein Rest der Hoffnung, die in jedem Menschen steckt, solange er lebt: Vielleicht - vielleicht komme ich durch ...
Am Ende der Kompanie, gewissermaßen als Schlußlicht, stand ein wenig vornübergebeugt Ernst Deutschmann mit einer Rote-Kreuz-Armbinde und seinem Ambulanzkasten. Der Arzt als Hilfssani! Und als er daran dachte, kurz bevor er die kurze Ansprache an seine Kompanie begann, durchfuhr Oberleutnant Obermeier der Gedanke an den Widersinn des Ganzen: Alte, hohe Offiziere, die mehr von Kriegführung verstanden als alle die »Jetzigen«, die sich anmaßten, Armeen zu führen und den Krieg zu gewinnen, standen hier, um an die Front zu fahren und dort als der letzte Dreck den Tod zu finden. Spezialisten, über deren Mangel man klagte. Verbrecher, die in keine Armee der Welt gehörten. Ein Arzt als Hilfssani - und dabei der Mangel an Ärzten. Was war es nur, was da nicht stimmte?
Doch Obermeier riß sich zusammen.
»Soldaten«, rief er laut, »ihr wißt, daß es nach Rußland geht. Ich brauche da nichts mehr zu sagen. Wir werden unsere Pflicht tun, wohin wir auch gestellt werden. Morgen früh um 7.00 Uhr rücken wir ab. Der 3. Zug zuerst. Er bereitet auf dem Güterbahnhof die Waggons vor, bis der Rest der Kompanie kommt. Ich brauche für den Küchenwagen noch zwei Mann. Bartlitz und Vetterling vortreten!«
Hauptmann Barth, der den Appell durch das Schreibstubenfenster beobachtete, trat jetzt zurück. Bei der 1. Kompanie hielt jetzt Oberleutnant Wernher die obligate Ansprache. Elegant, drahtig stand er vor der Dreier-Reihe und ermahnte mit heller Kommandostimme seine Leute. Beste Kadettenschule, dachte Barth. Der Obermeier denkt zuviel. Wieso jetzt wieder dieser Unsinn mit dem ehemaligen Oberst von Bartlitz und dem Professor Vetterling. Küchenwagen! Als ob er sie dort am Leben erhalten konnte! So ein Unsinn, dachte er, so ein Unsinn ...
Über den Appellplatz rollten die ersten Lastwagen mit dem Bataillonstroß zum Bahnhof.
Mischa Serkonowitsch Starobin saß vor der Erdhütte im Schnee und suchte in seinem Pelz nach Läusen. Die Sonne schien, der Schnee funkelte, an der Front war es still. Ein schöner ruhiger Tag. Um ihn herum lag die Einsamkeit russischer Wälder. Selbst die Wölfe waren weitergezogen, ostwärts, dem Ural und der Mongolei zu. In ihrem alten Revier hausten Soldaten, und die Erde brach auf unter den Granaten. Die Wölfe wurden vertrieben und rannten dem Wind entgegen, der über die unendliche Weite zog; die Zungen weit heraushängend, die Körper nahe am Boden, die kalten, gelben Augen zusammengekniffen. Nur ihre Höhlen blieben zurück, die Dickichte, die verfilzten Wälder, die Urstämme, an denen sich der Sturm brach und in denen der Frost sich verbiß. Jetzt lebten Menschen dort: wieselflinke, erdbraune, wimmelnde Gestalten, gierig wie die Wölfe vor ihnen, doch weitaus gefährlicher.
Manchmal ging ein Flüstern durch die Wälder bei Gorki und Bolschie Scharipy. Es flog von Höhle zu Höhle, von einer eingegrabenen Hütte zur anderen. Wenn dann die Nacht kam, zogen Schemen durch das Unterholz wie große, gepanzerte Ameisen - zum Waldrand, zu der Straße nach Babinitschi, zum Flusse Gorodnia. Aus der Dunkelheit heraus flammte es dann auf, vielfältig, verderbend, den Tod um sich streuend, die Stille der Wälder zerreißend. Menschliche Stimmen schrien auf und verebbten stöhnend, helle Kommandos, Scheinwerfer, die unter Schüssen erloschen, Schatten, die durch den Schnee hetzten und im Waldesdunkel untergingen, als seien sie nie dagewesen. Dann schneite es, und die Flocken bedeckten jegliche Spur des nächtlichen Spuks. Die Sonne an den nächsten Tagen beschien nur kleine Hügel, aus denen eine Hand ragte oder ein gelbblasses Gesicht oder ein Bein in einem derben Stiefel. Oder sie sah einen Menschen, der langsam und schwerfällig über das Schneefeld kroch, die Beine hinter sich herziehend, um Hilfe schreiend ...
