Sie gab sich Mühe, ihre Ungeduld zu verbergen, aber er merkte es wohl. Insgeheim lächelte er.
Ich habe sie soweit, daß sie hier sitzt und mit mir Schnaps trinkt, dachte er. Ich hab’ sie soweit, daß sie in mir nicht mehr das Untier sieht, das sie noch vor einigen Tagen gesehen hatte. Ich werde sie noch weiter bringen. Ich werde ihr diesen verdammten Deutschmann ausreden. Sie ist schön. Trotzdem sie mager geworden ist, aber vielleicht ist sie deswegen noch schöner weil ihr Gesicht und ihr Lächeln traurig sind. Ich werde ... dachte er, und er sagte:
»Versuchen Sie es zu vergessen - wenigstens für eine kurze Zeit, und glauben Sie nicht, daß ich Ihnen irgend etwas ausreden will, was Sie sich in den Kopf gesetzt haben ...«
»Das versuchen Sie doch schon die ganze Zeit ...«
»Nicht mehr«, erwiderte Dr. Kukill. »Ich will Ihnen nur sagen, daß Sie dann um so besser arbeiten können, wenn Sie das Ganze wenigstens für einige Stunden vergessen. Versuchen Sie abzuschalten. Sie werden stärker dadurch.«
»Vielleicht haben Sie recht, vielleicht sollte ich es wirklich versuchen«, sagte Julia und tat damit genau das, was er wollte.
»So ist es recht, trinken Sie, es wird Ihnen bestimmt gut schmecken. Nachher werden wir essen - ohne Lebensmittelmarken und solchen Unsinn, was wir wollen, und dann - wollen wir dann tanzen gehen?«
»Tanzen? Wieso tanzen, ich dachte .«
»Das gibt es auch noch, obwohl es offiziell verboten ist. Wollen wir?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Auf Ihr Wohl! Vielleicht werden Sie sich’s noch überlegen.«
Kapitel 6
Schütze Hugo Siemsburg kam nach Orscha ins Feldlazarett. Er war der erste Verwundete des Bataillons 999. Ein Schultersteckschuß, der das linke Schulterblatt zertrümmert hatte. Siemsburg würde durch seine Verletzung für immer eine leicht schiefe Schulter behalten; er war somit untauglich geworden, einen Tornister zu tragen ...
»Netter Heimatschuß«, kommentierte Oberfeldwebel Krüll, als sich Siemsburg zum Transport ins Lazarett abmeldete. »Steckt kaum die Nase aus dem Bau - bum! - ist er wieder in der Heimat.«
»Das nächste Mal kannst du ja mitkommen«, meinte Unteroffizier Hefe anzüglich. »So einen Schuß kann ich dir jederzeit beschaffen.« Rußland schien die straffe, unmenschliche Disziplin im Bataillon etwas gelockert zu haben. Aber so ging es um diese Zeit nicht nur dem Strafbataillon 999, sondern allen Einheiten der deutschen Wehrmacht, die sich in den russischen Weiten herumschlagen mußten. Oft wich die Disziplin einem tiefen, starken Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Verbundenheit, wie es nur eine langandauernde Todesgefahr erzeugen kann, oft aber wurde es von Aufsässigkeit und Egoismus verdrängt, wobei jeder nur an sich selbst dachte und daran, wie er diese schreckliche Zeit überstehen konnte.
Deutschmanns Ambulanztasche kam in dieser Nacht zum ersten Male zum Einsatz. Mißtrauisch sah Krüll zu, wie Deutschmann Hugos Wunde, die er auf der schneeverwehten Straße nur notdürftig verbunden hatte, so gut wie möglich versorgte. Als er fertig war, wickelte er mit geschickten Händen vier Binden um die Schulter, durch die Achsel hindurch und befestigte sie mit einer Klammer. Krüll verzog den Mund. Er fühlte sich in diesem Augenblick neben Deutschmann klein und unwichtig.
»Vier Binden? Ist das nicht Verschwendung?«
»Wenn Sie einmal dran sind, werde ich nur zwei nehmen, Herr Oberfeldwebel«, sagte Deutschmann kalt, während er Hugo eine Tetanusspritze in den Hintern jagte.
Brummend ging Krüll weg. Das Leben der 2. Kompanie war an diesen beiden ersten Tagen knapp hinter der Front mehr als improvisiert. Sie lag hier in der Schnee-Einsamkeit am Rande von Gorki und wußte nicht, was sie hier tun sollte. Die Front selbst verlief sieben Kilometer östlich vor dem Wald. Auch dort war es in dieser Zeit still, als wären die Menschen und mit ihnen der Krieg im Frost erstarrt. Ab und zu kamen einige Munitionsschlitten vorbei. Der Kommandeur des vor ihnen liegenden Infanteriebataillons sah kurz herein und begrüßte sehr kameradschaftlich Obermeier, bis er erfuhr, daß hier eine Kompanie von 999 lag. Da wurde er sehr förmlich und fuhr bald wieder ab.
