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Fenster dem Schlitten nach, der schon weit draußen über die Steppe glitt.

Durch die Nacht rumpelte der Schlitten.

Es schneite. In dicken, trägen Flocken rieselte der Schnee aus dem Grauschwarz des Himmels. Lautlos deckte er das Land zu. Vor den Kufen des Schlittens wirbelte der Neuschnee in Wolken auf und stäubte über die vermummte Gestalt, die das Fahrzeug lenkte. Durch den Vorhang aus weißen Perlenschnüren hob sich die schwarze Wand des Waldes nur unklar gegen den Horizont ab. Auf der rechten Seite der Straße stachen in weiten Abständen einige runde Pfähle aus dem Schnee hervor, an denen sich der verwehte Neuschnee immer höher emporhob: Die Kennzeichen der verlegten Telefonkabel, die täglich von den Störtrupps abgegangen wurden.

Schwanecke hielt sich mit beiden Händen fest. Ab und zu fluchte er. Der Schlitten sprang über vereiste Schneebuckel, immer wieder wurde er hochgeschleudert und elend durcheinandergeschüttelt. Die Maschinenpistole, die er sich um den Hals gehängt hatte, schlug ihm in die Magengrube. Der kleine Motor unter seinem Sitz heulte hoch und durchdringend. Ob er diese dauernde Überbelastung aushielt?

Plötzlich sah Schwanecke auf der Straße eine Gestalt aus dem Schneetreiben auftauchen. Eine kleine, zottlige Gestalt in einem dicken Pelz, genauso vermummt wie er selbst. Einsam, verloren stand sie inmitten der grauweißen Weite. Als der Schlitten herankam, hob sie die Hand, ohne sich zu rühren.

Schwanecke trat auf die Bremsen. Der Schlitten rutschte noch etwas, schleuderte, dann stand er. Er stellte den Motor ab und kletterte von seinem Sitz. Den Riemen der Maschinenpistole hob er über seinen Kopf und nahm die Waffe in die Hand. Langsam ging er gegen die stumm wartende Gestalt.

Dann erkannte er ihn, blieb wie angewurzelt stehen, beugte sich vor und hob die Mündung der Maschinenpistole an.

Pjotr Sabajew Tartuchin hob beide Hände zum Zeichen, daß er keine Waffen trug. Aus zusammengekniffenen Augen, deren Pupillen man überhaupt nicht mehr wahrnehmen konnte, starrte er Schwanecke an, schweigend einige lange Augenblicke, bis er schließlich den Mund öffnete und mit steifen Lippen sagte:

»Da bist du!«

Über Schwaneckes Rücken lief ein eisiger Schauer. Sein Blick löste sich von Tartuchin und glitt schnell sichernd über die schneebedeckte Steppe. Tartuchin lächelte schwach.

»Wir sind ganz allein, Briderrchen ...« Er machte eine weitausholende Handbewegung, die die ganze Unendlichkeit einschloß, die sich um sie und über ihnen ausbreitete. »Niemand sieht zu ...«

Schwanecke nickte. »Gut.« Seine Stimme war ihm selbst fremd. Er wußte, daß er kämpfen mußte, und er wollte kämpfen, obwohl er mit einem einzigen Feuerstoß aus seiner Maschinenpistole den andern von der Straße wegfegen konnte. Aber das war zu leicht. Das war nicht das Richtige. Es war zu einfach, abzudrücken, er wollte mehr, und er ahnte, daß sich dieses Mehr genau mit Tartuchins Absichten deckte. »Na los, mach weiter!« sagte er, und in seiner Stimme schwang ein kleines, unlustiges, triumphierendes Lachen.

Tartuchin griff in die Tasche seines Pelzes und hielt Schwanecke zwei kurze, leicht gebogene Dolche entgegen. Sogar jetzt, in der Dunkelheit, konnte Schwanecke sehen, daß ihre Griffe reich verziert waren.

»Schön - verkaufst du sie?«

»Du oder ich!« sagte Tartuchin.

»Machst du’s nicht billiger?«

Tartuchins Lächeln gefror.

»Such dir eins, sie sind gleich.«

Schwanecke zog seinen Handschuh aus und tippte mit dem Zeigefinger gegen die Schneide eines Dolches. Der Dolch war scharf wie ein Rasiermesser.

»Nicht schlecht ...«

Tartuchin nickte: »Er muß durch den Pelz ...«

Schwanecke nahm einen Dolch, wog ihn in der Hand, warf ihn empor, fing ihn geschickt wieder auf und trat dann zwei Schritte zurück.

»Warum Pelz, du gelber Affe?« Er knöpfte seinen dicken Lammfellmantel auf, zog ihn aus und warf ihn in den Schnee hinter sich. Dann sicherte er die Maschinenpistole und warf sie auf den Mantel. »Wir brauchen keinen Pelz in der Hölle, mach weiter!«

Tartuchin zögerte kurz. Dann schälte auch er sich aus seinem zottligen Pelz und warf ihn in den Schnee. Zitternd vor Kälte und Erregung standen sie sich gegenüber. Im Osten, über den verschwommenen Wäldern wurde der Himmel fahl.