»Es ist ein neues Bataillon gekommen, Annaschka«, sagte Mischa und schüttelte den Pelz. »Weiß es der Starschi Leite-nant?«
Anna Petrowna Nikitewna kroch aus der Höhle und schaufelte Schnee in einen zerbeulten Kochtopf. Sie hatte die derben Knochen mittelrussischer Bäuerinnen und das lange, schwarzsträhnige Haar der Mongolinnen.
»Sergej ist bereits in Orscha«, sagte sie.
»Der Satan hole die Deutschen! Sie werden Sergej fangen!« Mischa Starobin erhob sich und zog seinen Pelz an. Er war groß und stark wie ein Bär, mit leicht geschlitzten Augen, einem buschigen Schnurrbart und Beinen, die wie Säulen durch den Schnee stapfen.
»Er wohnt bei Tanja, seinem Täubchen.« Anna Nikitewna lachte.
»Die Neuen haben keine Nummer.« Mischa sah zu, wie Anna den zerbeulten Kessel über das Feuer hing. Der Schnee schmolz langsam. In das Schneewasser würde sie Kapusta tun, ein Stückchen Fleisch - Flügelchen und die Brust einer Krähe. »Gott beschütze Sergej - die Neuen sind verflucht schlimm.«
Mischa sagte Gott, und Anna lachte darüber. Wenn Mischa von Gott sprach, hatte er Angst. Der große, starke Mischa Starobin! Wie kann er Angst haben? dachte sie und rührte in dem Schnee. In die Wälder von Gorki kommt kein Deutscher. Zweimal sind sie um sie herumgezogen. Dort, wo die Wölfe lebten, ist meistens auch der Mensch sicher.
Durch das Dickicht kroch ein kleiner krummbeiniger Mann in einem langen, alten Schafspelz. Seine Fellmütze mit den Ohrenschützern war schneeverkrustet. Als er Mischa und Anna sah, winkte er und arbeitete sich durch den kniehohen Schnee zu der Erdhöhle.
»Brüderchen Pjotr!« Mischa Starobin lachte breit. »Was macht die Kolchose? Von Deutschen besetzt, ha?« Er reichte dem Kleinen die Hand entgegen und zog ihn heran.
Pjotr Sabajew Tartuchin blinzelte mit seinen kleinen, listigen Augen. Er sah mongolischer als ein Mongole aus. Seine gelbe Haut zog sich faltig und pergamentartig über das runde Gesicht, in dem die Nase wie ein Knopf mit zwei Löchern saß. Seine überlangen Arme baumelten am Körper herab, als gehörten sie nicht zu ihm, und seine Schultern waren unverhältnismäßig breit.
»Draußen laufen die Deutschen herum!« Er trat gegen Annas Kessel, warf ihn um und schaufelte mit dem Stiefel Schnee auf die Feuerstelle. Zischend erlosch die Flamme. »Man sieht den Qualm, ihr Holzköpfe! Freßt den Kapusta kalt!«
Anna Petrowna Nikitewna holte den Kessel aus dem Schnee und warf ihn in die Erdhöhle. »Sie werden nicht wagen, in den Wald zu kommen. Sind es viele?«
»Nein, aber wenn sie den Rauch sehen, wissen sie, wo wir stecken.« Pjotr wischte sich über die Augen und über das gelbe, vor Kälte starre Gesicht. »Starschi Leitenant läßt sagen, daß heute nacht Sammeln ist.«
»Och - verflucht!« sagte Mischa und dachte an den verlorengegangenen Kapusta. »Heute nacht?«
»Wir müssen einen Mann der Neuen fragen. Sie haben keine Nummern, nicht einmal Schulterstücke. Vielleicht ist es ein Sonderkommando, um uns zu fangen?«
»Unsinn, wer soll uns fangen?«
»Sie sind ganz frisch aus Deutschland gekommen, junge und alte. Sergej sagt, es sei eine merkwürdige Truppe. Sie haben kaum Waffen ...«
»Und da wollen sie uns fangen?« Mischa lachte dröhnend.
»Sie sollen Geheimwaffen haben, du Esel! Sie kommen noch nach, sagt Sergej.« Tartuchin hauchte in die Hände und schob dann den Kragen seines Pelzes höher gegen das Gesicht. »Wo sind die anderen?«