»Als hätten wir Krätze!« stellte Kentrop fest.
Es war, als spräche sich’s herum, daß ein Strafbataillon im Abschnitt lag. Zuerst nur ab und zu, dann aber immer zahlreicher, tauchten Offiziere, Zahlmeister, Feldwebel und einmal sogar ein Oberst auf - Divisionskommandeur der 26. Infanteriedivision auf der Durchreise nach Orscha -, um einen Blick auf den Betrieb zu werfen, der in einem solchen »Todeshaufen« herrschte. Sie wurden zunächst enttäuscht. Die Kompanie
- genauso wie die 1. Kompanie in Babinitschi, wo Oberleutnant Wernher mißmutig herumsaß und an seine Gutsherrin von Murowana dachte - lag in völliger Ruhe, machte ihren Dienst, der zunächst aus Sauberhalten der Quartiere und Freischaufeln der Anfahrtswege bestand, und döste im übrigen herum. Man erwartete Befehle des Bataillons. Sie wurden nicht nach Rußland an den Dnjepr geschickt, um zufaulenzen, das war klar. Schwanecke witterte es: »Diese Stille«, sagte er einmal zu Deutschmann, »das ist Mist. Irgendwas braut sich zusammen. Und wenn es losgeht, sitzen wir mitten im Dreck, sag’ ich dir. Es wird Zeit, daß wir irgend etwas unternehmen .«
Mit einem Nachschubschlitten wurde Schütze Siemsburg nach Orscha gebracht. Deutschmann mußte ihn begleiten und sollte gleichzeitig bei Hauptmann Barth einige wichtige Papiere abholen. Eigentlich sollte dies Peter Hefe tun, aber da Deutschmann sowieso nach Orscha fuhr, meinte Hauptmann Barth am Telefon: »Warum soll nicht mal ein Sanitäter Kurier spielen?«
Krüll verabschiedete sich von ihm mit den Worten: »Hauen Sie schon ab, Mann! Und wenn es unterwegs schießt, halten Sie ja Ihre Birne hin. Das wäre das Beste für Sie und für mich!«
Die Fahrt mit dem Motorschlitten nach Orscha ging glatt vonstatten. Wohl sahen sie hin und wieder zerlumpte, eingemummelte russische Bauern, aber der Unteroffizier, der den Schlitten fuhr, winkte ab. »Arme Kerle«, sagte er, »sie versuchen ihre Höfe zu retten - als ob es noch was zu retten gäbe. Sie wurden alle überprüft und sind froh, daß sie nicht mehr in ihren Kolchosen sein müssen. Viele sind Hiwis bei uns und versorgen unseren Nachschub. Partisanen sehen anders aus!«
Als sie durch Babinitschi fuhren, stand neben der Straße ein zerlumpter Kerl und winkte dem Schlitten zu. Sein eingefallenes Gesicht unter der hohen Fellmütze war gelblichbraun.
»Guten Morgen, Väterchen!« rief der Unteroffizier vom Schlitten herab.
Oberleutnant Sergej Petrowitsch Denkow grinste breit.
»Guten Morrgenn, Briderrchen!« rief er zurück und winkte wieder. Dann ging er weiter, hindurch durch Babinitschi, vorbei am Quartier Oberleutnant Wernhers gegen das freie Land zu, an dessen Horizont der dunkle Wald lag ...
In Orscha gab Hauptmann Barth dem wartenden Deutschmann ein dickes Kuvert. »Einsatzbefehle. Passen Sie gut auf!« sagte er abschließend.
Deutschmann grüßte und ging. Langsam stapfte er durch den schmutzigen auseinandergezogenen Ort. Er hatte Zeit bis zum Abend. Im Bataillonsgefechtsstand hatte er erfahren, daß der nächste Schlitten erst bei Anbruch der Dunkelheit zurückfuhr. So ging er zum Feldlazarett, einem der wenigen festen Ziegelbauten des Ortes, in dem früher eine Schule war, um Graf Siemsburg zu besuchen. Siemsburg war inzwischen neu verbunden worden und sollte mit dem nächsten Zug nach Boris-sow kommen. In Orscha hatte man keine Röntgenapparate, um ihn zu durchleuchten.
»Wenn ich Glück habe, können sie das Schulterblatt flik-ken«, sagte Hugo und lächelte schwach. »Allerdings kommt es darauf an, welcher Chirurg mich unter die Finger bekommt. Hier erzählt man, daß in Sokolow ein phantastischer Arzt sitzen soll. Ehemaliger Chefarzt einer Universitätsklinik. Aber dahin bringt man wohl keinen von 999 .«
»Auch nicht wenn er ein Graf ist?« fragte Deutschmann lächelnd. Siemsburg gähnte. Man hatte ihm eine Spritze gege-ben, die Schmerzen ließen nach, er wurde müde. »Auch dann nicht. Die Zeit der Grafen ist vorbei«, murmelte er. »Aber sag einmal, du bist doch selbst ein Arzt. Wird man mich wieder einigermaßen zusammenflicken können?«