»Mach schon, du Mißgeburt!« zischte Schwanecke, duckte sich und streckte die Hand mit dem Dolch leicht vor.

Tartuchin federte in den Knien. Die Schneide seines Dolches schimmerte matt.

So standen sie sich gegenüber. Keiner dachte mehr. Und plötzlich schnellte Tartuchin mit einem ächzenden Laut vor, stieß mit der Hand blitzschnell zu, doch Schwanecke wich aus, zog das Knie an und trat Tartuchin gegen den Unterleib.

Der Mongole brüllte auf. Tierisch, wie ein angeschossener Wolf. Sein Körper klappte zusammen, doch sein Gesicht blieb aufwärts gekehrt. Schwanecke stürzte vor und stieß die Faust mit dem Dolch gegen dieses Gesicht, in die verzerrte Fratze, die wie ein Irrwisch vor ihm hin und her huschte.

Tartuchin wich dem Stoß aus. Er drehte sich um seine eigene Achse und stieß zu, als Schwanecke an ihm vorbei, hinter seinem eigenen Stoß herfiel.

Schwanecke konnte nicht ausweichen, er sah eigentlich den blitzschnellen Stoß des Mongolen gar nicht. Ein heißer, stechender Schmerz in der rechten Hüfte durchjagte ihn. Und fast zugleich fühlte er etwas Warmes über seinen Schenkel fließen.

»Hund, du verfluchter!« keuchte er, sprang zur Seite und stolperte. Das rechte Bein wurde leblos, er konnte sich nicht mehr darauf stützen.

Tartuchin umkreiste ihn. Er warf einen kurzen, schnellen Blick auf die Schneide seines Dolches, sah, daß sie blutig war und begann zu grinsen. Ein wilder Taumel ergriff ihn. Blut! Blut! Sein Blut! »Ich werde dich töten!« keuchte er. Und wieder: »Ich werde dich töten!« keuchte er. Und wieder: »Ich werde dich töten - ich werde dich töten!«

Schwanecke schwieg. Sein rechter Schenkel brannte wie Feuer. Er haßte den andern nicht mehr. In ihm war ein kalter, eisiger Wille zum Töten. Er war ruhig. Und der Schmerz nicht sein eigener Schmerz. Er war außer ihm, denn nichts, was nicht töten hieß, hatte mehr Platz in seinem Körper. Er sah das gelbe, verzerrte Gesicht um sich kreisen und bewegte sich mit, immer um sich selbst, den Dolch in der vorgestreckten Faust. Und dann plötzlich warf er sich wie von einer Sehne abgeschnellt auf die kleine, zusammengebückte Gestalt des Mongolen. Sein Sprung kam so plötzlich, lautlos und unvorbereitet, mit einer eiskalten, berechnenden Wildheit, daß Tartuchin nicht mehr ausweichen konnte. Er ließ sich nur in den Schnee fallen und stieß die Faust mit dem Dolch nach oben. Aber er traf Schwanecke nicht. Er sah Schwaneckes Gesicht über sich, ganz nah, jedes Barthaar erkennend: Ein kaltes, regungsloses, erstarrtes Gesicht, das sich nicht einmal verzog, als Tartuchin weitausholend zustach und Schwanecke in den Rücken traf.

Da brach in Tartuchin eine Welt zusammen. Er spürte die kurze Dolchklinge in seinen Körper dringen, einmal - noch einmal - und er fing grell, um sich schlagend, zu schreien an. In seiner Stimme waren Angst, Grauen, Verzweiflung über den Tod, der auf ihm hockte - und Sehnsucht nach dem Leben. Mit einem verzweifelten Aufheulen schleuderte er Schwanecke zur Seite, rollte abseits und sprang zugleich mit Schwanecke wieder auf. Und dann sah er die Hand des Deutschen mit dem Dolch wieder vorzucken.

Da verlor Tartuchin die Kraft und sein Gesicht.

Er wandte sich ab und rannte schreiend die Straße entlang, durch den wirbelnden Schnee laufend, sich vorwerfend, nur weiter, so weit wie möglich von diesem Dämon, in die fahle Dämmerung, die über die Wälder kroch und die Spitzen der Bäume aus dem Schwarz des Himmels hob. Hinter sich hörte er lautes, irres Lachen. Mit blutendem Gesicht, den brennenden Körper voller Wunden, taumelte er voran. Er weinte.

Er keuchte und sprach - aber wahrscheinlich dachte er nur, daß er es laut sagte, denn die Worte sprangen ihn von überall her an, er war voll von ihnen: »Er ist stärker als ich, er ist viel stärker - ich habe Angst - ich habe Angst, er ist der große, einsame und furchtbare Wolf ...«