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Kapitel 12

Am gleichen Abend erhielt Hauptmann Barth in Orscha den Einsatzbefehl der Division.

Was Wiedeck geahnt hatte, als er die Sonderzuteilungen an Schnaps beim Furier sah, was Krüll und die anderen befürchteten, ohne zu wissen, was es eigentlich war, wovor sie Angst hatten, war mit einem kurzen Schreiben und einem Telefonanruf Wahrheit geworden. Hauptmann Barth las den Einsatzbefehl durch, las ihn zum zweitenmal, blieb eine Weile regungslos sitzen und kurbelte dann die Division an. Er verlangte den Adjutanten, einen Hauptmann, der sich sofort meldete.

»Ach, Barth - Sie sind es«, sagte er jovial. »Ich habe eben an Sie gedacht - und wenn ich ehrlich sein soll, habe ich auch Ihren Anruf erwartet.«

»Dann wissen Sie, worüber ich mit Ihnen sprechen will?«

»Aber klar.«

»Wie haben Sie sich das eigentlich vorgestellt? Warum müssen das gerade wir machen?«

»Da fragen Sie noch? Es ist zwar nicht die Regel, daß eine

Einheit, wie Ihre solche heiklen Unternehmen durchführt, aber der General meint, daß es gelegentlich einen Grund gibt, da einmal eine Ausnahme zu machen.

Sehen Sie, Barth, wir wollen uns nichts vormachen: Das Unternehmen ist verdammt gefährlich. Wir wissen das auch. Aber was sollen wir machen? Bei Witebsk greifen die Russen an, nur bei uns ist es noch still. Warum? fragt man sich bei der Armee. Der Boden ist hartgefroren, das beste Panzerwetter, das man sich wünschen kann. Und doch rührt sich nichts, obwohl die Russen wissen müßten, daß ihnen der Westen offenliegt, wenn sie hier durchbrechen. Es ist alles eben, keine großen Hindernisse ... Wir haben den starken Verdacht, daß sich dahinten bei den Russen irgend etwas zusammenbraut. Wir haben es schon mit Flugzeugaufklärung versucht, aber die Wolken hängen zu tief, und außerdem hat man schon zwei unserer Aufklärer abgeschossen. Die Frage ist: Was geht da hinten, hinter den russischen Linien, vor sich? Und um das herauszubekommen, muß Ihre zweite Kompanie, die dafür am günstigsten liegt, eingeteilt in mehrere Gruppen, durch die russischen Linien hindurchsickern und nachsehen, was da los ist.«

»Das ist genau das, was man ein Himmelfahrtskommando nennt. Ich bezweifle, daß überhaupt jemand zurückkommt«, sagte Barth langsam.

»Einer muß zurückkommen. Wenn dieser eine es schafft, hat er mehr geleistet, als ein ganzes Regiment schaffen könnte. Aber weswegen ich mit Ihnen sprechen wollte: Wir wissen beide, Barth, daß es bei Ihnen sicher eine Menge Leute gibt, die bei der ersten sich bietenden Gelegenheit überlaufen würden. Das war auch unser einziges Bedenken, Ihr Bewährungsbataillon mit dieser Aufgabe zu betrauen. Wir riskieren es trotzdem, und wir werden es schriftlich machen, daß alle diejenigen, die das Unternehmen heil überstehen und zurückkommen, in ihre alten Einheiten versetzt werden und ihren ehemaligen militärischen

Rang zurückbekommen. Das dürfte ein gewaltiger Anreiz sein.«

»Ich finde ihn gar nicht so gewaltig.«

»Ich weiß, was Sie meinen. Wenn man einmal drüben ist, dann ist für einen der Krieg aus. Wir beide - und mit uns alle alten Hasen wissen aber, daß es nicht so einfach ist. Die Russen sind keine sehr guten Gastgeber, wenigstens nicht für uns. Da weiß man nie, was passieren könnte. Im Gegenteil wissen dann Ihre Leute genau, was geschehen wird, wenn sie zurückkommen.«

»Wenn jemand zurückkommt ...«

»Seien Sie doch vernünftig, Barth ... Wir können nicht anders, Barth, wir brauchen die regulären Truppen zum Auffangen der Offensive. Sie wissen ja, wie knapp wir mit den Leuten sind.«

»Und mein Bataillon brauchen Sie zum - bums, weg ist’s!«

»Warum eigentlich dieses lange Gespräch, Barth? Es stimmt, was Sie sagen - aber andererseits ist es die Bewährung für Ihre Männer. Gelingt der Erkundungsstoß oder besser - das Spähtruppunternehmen, dann wird eine Menge ihrer Leute rehabilitiert, und das ist ja auch etwas. Ansonsten ist es eben Krieg. Wir beide haben ihn nicht gemacht.«

»Nee«, sagte Barth, »das haben wir nicht.«

»Na, denn - ich wünsche Ihnen viel Glück. Sie haben den genauen Zeitplan - er ist zwar knapp, aber er wird einzuhalten sein, wenn sich Ihre Leute beeilen. Wir warten auf Ihre Meldung. Ich wünsche Ihnen, beziehungsweise Ihrer zweiten Kompanie, viel Glück!«

»Na, denn los!« sagte Hauptmann Barth müde, als er den Telefonhörer auflegte.

Tanja war aus Orscha verschwunden. Als Sergej eines Nachts an die Tür klopfte und sie aufbrach, weil er keine Antwort erhielt, fand er die Hütte leer.

Vergeblich suchte er nach ihr. Er fragte die Bauern und die als Bauern verkleideten Partisanen, er ließ sie von Tartuchin und seinen wilden Gesellen suchen - doch sie blieb verschwunden, nirgends fand sich eine Spur von ihr. Aber er gab nicht nach: Wenn sie irgendwo in der Nähe war, wenn es ihr nicht gelungen war, sehr weit zu entschlüpfen, dann würde er sie finden. Es gab nichts, was seinen Leuten entging, kein Mensch konnte sich so verstecken, daß sie ihn nicht finden würden.

Wütend - und verzweifelt ging Sergej zurück in die Wälder, in die »Heimat der Wölfe«, wie sie von den Einheimischen genannt wurden, jetzt selber zu einem Wolf geworden, von Hunger nach Rache gepeinigt, blutgierig und gnadenlos.

Nicht weit von Barssdowka, etwas abseits liegend, standen einige niedrige, halbverfallene, windschiefe Bauernhütten. Sie wurden von alten Leuten bewohnt, die ihre Häuser nicht verlassen wollten und sich Heber mit ihnen zusammenschießen ließen, als vor der Front zu flüchten. In einer dieser Hütten wohnte auch die alte Marfa, eine Frau von über 70 Jahren, die von der Milch und der Butter einer Ziege lebte und fast den ganzen Tag über durch das kleine, halb blinde Fenster die deutschen Soldaten und die vorbeirasselnden Nachschubkolonnen anstarrte.

Nachts dann, wenn es ruhiger wurde, kamen durch den Hintereingang ab und zu dickvermummte Gestalten zu ihr, wärmten sich und verschwanden wieder, huschenden Schatten gleich, genauso leise, wie sie gekommen waren: die als Bauern verkleideten Partisanen, die durch die deutsche Front hindurchsickerten.

In einer dieser stillen, weißen, frostklirrenden Nächte kam Tanja zu der alten Marfa.

»Ach, du bist es, Tanjascha«, sagte die Alte und blinzelte das

Mädchen mit ihren schwimmenden, farblosen Augen an. »Du bist es! Du warst schon eine ganze Weile nicht hier.«

»Wie geht es dir?«

»Gut, gut, Töchterchen.« Die Alte strich sich mit knorrigen, durch Gicht gekrümmten Fingern über das alte, geflickte Kleid. »Was machst du hier?«

»Ich möchte bei dir bleiben.«

Die alte Marfa nickte. Sie sprach nicht weiter darüber, und während Tanja ins Haus ging und sich auf dem Heuboden ein Lager zurechtmachte, setzte sich die Alte wieder vor das Feuer und starrte versunken in die flackernden Flammen.

Tanja war beinahe glücklich. Von einer Luke des Heubodens konnte sie hinüber nach Barssdowka sehen. Dort war Michael, dort lebte jener fremde Mensch, der ihr so vertraut geworden war wie keiner vor ihm, dem sie gehörte und dem sie folgen wollte, wohin er sie auch führen würde.

Vielleicht würde sie ihn sehen. Vielleicht auch konnte sie ihn sprechen. Sie dachte daran, was sie ihm sagen wollte, wenn sie ihn fand, sie wollte ihm erzählen, wie die Welt plötzlich einsam war ohne ihn, wie sie auf ihn gewartet, und wie sie sich entschlossen hatte, hierherzukommen, um in seiner Nähe zu sein. Und sie würde ihm sagen, daß sie sich entschlossen hatte, alles hinter sich zu lassen, was ihr lieb und teuer war, um mit ihm sein zu können ...

Hauptmann Barth war überraschend in Barssdowka eingetroffen. Für Oberleutnant Obermeier kam er nicht unerwartet, denn Wernher hatte ihn von Babinitschi aus angekündigt.

Ohne sich um den verblüfften, stramm grüßenden Krüll zu kümmern, ging der Hauptmann in Obermeiers Unterkunft. Hier lagen auf einem ramponierten, roh zusammengezimmerten Tisch die Meßtischblätter des Schanzsektors der zweiten Kom-panie, die durchzogen waren mit grünen, roten und gelben Strichen.